Schnell weg damit.

Wo sind nur unsere Leichen?

Ich weiss, Sie wollen das eigentlich nicht hören, aber ich hab diese Woche zwei Leichen gesehen.

Eine davon ein Verkehrsopfer, ein Mann in meinem Alter, der lange neben seinem Motorrad auf der Strasse lag, den Helm noch auf dem Kopf. Der Verkehr wurde von einem stoischen Polizisten um den Toten herum gelenkt, der tote Körper nicht abgedeckt.

Die andere Tote war eine sehr alte Frau, die offenbar auf dem Markt kurz vor einem Gewitter einen Herzinfarkt erlitt. Sie sass tot auf einem roten, alten Plastikstuhl, die Augen noch geöffnet, umgeben von weinender Familie und hektisch telefonierenden Ladenbesitzern.

Sie habens vielleicht erraten: Ich bin nicht in der Schweiz. Ich bin gerade auf einer thailändischen Insel. Aber ich bin nicht weg von der Zivilisation, nicht in einem Kriegsgebiet oder in einem Entwicklungsland. Die Menschen sterben hier nicht öfters als anderswo. Sie sterben hier genau einmal pro Person, wie bei uns. Bin ich hier diese Woche mehr Tod begegnet als in Zürich in den letzten 15 Jahren.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Es gab in der Vergangenheit einige Todesfälle in meinem Umfeld, einige Beerdigungen. Aber an diesen Beerdigungen begegneten mir geschlossene Särge, Urnen mit Asche von Verstorbenen, keine sichtbaren Toten.

Man sieht bei uns keine toten Menschen.

Und wenn jemand die Schamlosigkeit besitzt, öffentlich sichtbar und nicht im stillen Kämmerlein oder im Spitalbetrieb (möglichst ausserhalb der Besuchszeiten) zu sterben, kommen gleich fleissige, kleine Aufräumer und beseitigen jede Spur dieses anstössigen, unangemessenen, letzten Verhaltens.

Das geht doch nicht, dass wir mit bewusster Ernährung, Gesundheits-App, Fittness-Abo, Yoga und Kardio-Training unserem Körper jeden Gedanken an unsere Sterblichkeit austreiben und dann kommt irgendwer daher und erinnert uns so unhöflich an die Endlichkeit des Seins. Pfui Teifel.

Aber was macht Leben für einen Sinn, wenn man es nicht mit einem Blick auf die Endlichkeit lebt?

Wir bekämpfen den Tod so erbittert, als ob wir gewinnen könnten – und verbringen damit oft das letzte Drittel unseres Lebens, indem wir das Leben verteidigen anstatt es zu geniessen.

Leichen sehen wir nur nur noch in Game of Thrones oder irgendwelchen Netflix-Serien. Und da ist sichergestellt, dass die Leute so absurd sterben, dass es nichts mit unserem Leben zu tun hat. Oder kennen Sie jemanden in Ihrem Umfeld, der kürzlich geköpft, gepfählt, ins All gestossen oder über 800 Meter von einem Scharfschützen umgenietet wurde? Eben.

Komischerweise werden wir umso geiler auf Tote, je weniger sie in unserem realen Leben stattfinden. Es gibt kaum eine neue Serie, kaum ein Film, bei dem es nicht um Tod geht. Aber anders als Gewalt kann man den Tod nicht in die Kunst auslagern.

Natürlich zeigen uns die Medien auch echte Tote. Meist in Zahlen. XX Kriegsopfer dort, XX Tote bei einer Katastrophe da. Dann sind wir betroffen, ohne wirklich betroffen zu sein. Es hat ja nichts mit uns zu tun.

Dabei hätte die sichtbare, für uns erfahrbare Sterblichkeit durchaus eine positive Wirkung. Da wär erstens Mal die Dankbarkeit. Das pure Gefühl, dass man noch lebt und auch für jede weitere Sekunde dankbar sein kann, das einem im Angesicht eines Toten befällt. Früher hatten solche Memento Mori den Sinn, uns bescheidener und demütiger zu machen. In unserer Zeit ist Bescheidenheit Schwäche und Demut wurde zum falsch verstandenen Synonym für feige und unterwürfig.

Dann aber auch das Bewusstsein der Zerbrechlichkeit des eigenen Seins und des Lebens der anderen. Ich fuhr um einiges vorsichtiger, nachdem ich in Schrittempo an einer Leiche vorbei gewinkt wurde. Und ich hab mir am Abend darauf, neben der Leiche der älteren Frau, vorgenommen, mehr Zeit mit meinen Lieben zu verbringen und weniger Zeit mit Konsum, der mir die Birne füllt, mir aber nichts emotionales bringt.

Tote gehören in unsere Welt, wenn wir menschlich bleiben wollen. Wir müssen sie nicht wächsern in Mausoleen stellen, aber es wäre schön, wenn die Hüllen unserer Mitmenschen nach ihrem Tod nicht gleich entsorgt würden wie Kaugummipapier, das von den Bürsten der Strassenreinigern weggefegt wird. Ab und zu sollte uns eine Leiche das Leben in Erinnerung rufen.

4 Gedanken zu “Wo sind nur unsere Leichen?

  1. Danke Reda, schön geschrieben und aufrüttelnd. Ich erinnere mich, wie mich meine süditalienische Mutter beim Tod meines Vaters sehr beeindruckte. Sie sorgte dafür, dass er zu Hause sterben konnte. Danach bestand sie darauf, ihn zu Hause aufbahren zu dürfen. In Ruhe im Kreise der Familie und Freunden Abschied nehmen – das war ihr sehr wichtig. 53 gemeinsame Jahre sollten nicht einfach nur Erinnerung bleiben, sie wollte darüber reden, mit uns allen. Und mit ihm im Wohnzimmer, fein hergerichtet im Sarg liegend. Und irgendwie immer noch präsent. Es gesellten sich auch Nachbarn dazu, es wurden Geschichten erzählt. Es wurde gelacht und geweint, es war ein langsamer Abschied und eine Konfrontation mit dem eigenen Tod.

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  2. ein sehr wichtiges Thema hast du uns zu lesen gegeben. Ist so, dass das Sterben, der Tod anomisiert wird, von vielen verdrängt. Früher gingen die Menschen in das Haus des Toten, verabschiedeten sich. Dann, auch in der Stadt Bern, führte ein Pferdegespann den Trauerzug an, bis zum Friedhof. So wurde dem Toten noch die Ehre erwiesen, die Trauernden begleitet. Heute geht man ins „Leichenhaus“, wenn überhaupt, schaut den Verstorbenen an. Danach beginnt heute Gewohnte…trostlos und kalt

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  3. Herr Fadegrad,
    Danke für ihren Artikel –
    Meine Frau ist am 29. April verstorben, also vor 4 Tagen.
    Gestern ist sie kremiert worden, und in den nächsten Tagen kommt sie ins Gemeinschaftsgrab…..
    Ich habe Ihnen nur geschrieben, weil ich mitten in der Verabschiedung stecke.
    Herzliche Grüsse
    Aus Gossau ZH

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