CVP – Kopftuchverbot gegen Sexismus. Echt jetzt?

Die CVP will in ihrem neuesten Positionspapier die Gleichberechtigung fördern. Dafür soll ein Kopftuchverbot in den öffentlichen Schulen eingeführt werden. Right. Vielleicht solltet ihr, liebe CVPler, erst mal dafür sorgen, dass euer ehemalige Vize-Chef an Partys  nicht ungebeten seinen Schwanz an Parlamentarierinnen reibt. Das wär schon ein grosser Schritt in Richtung Gleichberechtigung. Ich schwör, ehrlich. Vorallem, da sein Verhalten ja kein Geheimnis war und man hätte einschreiten können.

Aber grundsätzlich habt ihr mich. Ich bin total für die Trennung von Religion und Staat. Ich schwör. Aber bevor man muslimischen Mädchen das Kopftuch vom Kopf reisst und jüdischen Jungs die Kippa runterschlägt oder ihnen die Schläfenlocken abschneidet, sollten wir vielleicht diese grässlichen Abbilder eines gefolterten Mannes am Kreuz aus den Klassenzimmern verbannen. Mich hat das als Kind immer verstört. Ich konnte die christliche Botschaft der Liebe nie wirklich mit diesem barbarischen Schaustück in Verbindung bringen.

Noch bevor man Kindern verbietet, ihre Kultur und Religion am eigenen Körper in die Schule zu tragen, müsste man doch die Schule grundsätzlich von Religion befreien. Kreuze verboten, Weihnachtsgeschichten weg. Lehrer dürften dann keine religiösen Symbole mehr tragen. Meine gewalttätige Primarlehrerin in Dübendorf hätte schon damals ihr Kreuz um den Hals zuhause lassen müssen. Keine Religion im Klassenzimmer, Religionsunterricht fällt weg und wird durch Aufklärung über den historischen Hintergrund von (allen) Religionen in den Geschichtsunterricht verlegt. Schön wäre es aufzuzeigen, wie die Bibel aus alten vorchristlichen Mythen zusammengeflickt wurde etc.

Also, fertig Religion im Klassenzimmer? Oder doch nicht? Oder sollen nur die «minderwertigen» Religionen, also die nichtchristlichen, verschwinden?

Ihr seid verdammte Heuchler und achtet euren persönlichen Glauben höher als unsere Verfassung, die jedem Menschen Religionsfreiheit zugesteht. Die Ansätze in eurem neuen Postionspapier sind antidemokratisch, fundamentalistisch und durchwegs heuchlerisch.

Aber vielleicht soll das ganze Theater ja auch nur von Buttet und Darbellay ablenken.

Also, bevor ihr irgendjemandem eure arrogante, religiöse Weltsicht aufdrücken wollt, schaut doch, dass sich eure Exponenten an eure eigene Moral halten. Oder wenigstens an einen verfluchten Grundanstand.

«Ein echter Kerl …»

Die Sexismus-Debatte muss geführt werden, weil es da draussen noch immer chauvinistische und sexistische Höhlenmenschen gibt, die bei ihrem Scheissverhalten noch nicht mal ein Unrechtsbewusstsein entwickelt haben. Zwar bin ich nur bedingt begeistert vom Hashtag #MeToo, weil unter diesem Label sexistische Idioten in die gleiche Schublade gesteckt werden wie Vergewaltiger und Sexualstraftäter. Das wird den Opfern sexueller Gewalt nicht gerecht.

Aaaaaaaaber, ich find es ausgesprochen wichtig, dass die Diskussion, die dieser Hashtag ausgelöst hat, stattfindet. Nur schon, weil sie gewisse Denkarten, die bei Männern meines Alters offenbar noch häufig vorkommen, aufzeigt und entlarvt.

So meinte Alex Baur – ein gestandener Journalist bei der Weltwoche – im Zusammenhang von Grenzüberschreitungen im Parlament Folgendes:

Ein echter Kerl steckt die knallende Watsche mit einem schrägen Grinsen weg, wenn er mal zu weit gegangen ist. Das ist nicht das Problem.

Ich konnte es nicht fassen, dass ein erwachsener Mann denkt, Kommunikation, die zur Abgrenzung eine «knallende Watsche» benötigt, die man dann «mit schrägem Grinsen» wegsteckt, sei in irgendeiner Form männlich, adäquat oder normal.

