Medienschelte: Schwingerhemden & Clickbait

Die Fehlentscheidung einer kleinen Lehrerin gleich politisch instrumentalisiert.

Die Fehlentscheidung einer kleinen Lehrerin gleich politisch instrumentalisiert.

Medien klopfen sich gerne für ihre «Objektivität» auf die Schulter und verweisen dann auf die vor Vorsicht strotzenden Wischiwaschi-Formulierungen in ihren Beiträgen, in denen sie keine Stellung beziehen, sondern auch noch den übelsten Schwachsinn aus Politikermund unwidersprochen an ihre Leserschaft weitergeben.

Nun, die «Objektivität» beginnt nicht bei der Formulierung, sondern bei der Gewichtung von Themen. Bei der Geschichte um die Schwingerhemden wurde die notwendige Sorgfalt und die Verhältnismässigkeit völlig aus den Augen verloren.

Zur Geschichte: Eine wohl etwas überforderte Lehrerin in Hinteroberunterhofikon verbietet ein paar Torebueben, ihre Schwingerhemden wie die Gangfarben der Crips zu tragen. Das war ungeschickt und übers Ziel hinausgeschossen. Sicher keine pädagogische Glanzleistung. Meine Gewichtung: Eine Meldung auf Seite 3 des Hinteroberunterhofikoner Anzeigers.

Die arme Frau hatte wohl keine Ahnung, dass ihre misslungene erzieherische Massnahme sie zur Zielscheibe empörter Patrioten machen würde. Dass man ihr schweizfeindliche Motive unterstellen und sie verdächtigen würde, heimlich Europa oder den Islamischen Staat in der Schweiz einführen zu wollen. Sie ist keine Politikerin, sie ist kein Medienprofi. Sie ist eine Lehrerin, die eine Fehlentscheidung getroffen hat.

In der Diskussion wird ihrer Klassenzimmerentscheidung jetzt das Burkaverbot gegenübergestellt. Wohlgemerkt: Eine politische Aktion, mit der Politprofis unterstützt von Kommunikationsprofis ein schweizweites Gesetz einführen wollen.

Auf der einen Seite haben wir also das Schulreglement von Hinterunteroberhofikon, auf der anderen Seite die Schweizer Verfassung. Sieht irgendwer hier ein Ungleichgewicht?

Natürlich sollen Medien die gesellschaftspolitischen Themen, welche die Menschen beschäftigen, aufnehmen. Nur sollten sie vielleicht, wenn sie selbst solche Diskussionen anheizen, auf die Relevanz achten. Und Relevanz bedeutet nicht, dass man damit möglichst viele Klicks macht.

Stutzig sollte man vorallem dann werden, wenn eine politische Partei innert Sekunden die Thematik vereinnahmt und die Medien damit gleich instrumentalisiert. Im Fall der Schwingerhemden wars nicht mal so, dass die Medien gegen ihren Willen benutzt wurden. Es ist eher so, als ob die Chefredaktoren die Türen aufgerissen und laut gerufen hätten: Kommt rein, benutzt mich!

Liebe Chefredaktoren,
tariert mal eure Themenwaagen, irgendwas scheint bei der Gewichtung schiefzulaufen.

Überlasst die tendenziöse Themenwahl den Meinungsblogs. Das ist unser Job.

8 Gedanken zu “Medienschelte: Schwingerhemden & Clickbait

  1. Ich finde es sogar schwierig der Lehrerin vorzuwerfen eine Fehlentscheidung getroffen zu haben, ohne genauere Gründe für das Verbot zu kennen (oder gar den Charakter der Schüler die sich mit Edelweisshemden in den Unterricht setzen um ein Zeichen zu setzen).

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    1. Nun, die Fehlentscheidung lag nicht darin, dass sie ein KLeidungsverbot aussprach, sondern darin, dass sie nicht erkannte, was ein Kleidunsgverbot über die Hinteroberunterhofikoner Grenzen hinaus für eine Botschaft senden könnte. Und natürlich hätte das Kleiderverbot nichts in den Köpfen ihrer Schüler geändert. Im Gegenteil. Ich hätte mich als rebellisches Kid damals in meiner Rebellion bestätigt gefühlt.

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  2. Eine notwendige analyse, welche im lauten geschrei der empörung durchaus wohltuend ist. Trotzdem gibt es zig beispiele, in welchen linke genau das gleiche tun, empörung übermässig bewirtschaftet und politisch kapital zu schlagen versuchen. Freue mich, wenn beim nächsten solchen fall eine ebenso messerscharfe und analyse vom gleichen autor verfolgt.

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