«Sollen sie doch da bleiben und kämpfen …»

Hinter jedem Gesicht steckt eine Geschichte.

Hinter jedem Gesicht steckt eine Geschichte.

Ich kann den Scheiss nicht mehr hören. In jedem Kommentarfeed zum Thema Flüchtlinge kommt mindestens ein aufrechter Schweizer Vollidiot, der lakonisch und in völliger Ignoranz der Kriegsrealität einwirft: «Diese jungen Männer sind Feiglinge! Sollen sie doch da ihre Familien und ihr Land verteidigen!»

Diese martialischen Freizeit-Rambos und Tastaturhelden kennen den Tod nur aus «Tatort», haben noch nie einem sterbenden Menschen in die Augen geschaut, halten sich aber für die letzte Bastion der Männlichkeit. Helden der Waffenmagazine auf dem Klo. Es gab sie immer. Früher hiess es mit Blick aufs Sturmgewehr im Wohnzimmer: «Wenn der Russe kommt! Ha, dem werde ichs schon zeigen.» Ihr Kriegsverständnis stammt aus den Hollywoodfilmen der 80er, in denen irgendein Ex-Soldat stellvertretend für die USA den Vietnamkrieg im Nachhinein ganz alleine gewinnt.

Also, kurz und vereinfachend, zum Verständnis der Art von Krieg, wie er in Syrien stattfindet:

Nehmen wir an, lieber Hansruedi Rambo, dein Dorf wird von sechs verschiedenen Kriegsfraktionen umkämpft. Du kennst keine dieser Fraktionen, die Soldaten kommen aus Gegenden, in denen du noch nie warst, haben Ziele, die du nicht verstehst. Alle Gruppen interessieren sich einen Scheissdreck für dein Dorf. Sie wollen nur alle den Hügel, von dem ihre Mörser die Stellungen der Feinde besser massakrieren können.

Ok, soweit, so klar. Nun ist es aber so, dass jedes Mal, wenn eine Fraktion etwas vorrückt, alle anderen Fraktionen dein Dorf mit Bomben und Kugeln einstampfen, damit keiner einen Vorteil hat. Du, und natürlich deine Familie, sind Kollateralschäden. Dein Haus ist jeden Tag Deckung für eine andere bewaffnete Gruppe.

Welcher Fraktion würdest du dich anschliessen?

Was diese Männer machen, ist, dass sie ihre Familien in möglichst sichere Gefilde bringen, vielleicht nur ins Nachbardorf, vielleicht aber auch ins nächste Flüchtlingslager. Da es meist Bauern, Handwerker und kleine Leute sind, können sie sich nicht vorstellen, dass der Krieg sich über hunderte Kilometer in alle Richtungen erstreckt. Und dass alle paar Kilometer ein anderer kleiner Kommandant mit anderen Prioritäten seine Ziele verfolgt, in denen Flüchtlinge und Dorfbewohner wenig Platz einnehmen.

Die jungen Männer sammeln dann alles Geld der Familie und machen sich auf den Weg nach Norden, um dort einen sicheren Platz für ihre Angehörigen zu suchen. Die, die es bis zu uns schaffen, sind meist die besser Gebildeten. Was in diesem Setting heisst, dass sie mehr als 5 Jahre die Schule besucht haben und eine Karte lesen können. Vielleicht hatten sie sogar ein eigenes kleines Geschäft, da hinten, in den Bombentrümmern.

Nun, die Frage: Warum gehen die jungen Männer und nicht die jungen Frauen mit den Kindern?

Ganz einfach: Der Weg durch aktives Kriegsgebiet ist nicht gerade das, was man seinen Kindern und seiner Frau zumuten will. Der Mann hat die Verantwortung, kann sich am besten wehren und hat die grössten Chancen, den Weg zu überleben.

Hier angekommen, traumatisiert, einsam, wütend, verloren, sollen sie sich grad vom ersten Tag an wie Europäer verhalten, um ein Anrecht auf Hilfe zu bekommen. Natürlich gibts bei einzelnen dieser jungen Männern Schwierigkeiten bei der anfänglichen Anpassung. Natürlich wollen sie nach ein paar Wochen ihre Familien nachholen. Das ist ja der Grund, warum sie sich überhaupt auf den Weg gemacht haben. Oder würdet ihr, grosse Helden der dummen Kommentare, eure Familien im Kriegsgebiet lassen wollen?

Also, liebe Sofahelden, haltet einfach mal die Fresse. Während ihr euch bei «Bauer sucht Frau» an den Eiern kratzt und darüber jammert, dass ihr euch keinen Zweitwagen leisten könnt, haben diese jungen Männer mehr Tod, Verzweiflung und Angst gesehen, als ihr bei all euren Fernsehkrimis, Kriegsfilmen und Russia Today gemeinsam.