Ein «echter Mann» geht nicht zu weit. Sonst ist er eigentlich nur noch ein echtes Arschloch. Dieses Scheissrollenvorbild eines kernigen Kerls, der die Dame mit etwas Nachdruck, mehr Kraft und spitzbübischem Charme dann doch noch rumkriegt, ist genau das Problem. Und wenn eine Ohrfeige die einzige Art ist, sich vor aufdringlicher Zuwendung zu schützen, dann läuft etwas schief. Ganz zu schweigen davon, dass die Arschlöcher, die so weit gehen, oft mit der Faust auf eine Ohrfeige reagieren, weil ihr Scheissego ja schon ein verbales Nein nicht verkraftet.

Hätte ich eine Tochter, würde ich ihr nicht beibringen, wie sie sich mit einer Ohrfeige gegen Übergriffe wehren kann. Ich würde ihr beibringen, wie man so einem Arschloch erst das Nasenbein bricht, dann den Kiefer zertrümmert und dem Typen zum Schluss mit einem Tritt die Eier in die Speiseröhre befördert. Dann könnte der Typ das mit einem (durch den gebrochenen Kiefer) schiefen Grinsen wegstecken.

Als Jugendlicher hatte mal ein Erwachsener versucht, meine sexuelle Integrität zu verletzen. Ich hab mich gewehrt, indem ich ihm eine Billardkugel im Gesicht platzierte. Es hat gewirkt.

Solange es also noch solche primitiven Klötze da draussen gibt, ist es wichtig, dass wir nicht nur diskutieren, sondern dass wir Frauen so weit empowern und unterstützen, dass sie es für selbstverständlich halten, ihre körperliche und sexuelle Integrität im Notfall auch mit Gewalt zu schützen.

Ein Nein ist ein Nein ist ein Nein. Fragen darf man. Wenn man trotz Nein oder ohne zu fragen zudringlich wird, gibts eins in die Fresse. Das scheinen dann selbst diese Neandertaler zu verstehen.

Gratis-Kokain für Süchtige?

Genug ist niemals genug.

Genug ist niemals genug.

Kokain-Abgabe an Süchtige wie beim Heroin? Das ist eine wiederkehrende Idee,  für die sich diese Woche die Zürcher Stadträtin Claudia Nielsen ausgesprochen hat.

Wieso eigentlich nicht? Bei Heroin scheint es ja zu funktionieren und verringert den Leidensdruck wie auch den Schwarzmarktumsatz. Und es sind ja beides harte Drogen, da könnte man doch mit dem gleichen Konzept ansetzen.

Nun, wer selbst schon Kokain in exzessiver Weise konsumiert hat, wie ich süchtig war, kann einfach erklären, warum das nicht funktioniert. Bei Heroin wirkt die Abgabe so, als würde man einem Auto Benzin zuführen. Es fährt damit eine Weile und muss irgendwann nachtanken. Bei Kokain ist es aber so, als würde man einem Waldbrand Benzin zuführen. Es brennt heisser und der Hunger nach mehr Brennstoff wird angefacht.

Das hat mit der unterschiedlichen  Suchtdynamik der beiden Drogen zu tun. Heroin baut einen Spiegel auf, Kokain tut das nicht. Heroin hat eine Halbwertszeit von ca sechs Stunden. Also nach ungefähr sechs Stunden fällt die Sättigung so weit, dass der Konsument das starke Bedürfnis nach einer neuen Dosis spürt. Bei Substituten wie Methadon, die einen Langzeitspiegel aufbauen, kann die Halbwertszeit zwischen 24 und 36 Stunden betragen. Die Gier nach dem nächsten Schuss kann zwar psychologisch schon früher einsetzen, aber der übermässige Opiatkonsum führt schnell zur Bewusstlosigkeit – oder zum Tod.

Die Halbwertszeit bei Kokain – bei starkem Konsum – beträgt rund 20 Minuten bis eine Stunde. Sofern der Süchtige schnupft. Konsumiert er intravenös oder raucht Freebase, hält die Suchtbefriedigung gerade mal ein paar Minuten an, bevor der Drang nach der nächsten Dosis einrollt. Das ist einer der Gründe, warum Kokainsüchtige ihren Konsum mit Heroin oder Benzodiazepinen kombinieren – um den Crash nach dem Flash abzufedern.

Gibt man nun Kokain an Süchtige ab, hält man den Kreislauf in Bewegung. Man giesst Benzin ins Feuer. Nach jedem Konsum wird der Flash, das kurze High, kürzer und weniger intensiv, was bei der nächsten Linie, beim nächsten Knall, eine höhere Dosis einfordert. Die Versuche mit Kokainabgabe in den 90ern in Zürich haben gezeigt, dass die Konsumenten durch die Abgabe nicht weniger «illegales» Kokain konsumierten, sondern mehr. Zusätzlich zu dem abgegebenen Stoff. Dazu:

«1994 brach man einen Versuch mit ärztlich kontrollierte Kokainabgabe in Zürich vorzeitig ab», erinnert sich die GLP-Grossrätin und Betriebsleiterin der Kontrollierten Drogenabgabestelle, Barbara Mühlheim: Die Abgabe habe nicht zu einer reduzierten Einnahme von Gassen-Kokain geführt, im Gegenteil: «Der Versuch führte sogar zu einem höheren täglichen Konsum bei den Probanden», so Mühlheim.

Man kann also nicht «genug» Kokain abgeben. Niemals. Weil jede Dosis die Gier nach mehr anfacht.

Dann bliebe noch die Substitution durch Amphetaminderivate wie Ritalin. Das könnte in einzelnen Fällen helfen, da Amphetamin eine längere Halbwertszeit hat und die Gier nicht in gleicher Art ansteigt. Nur bleibt eben das gerade bei Schwerstsüchtigen gesuchte Flash, das kurze, harte Reinknallen der Droge, aus. Was dann wieder zu Beikonsum führen würde. Womit wir wieder in der Schleife wären.

Ein weiteres Problem bei Kokainsucht ist, dass sie nicht stetig ist. Bei Opiaten ist durch die körperliche Abhängigkeit eine gewisse Gleichmässigkeit gegeben. Man ist süchtig und bleibt mehr oder weniger bis zum Entzug in diesem Zustand.

Bei Kokainsüchtigen sieht das etwas anders aus. Auf drei Wochen harten Konsum können durchaus zwei Wochen Abstinenz folgen, oder drei Tage. Dann greift die Sucht wieder und der Süchtige knallt sich voll. Das macht eine gleichmässige Abgabe eher kontraproduktiv, da diese Phasen der Abstinenz die Chance zum Ausstieg bergen.

Nationalrätin Min Li Marti meinte, ich solle ruhig zu diesem Thema schreiben, aber doch auch einen Lösungsansatz bringen. Nun, hätte ich eine Lösung, würde ich durch die Welt tingeln und diese an Gesundheitspolitiker verkaufen. Ich wär reich.

Es gibt gesellschaftliche Probleme, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Oder wenigstens keine billigen. Bei Heroin hat man mit Abgabe und Substitution das Problem nicht gelöst, sondern nur die Symptome gemildert und versteckt. Während Lettenzeiten gabs schweizweit rund 35 000 Opiatabhängige, offene Drogenszenen, Gesundheitsrisiken und Kriminalität. Heute gibts noch immer rund 25 000 Opiatsüchtige, nur eben kaum sichtbar. Sie hängen in den meisten Fällen in Sozialwohnungen, leben von Sozialhilfe und geben ihr Geld für Beikonsum aus. Sie gehören übrigens meist zu den Hardcore-Kokainsüchtigen. Aber Substitution ist eben billig.

Versteht mich nicht falsch, ich bin nicht gegen Substitution und Abgabe. Für einzelne Fälle kann die Abgabe von Ritalin ein Lösungsansatz sein. Und ich bin klarer Verfechter der Entkriminalisierung. Konsum und Besitz sollten straffrei sein, da Süchtige nun wirklich schon genug Probleme haben und eine Busse oder eine Haft das Problem nicht mal ankratzen.

Aber die Abgabe von Kokain an Süchtige bewirkt absolut nichts. Sie macht das Problem noch schlimmer.

Um einen gesellschaftlichen Umgang mit Sucht (nicht mit den sichtbaren gesellschaftlichen Symptomen) zu finden, braucht es eine breite Palette von Behandlungsansätzen. Und jeder davon ist teuer. Langzeittherapien werden kaum mehr bezahlt, sind jedoch unerlässlich, um die psychische Prägung, die eine Sucht einem Menschen aufdrückt, wieder aufzulösen. Dazu kommt, dass solche Therapien oft nicht beim ersten Mal anschlagen.

Die Frage ist, will man was für die öffentliche Wahrnehmung tun, oder will man wirklich Süchtigen helfen, aus ihrem Leid auszusteigen.