Falls ihr mir nicht glaubt, spendiere ich euch gerne die Reise nach Homs, Aleppo oder einer der anderen Destinationen, in denen ein Menschenleben gerade mal eine Kugel wert ist.

22 Gedanken zu “«Sollen sie doch da bleiben und kämpfen …»

  1. Danke..der Frust über so viel minderbemittelte Scheiße muss mal raus!Was jedem klar ist müsste eigentlich nicht auf Kindergarten-Niveau erklärt werden..Aber mir wird der Dreck auch zuviel.Doch Dumpfbacken bleiben Dumpfbacken, dass ändern wir nicht.In langen Gesprächen mit meinem Vater (94 Jahre)habe ich versucht zu ergründen, weshalb es den Holocaust gab.Er verfolgt wachen Geistes was momentan bei uns los ist und fragt mich ob ich nun verstehe. .Menschen ohne Empathie und Bildung schreien „Lügenpresse“,und glauben jeden Mist,der ihnen vorgesetzt wird,anstatt sich selbstständig ein Bild zu machen. Er ist entsetzt, dass das alles heute immer noch funktioniert. Ich auch.

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  2. …wie funktioniert das eigentlich mit dem „die Familie in ein paar Wochen nachholen“? Gehen die Männer den ganzen Weg zurück durch das Kriegsgebiet das sie ihren Frauen und Kindern nicht zumuten wollten retour und dann…?? Bin da leider noch nicht dahinter gekommen, wie das funktioniert….aber ich danke schon jetzt für die Aufklärung dieser wohl für andere lächerliche Frage…

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    1. Von hier aus kann man mit Hilfe von internationalen Organisationen die Reise organisieren. Mit dem roten Kreuz zB. Und natürlich nicht nach ein paar Wochen, sondern Monate oder Jahre später. Aber das wissen die Männer nicht, wenn sie ankommen. Das erste, was man ihnen sagt ist, dass ihre Familien weiter in der Scheisse ausharren müssen. Sie reagieren meist ziemlich aufgebracht.

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  3. danke dir für diesen Eintrag.

    Auch hier gibt es solche Hirnis, die diesen Müll von sich geben.

    Die möchte ich mal erleben, wenn sie ihnen plötzlich die Bomben um die Ohren fliegen…..grmpffffff….

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  4. Und wenn du Pech hast, dann hat Deine Familie auf dem Nachzug die Fingerabdrücke in Ungarn abgeben müssen und muss in einem dieser menschenverachtenden Lager bleiben und du als Vater steckst verzweifelt hier und darfst auch nicht das Land verlassen. Ihr könnt Euch die krassen Schicksale gar nicht ausmalen…

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  5. Du tust hier doch exakt das gleiche. Einfach mal den anderen runtermachen und den eigenen Frust ablassen…
    Ich verstehe dich genauso, wie die anderen. Es ist unglaublich kräftezehrend, die eigene Negativität im Zaun zu halten. Müssen wir aber. Gegenseitiges Anschreien bringt gar nichts. Es wird so nur schlimmer!
    So schwer es ist: Nur Dialog bringt uns weiter. Dazu gehört, die Sorgen und Nöte des Anderen ernst zu nehmen. Das wurde in D bisher nicht gemacht…

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    1. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich hier auf Leute reagiere, die ihren Hass bereits versprühen umd gegen Opfer hetzen.

      Die Idioten ersaufen nicht im Meer. Höchstens in Sofakissen.

      Und nein, ich
      muss keinen Schritt auf Arschlöcher zu machen. Sonst verschiebt soch die Mitte immer mehr Richtung Arschloch.

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  6. Behauptet der Sofaheld Höchstpersönlich.
    Spendieren Sie uns auch eine Lösung für wildgewordene Rape-fugees.
    Die Tränendrüsen werden hier ja schon wieder ordentlich strapaziert.

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    1. Ach halten Sie doch einfach die Fresse.

      Wo sind Vollidioten wie Sie, wenn jeder dritten Frau in Europa vor ihrem 25 Lebensjahr sexuelle Gewalt angetan wird? Meist vom Partner oder von einen Familienmitglied mit CH oder EU-Herkunft?

      Ihr kotzt mich an. Ihr missbraucht Opfer sexueller Gewalt gleich nochmals für eure politischen Rassennazi-Scheisse.

      Nichts Tränen, kotzen würd ich, wenn so ein Dreck in meinem Kopf stattfinden würde.