Billag – die Logik des Service Public

Ich mag viele Angebote von SRF nicht. Die Jass-Sendungen zum Beispiel. Andere mag ich theoretisch, schau sie aber nie, weil sie in der Realität zu langweilig sind. Sternstunde irgendwas zum Beispiel. Wahrscheinlich mag ich mehr als 2/3 der SRF-Sendungen im Radio und im Fernsehen nicht. Ich gehöre nicht zum Zielpublikum und wenns nach mir ginge, könnte man sie einstellen.

Nur, es geht nicht nach mir. Service Public bei SRF funktioniert ein wenig wie Meinungsfreiheit: Grundsätzlich muss ich nicht mögen, was du schaust oder was du hörst. Als überzeugter Demokrat muss ich mich aber dafür einsetzen, dass auch deine Interessen in der Medienvielfalt vertreten sind. Das Ziel ist Ausgewogenheit. Extreme Positionen ausgenommen. Natürlich denkt jeder, der es nicht schafft, sein persönliches Bias zu überwinden, er werde dabei ungerecht behandelt.

Bei SRF ist es jedoch so, dass wir öffentlich über jeden kleinen Fehler diskutieren UND auch das Recht dazu haben. SRF reagiert auch darauf. Privaten Medien geht inhaltliche oder qualitative Kritik am Arsch vorbei, solange die Kasse stimmt. Diese Entwicklung sehen wir gerade bei diversen Medienhäusern.

Die Billag garantiert  – nicht nur beim SRF – eine gewinnunabhängige Berichterstattung. Informations – und Unterhaltungsformate, die zwar nur einen Teil der Bevölkerung interessieren, die aber nirgends sonst berücksichtigt würden.

Wenn wir also davon ausgehen, dass alle Schweizer mit rund 2/3 der Inhalte von SRF nicht einverstanden sind, und wenn wir dann schliessen, dass sich diese 2/3 nur teilweise überschneiden, macht SRF einen guten Job. Sie schaffen es, für jeden 1/3 Inhalte zu bringen, die er/sie annehmen kann.

Wenn wir jetzt dem Öffentlichrechtlichen das Geld wegnehmen, kann das nicht mehr gemacht werden. Produziert werden dann nur noch Formate, bei denen das Werbeeinkommen die Sendung rechtfertigt. Keine Jass-Sendungen mehr. Keine Regionaljournale mehr (geringe Reichweite), keine Nischeninteressen mehr. Nur noch blanker Mainstream.

Also alle, die sich gerade über «Mainstreampresse» aufregen, alle, die sich bei SRF nicht genügend vertreten fühlen, alle, die das Schweizer Fernsehen für einseitig halten: Mit der Anti-Billag-Initiative schafft ihr genau das, was ihr jetzt bejammert.

Nur mit einem Billag-finanzierten SRF ist eine Vielfalt abseits von Gewinn garantiert.

Und nur mit einem Billag-finanzierten SRF haben wir Mitspracherecht.

Rassismus? Köppels infantiler Klamauk

Der Solariumbräune nach küsst hier Roger Schawinski eine Schwedin.

Der Solariumbräune nach küsst hier Roger Schawinski eine Schwedin.

Roger Köppel ist kein Rassist, trotz des neuen «Weltwoche»-Covers. Er ist ein opportunistischer Provokateur, ein Kind, das am Erwachsenentisch laut «Kacka!» ruft, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Er handelt rassistisch, doch nicht aus Überzeugung, sondern aus  billigem Kalkül.

Köppel hat keine rassistischen Überzeugungen. Er hat gar keine Überzeugungen bzw. seine Überzeugungen glichen sich über die Jahre nachweislich dem an, was ihm am meisten nutzt. Köppel glaubt nur an Köppel.

Dass er mit dem Cover den echten Rassisten Auftrieb gibt, ist ihm egal oder er freut sich wie ein Bub, der ein kleines Feuer gelegt hat. Er will, dass jetzt alle RASSIST! schreien, um sich als Opfer des Mainstreams inszenieren zu können. Aber er ist kein Rassist. Echte Rassisten würden sich für Köppel schämen.

Natûrlich ist Bösartigkeit und Menschenverachtung aus Kalkül schlimmer als Rassismus aus Dummheit.

Wo Köppel vor langer Zeit noch elegant provozierte, Sachen in Frage stellte und den Finger manchmal auf die richtige Stelle legte, ist heute nur noch infantiler Trotz und kindischer Radau. Es ist so, dass sich kaum einer mehr aufregt, weil vorhersehbar.

Wenn man die von Köppel so verschrieene «Mainstream»-Presse liest, weiss man genau, was die Weltwoche am Donnerstag bringen wird. Köppel und sein Blatt definieren sich über die anderen Medientitel wie die Satanisten über die Bibel. Inzwischen ist es nicht nur langweilig, sondern auch ziemlich peinlich.

Das Ausloten der Grenzen des politischen Kampagnenjournalismus wie ihn Fox-News in den USA betreibt, hat die Weltwoche in letzter Zeit immer wieder vor den Richter gebracht. Das könnte man als Opferhaltung («Meinungsfreiheit!!!111!!») ausschlachten. Nur besagen die Urteile nicht, dass die «Weltwoche» etwas nicht sagen darf. Sie besagen, dass die «Weltwoche» journalistisch einfach Scheisse arbeitet.

Einer kleinen Stammklientel kann man das dann trotzdem noch verkaufen. Aber selbst überzeugte Konservative gähnen inzwischen über die «Weltwoche», und die paar professionell arbeitenden Journis, die Kadavergehorsam nicht über ihren Berufsethos stellen, werden sich nach besseren Angeboten umsehen. Man will schliesslich nicht für ein Blatt arbeiten, dessen Provokationen an eine Schülerzeitung aus den späten 80ern erinnern.

Nun, es wird sicher so weitergehen. Immer ausfälligere Provokationen mit immer weniger Inhalt, immer weniger ernsthafte Journalisten, die für das Blatt arbeiten wollen, immer weniger Relevanz.

Wenn Köppel sich für die Blocher-Nachfolge positionieren will und irgendwann einen Bundesratssitz anvisiert (das tut er), dann können wir froh sein, dass der Ruf seines eigenen Blattes, auch innerhalb der SVP, seine Ambitionen zunichte macht.

Also, Roger, ab in die Ecke. Schämen! Und dann hundert Mal schreiben: «Ich darf nicht mit Rassismus spielen».

«Wir sind die Guten»

Die wirklich Guten» machen keine Politik. Die kümmern sich um Menschen.

Die wirklich «Guten» machen keine Politik. Die kümmern sich um Menschen.

«Du gehörst doch eigentlich zu den Guten», musste ich mir in der letzten Woche verschiedene Male anhören. Damit gemeint ist, dass ich zum linksgrünen Spektrum gehöre und mich für Menschenrechte, eine sozialverträgliche Politik und solche Sachen einsetze.

Aber gehöre ich «zu den Guten»? Wohl eher nicht. Gäbe man mir absolute Macht, würde ich meine Werte wohl mit Mitteln durchsetzen, die meinen Werten widersprächen. Viele aus meinem linksgrünen Umfeld wünschen sich so stark eine gerechtere Welt, dass sie beim Erreichen dieses Ziels Ungerechtigkeiten in Kauf nehmen und nähmen. Ob über Einschränkung der Meinungsfreiheit, Gesinnungskontrolle oder einen überbordenden Staat – meine linken Freunde und ich wären ungebändigt eher nicht die Architekten des neuen Paradises.

Das ist einer der Gründe, warum ich zuerst Demokrat und erst danach links bin. Es braucht die anderen politischen Kräfte, um Typen wie mich auszubalancieren. Es braucht bürgerliche und liberale Überzeugungen, um meinen Idealismus in Schach zu halten.

Was ich bei den populistischen Rechten so verabscheue, dieses «Wir, die richtigen Schweizer und diese anderen, die Vaterlandsverräter», oder bei den Liberalen «Wir, die Starken, und diese anderen, die Schwachen», spiegelt sich auf linker Seite in «Wir, die Guten und diese anderen, die Menschenverachter». Das mag gut sein, um Leute auf eine Ideologie einzuschwören, als praktischer Ansatz für eine freie, gesunde und soziale Gemeinschaft ist es Scheissdreck. Und das nicht im Sinne von «Dünger».

Die Arroganz, die in der Annahme liegt, man habe selbst die Weisheit mit dem Löffel gefressen und die anderen seien alles Feinde und des Teufels, ist der Grund, dass es die gegnerischen Kräfte braucht. Gnade uns Buddha, wenn einmal eine dieser Kräfte 51 Prozent der Bevölkerung hinter sich scharen kann. Egal, welche.

Die Schweiz ist stabil, weil wir uns gegenseitig auf die Finger schauen und auch mal hauen. Die anderen Kräfte machen es mir möglich, mich für meine Werte einzusetzen, ohne sie totalitär durchsetzen zu können.