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  7. wer auch immer der verfasser dieses textes ist, dem oder derjenigen möchte ich mal hoffnung geben, im sinne dass auch solch extreme wirklichkeitverdrängung und unlogische schlüsse daraus, mit fortschreitender therapie zu einem punkt gebracht werden können wo sich eine annähernd den tatsachen entsprechenden einschätzung einer situation möglich ist und die folgerungen daraus zu erfolgversprechenden aktionen führen können.
    leider braucht es viel zeit um eine realitätsentrückung im grade derjenigen des autors und aller jener welche hier so eifrig beistimmen, zu neutralisieren.in der zwischenzeit gibt es aber massnahmen welche die therapie unterstützen können , wie runterfahren der dosis und mehr wirklichkeit als internet,auch eine 5 minutige auszeit pro tag von der parteigesteuerten ideologiemantra käme den andern massnahmen zu hilfe.
    hier aber noch ein gedanke welcher ein anderes licht auf den erguss des autors werfen kann

    wer sich zum kampf entscheidet kann verlieren
    wer sich zum davonlaufen entscheidet hat verloren

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    1. Ach Gott. Vielleicht sollten Sie mal Statistiken und Informationen ansehen, anstatt schwülstige Kampfschriften von rassistischen und kulturkämpfenden Arschlöchern. Was meinen Sie, wär doch mal was anderes?

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      1. Frau Steiner, wer hier an „Wirklichkeitsverdrängung“ leidet, sind offenbar Sie.

        Der Beitrag beschreibt die „wirkliche“ Wirklichkeit, die von Stammtischen und neu-rechten Parteien (wie der AfD in Deutschland) geflissentlich totgeschwiegen oder gar verleugnet wird.

        Wenn Sie das bestreiten, dann ist für mich die Frage, wer denn hier einem „parteigesteuerten ideologiemantra“ folgt …

        „wer sich zum kampf entscheidet kann verlieren
        wer sich zum davonlaufen entscheidet hat verloren“
        Das ist in diesem Zusammenhang schlicht zynisch – Gegen wen soll denn der „normale Syrier“ kämpfen?
        Wer sich dort zum Kampf entschiedet, hat schon fast sicher verloren.
        Wer davonläuft, hat wenigstens halbwegs gute Chancen, sein Leben nicht zu verlieren.

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  8. An Petra Steiner: Wenn ich Sie richtig verstehe, haben sich Ihrer Meinung nach die Zivilisten in Syrien zum Kampf entschieden? Nach meiner Recherche gibt es im Moment fast ausschliesslich dort Kriege, wo Bodenschätze vorhanden sind. Wieso sollten sich alle Grossmächte in einen „läppischen“ Bürgerkrieg einmischen, wenn sie da nicht Eigeninteressen nachgehen würden. Aber stellen Sie sich mal vor, die einzelnen involvierten Nationen würden ihre Landsleute fragen: „Liebes Volk, geht es in Ordnung für euch, wenn wir mal eben ein paar Leute umbringen (lassen), damit wir unsere Ölreserven sicherstellen können? Tun wir das nicht, sind auch wir am Arsch,nicht nur die Zivilisten in Syrien.“ Stattdessen werden uns Geschichten erzählt von Bürgerkrieg, Religionskrieg, ethnischen Konflikten usw. Und wir glauben das, bevor wir nachdenken können. Im nächsten Schritt werden wir sogleich von der Flüchtlingsproblematik, dem weltweiten Terrorismus usw. abgelenkt. Ich nehme die Gutgläubigkeit niemandem übel. Es ist schwierig, sich heutzutage neutrale Informationen zu beschaffen. Aber ich vermute, wenn mehr Menschen aus der Perspektive anderer denken würden, wenn wir uns mit flüchtenden Menschen austauschen und solidarisch zeigen würden, dann würden wir der Realität ein Stück näher kommen. Flüchtlinge, mit denen ich gesprochen habe (egal welcher Volksgruppe sie angehörten) sagten mir einhellig: Ihr habt es gut, in der Schweiz gibt’s kein Öl. Und sie staunen über die Geschichten, die man hier in der Zeitung liest…
    Zum Schluss: Jeder Mensch hat das Recht, dort zu leben, wo er will. Ich jedenfalls möchte gerne hier leben, habe mir jedoch nicht ausgesucht, wo ich geboren werde. Manchmal möchten ganz viele Menschen aufs Mal an einem anderen Ort leben als dort, wo sie geboren sind und sich zu Hause fühlen. Schlicht deshalb weil es in ihrem Land beschissen zu und her geht. Wenn wir aufhören würden, uns zwischen links und rechts zu streiten und einander Dummheit, Rassismus und dergleichen vorzuwerfen, hätten wir womöglich grössere Chancen, tatsächlich etwas zum Wohle aller zu erreichen.

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  9. Hat dies auf effifanblog rebloggt und kommentierte:
    Ja, für alle, die es IMMER noch nicht mit bekommen haben: Dieser Krieg in Syrien ist kein Film und kein Game ( es kann wirklich keiner den Stopknopf drücken und behaupten, dass für heute Schluss ist). Die Menschen würden unter Garantie lieber in Frieden leben und in ihrer gewohnten Heimat und bei ihrer Familie sein!!

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