Natürlich bin ich von meinen Werten überzeugt. Natürlich greife ich den politischen Gegner mit verbalen Klauen und Zähnen an. Das ist Teil des Spiels. Ich zweifle nicht an meinen Überzeugungen. Nur will ich meinen Gegner weder vernichten, noch mundtot machen oder unterwerfen.

Ich will nicht, dass die Welt nur noch einer einzigen Weltsicht unterworfen ist. Auch nicht meiner eigenen.

Polemik – die verachtete Streitkunst

Zack!

Zack!

„Das ist reine Polemik!“ höre ich oft als Reaktion auf meine Essays, Blogbeiträge und Social-Media-Äusserungen. Und das ist nicht als Kompliment gemeint. Ich solle weniger den Zweihänder und mehr die feine Klinge benutzen. Gerade Kollegen aus der schreibenden Zunft fühlen sich von Wortwahl und Brutalität meiner Argrumentationsketten oft regelrecht abgestossen. Polemik ist in der Schweiz „Pfui bäh!“.

Man äussert sich ind er Schweizer Medienwelt und Politik wohltemperiert und gediegen, Angriffe finden mittels geworfener Wattebällchen statt. Polemik ist das unsaubere Mittel des politischen Gegners. Schliesslich versteht man sich selbst ja als kultiviert und – vor allem – überlegen.

So edel sich das anhört, so schwachsinnig (hier ist Polemik zu spüren) ist dieser Dünkel gegenüber klaren, angriffigen und manchmal verletzenden Worten. Um beim Sprachbild der Klingen zu bleiben: Natürlich benutze ich gegen gewisse Gegner „die feine Klinge“. Ist mein Gegner jedoch ein gepanzerter, mit Streitkolben gewappneter Goliath, stecke ich den Degen weg und greife zur Streitaxt. Wenn ich mich politisch äussere, will ich den Gegner nicht kitzeln, ich will ihn verbal niederringen. Dazu bewege ich mich auch mal ausserhalb dessen, was man hierzulande als „anständig“ bezeichnet. Und es wirkt, wie man zum Beispiel an Jan Böhmermanns Erdogan-Gedicht sehen kann.

Leider gibt es wenige grosse Medien, die sich harte Polemiken leisten, meist aus Angst vor Klage, oder weil sie ihren Leser das Verständnis und die Toleranz für Streitschriften absprechen.

Polemik ist Pfui

In der Schweiz gibt’s gerade mal drei Polemiker mit grösserer Reichweite, die regelmässig den politischen Gegner herausfordern: Roger Köppel in seinem Editorial, Roger Schawinski und Frank A. Meyer. Aber während Köppel Polemik gezielt einsetzt, um politische Themen zu setzen – oft leider nicht faktenbasiert – reagieren die beiden eher linken Polemiker Schawinski und Meyer oft nur auf bereits bestehende Situationen. Und ich bin mir sicher, das alle drei die Bezeichnung „Polemiker“ weit von sich weisen würden. Auch sie nehmen für sich in Anspruch, „objektiv“ zu sein, was natürlich bei einer offensichtlichen politischen Ausrichtung nicht stimmt.

Selbst unsere Schweizer Satiriker zeichnen sich im Vergleich zum englischen Sprachraum – oder nur schon zu den deutschen Kollegen – durch eine immanente Beisshemmung aus. Kaum einer greift an. Der Unterhaltungswert ist wichtiger als die Botschaft. Man ist Comedian und nicht Kabarettist. Andreas Thiel, der einzige bissige Exponent dieser Szene benutzte Polemik hingegen als Marketinginstrument mit reinem Selbstzweck. Wie das ausging, wissen wir ja.

Also auch hier: Polemik ist Pfui. Dabei nutzten Denker, Philosophen, Wissenschaftler und eben auch politische Autoren von den alten Griechen über Gotthold Ephraim Lessing, Arthur Schopenhauer, Heinrich Heine, Karl Marx bis Kurt Tucholsky auf der Bühne, auf Papier und jetzt eben auch online die altehrwürdige Streitkunst der Polemik. Und diese Typen waren nicht nett zu ihren Gegnern – wirklich nicht – obwohl sie heute als Klassiker gelten. Selbst Max Frisch war sich nicht zu schade, auch mal polemisch zu argumentieren.

Objektivität als Fetisch

Polemik bedeutet, dass man klar Stellung bezieht, dass man in einem Streit als Person Partei ergreift. Doch kaum einer getraut sich: „Objektivität“ ist in der Schweizer Politik und Medienlandschaft (abgesehen von der Weltwoche und der Wochenzeitung) eine Art Fetisch geworden. Man will nicht klar für Werte einstehen, weil man damit vielleicht einen Teil der Leser oder einen Teil der Wähler verlieren könnte. Also meidet man Polemik, formuliert so vorsichtig, dass man beliebig wird. Deutschland ist diesen Weg politisch bereits gegangen, was dazu führte, dass man die SPD und die CDU/CSU lange Zeit inhaltlich kaum mehr unterscheiden konnte und dafür Parteien wie die AfD ein scharfes Profil bekamen. Nur so ist es zu verstehen, dass ein Martin Schulz ohne politisches Programm aber mit klaren Werten und Worten die Kanzlerin herausfordern kann. In der Schweiz sind es Exponenten der SVP, die ihr Profil mit Polemik schärfen und so die anderen Parteien hilflos und schwach aussehen lassen.

Lustigerweise benutzen in der Schweiz viele Politiker und Autoren den Begriff „Polemik“ polemisch: Es ist immer der Gegner, der polemisch ist. Ehrewort! Immer, wenn es gilt eine Argumentation zu diskreditieren, wird dem Gegner Polemik vorgeworfen. Zum einen, um den eigenen Standpunkt als hehr und lauter darzustellen und den Gegner als pöbelnden Schreihals zu brandmarken, zum anderen, um sich selbst als „objektiv“ zu positionieren. Damit lässt sich vortrefflich Kritiken abschmettern und Fragen ausweichen. Ich horche jedes Mal auf, wenn jemand der Polemik beschuldigt wird. Meist kann ich da dann ein schmerzhaftes Argument oder ungeliebte Fakten finden, die der Angegriffene lieber nicht diskutieren will.

Natürlich ist es einfach, jedem faktischen, hart formulierten Angriff mit dem Vorwurf der Polemik zu begegnen. Insofern ist „Polemik“ die Nazi-Keule derjenigen, die sich nicht auf einen schmerzhaften Diskurs einlassen wollen, entweder weil sie lieber mit Wattebällchen werfen, oder weil sie wissen, dass sie den Angriff anders nicht abwehren können.

Die dringende Notwendigkeit der harten Worte

Dabei war der Bedarf an klaren, harten Worten seit dem zweiten Weltkrieg nie mehr so eindeutig. Zur Zeit sehen wir in Europa und auf der ganzen Welt eine Welle des politischen Populismus. Faktenfreie Angriffe auf den humanistischen Konsens der Demokratien fordern aufgeklärte und liberale Denker und Politiker heraus, die leider nur mit feingeistigen Erklärungen und wissenschaftlichen Erklärungen reagieren, die kein Schwein ausserhalb einer kleinen, bereits engagierten Gruppe liest.

Aber Populismus funktioniert nicht rational, sondern charismatisch. Sowohl die Exponenten wie auch die Botschaften arbeiten über eine emotionale Anziehungskraft. Und weil Populisten das Instrument der Polemik benutzen, gilt es auf der Seite der Gegner als verpönt. Inhalt wird mit Form verwechselt. Das können wir uns nicht leisten. Um die Kraft der Populisten zu brechen, muss man sie demaskieren, man muss sie verbal und inhaltlichen demütigen. Das klingt hart, aber es ist der einzige funktionierende Weg. Menschen, die sich von Populisten angezogen fühlen, folgen dem starken Leitwolf, dem am härtesten vorgebrachten Argument. Lässt man beides schwach oder gar lächerlich aussehen, wenden sich viele Mitläufer ab. Mit freundlichen Worten und Wattebällchen hat in der ganzen Menschheitsgeschichte noch niemand Populisten oder Extremisten aufgehalten.

Der Klügere gibt nicht nach.

Ich schreibe eine Polemik nicht, um den Gegner von meinen Argumenten zu überzeugen. Ich schreibe eine Polemik, um dem Leser, dem Publikum, aufzuzeigen, wo die Schwächen, die Denkfehler und das ethische Versagen des Gegners liegt.

Das ist in der Schweiz ein ungeliebtes Konzept, da man lieber im Konsens badet. Aber es ist genau dann notwendig, wenn sich kein vernünftiger Konsens abzeichnet, wenn die Mitte in Gefahr ist. Wenn der Klügere immer nachgibt, steht er irgendwann am Abgrund oder mit dem Rücken zur Wand. Man benutzt Polemik, um klarzustellen, in welchem Rahmen überhaupt eine Einigung möglich ist, wo die Grenzen des Verhandelbaren liegen. Man grenzt ab, ein, aus.

Eine feine, vernünftige Zurechtweisung reicht da nicht. Manchmal muss man hinstehen und sagen was Sache ist: „Bis hierhin und nicht weiter.“ Wenn man zu oft den Konsens mit den Extremen sucht, findet man sich selbst sehr schnell ausser Balance. Mit jeder Einigung mit den Rändern der politischen Landschaft verschiebt die eigene Mitte in deren Richtung.

Auf den Mann spielen

In der Schweiz zielt man nicht gerne auf die Person. Aber gerade heute ist es wichtig, aufzuzeigen, woher und von wem die jeweiligen Botschaften kommen. Man kann eine Information nicht unabhängig von ihrem Absender einordnen. Dazu ist es notwendig, jemanden nicht nur der Lüge oder der Hetze zu überführen, sondern ihn auch „Lügner“ oder „Hetzer“ zu nennen. Ich persönlich benutze in meinen Texten oft viel härtere Ausdrücke, um den emotionalen Druck, die Wut, die Kraft und den Widerstand in spürbare Worte zu fassen.

Natürlich gibt es auch bei Streitschriften Abstufungen: Manchmal reicht feine Ironie und ein Seitenhieb, manchmal braucht es geradewegs eins in die Fresse. Das ist aber nicht vom Autor abhängig, sondern vom Ziel, das er treffen will. Und dann muss man sich über die innere, zivilisierte Beisshemmung hinwegsetzen.

Fakten sind die Munition, Polemik ist die Waffe

Es gibt Grundregeln für eine gute Polemik: Sie muss faktentreu sein. Nur eine belegbare, empirische Demaskierung entwickelt Kraft. Man benutzt die Fakten wie Wurfgeschosse während die polemische Form als starkes Katapult wirkt, mit dem man sicher sstellt, dass man den Gegner auch trifft. Wütende Angriffe ohne empirische Grundlage ohne Fakten ist nur hilfloses Wüten. Sie muss eine klare Position beziehen, und sie darf nicht gegen Ende in eine typisch Schweizerische Apologie ausfransen.

Um eine treffende, funktionierende Polemik zu schreiben, muss man in Sache und Hintergrund sattelfest sein. Man muss die Argumentation des Gegners voraussehen und bereits im Ansatz demontieren. Man muss seine Argumente, seine Aussagen und seine Handlungen in einen ethischen Bezugsrahmen stellen und die Definition des Framings selbst bestimmen.

Der Leser, das Publikum muss am Ende klar in für und wider geteilt sein. Nun muss man aber die gegnerische Position so herausarbeiten, dass da nur noch die überzeugtesten Anhänger stehen wollen. Die kann man mit einer Polemik sowieso nicht überzeugen. Aber die Unentschlossenen, die Mitläufer, die Mitleser, die müssen sich vom Gegner abwenden.

Eine Polemik Während Kurt Tucholsky seine Polemiken satirisch und bitterböse umsetzte, waren zum Beispiel Schopenhauers Denkmuster eher moralisch.

Die Verantwortung

Natürlich kann man sich als eloquenter Schöngeist angewidert abwenden und sich Populisten und Hetzer wegwünschen. Man hält sich Ohren und Augen zu, meidet Kommentarspalten und Medienprodukte, in denen sich die populistische Pest ausbreitet, und rezitiert laut freundliche Gedichte.

Oder aber man steigt in die Niederungen der direkten Kommunikation und macht sich selbst im öffentlichen Streit die Hände schmutzig. Man steht hin für seine Position, wird laut, wahrnehmbar. Man ist bereit, für seine Werte auch mal Schläge einzustecken und seine Texte nicht aus dem Elfenbeinturm der Höflichkeit als Papierflieger auf die Leser herunterregnen zu lassen.

Polemiken zu verfassen und unter dem eigenen Namen zu veröffentlichen ist kein Zuckerschlecken. So viel Spass es machen kann, sich in die verbale Schlacht zu stürzen, so angreifbar wird man als Person dabei. Um eine polimische Position einzunehmen, hilft etwas reflektierter Narzissmus. Aber man muss es auch aushalten können, wenn man gehasst wird und polemische Antworten kriegt.

Wenn wir uns schon Autoren, Politiker, Denker, Künstler und was weiss ich nennen, beinhaltet dieses Selbstbild auch eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber. Wenn wir aus Sorge um unser Image nicht bereit sind, auch etwas zu riskieren, haben wir diese Auszeichnungen auch nicht verdient.