Bild von Tamedia ausgeliehen.

Sehr geehrter Herr Supino

Mein Vater war ein überzeugter Tagi-Leser. Er war schon sehr stolz, als ich in Richtung Journalismus ging, aber er war erst wirklich glücklich, als er meinen Namen in der Autorenzeile auf der Front des Tagis las. Der Tages-Anzeiger – und damit damals die ganze Tamedia – war ein Name, der für Ethik, Verantwortung und Gemeinsinn stand.

Letzte Woche erhielt ich eine Mail von meinem vorgesetzten Redaktor, in der es hiess, ich solle doch bitte auf Twitter nicht fluchen, da dies dem Ansehen des Unternehmens schaden könnte.

Ich musste schmunzeln. Kurz fragte ich mich, wessen Achtung das Unternehmen Tamedia wohl noch besitzt, und wie ich dessen Ruf nachhaltiger kaputt machen könnte, als Sie dies tun. Aber dann wars mir egal und ich löschte den Hinweis auf meinen Arbeitgeber im Account-Profil. Problem gelöst und keiner von uns beiden hat einen Reputationsschaden.

Natürlich kommt es darauf an, woran man die Reputation eines Medienunternehmens misst. An der massiven Kohle, die an die Aktionäre ausgeschüttet wird, oder an dessen Beitrag zur Medienqualität in der Schweiz. Oder daran, wie ernst das Unternehmen die Arbeit und die Arbeitsbedingungen seiner Journalisten und Mitarbeiter nimmt.

Zwischenspiel: Wir sind uns mal im Lift begegnet. Alle im Lift haben sich gegrüsst oder sich zugenickt, obwohl eigentlich niemand den anderen kannte. Sie nicht. Sie sind starr jedem Blick ausgewichen. Und das war vor ein paar Jahren, also noch bevor Sie die Achtung aller Mitarbeiter verloren haben.

Ich war diese Woche als Referent bei einem Schweizer Unternehmen, etwa gleich mitarbeiterstark wie Tamedia und in einem ähnlich schwierigen Umfeld. Und da sah ich wieder, wie es ist, wenn die Belegschaft aller Sparten und Standorte die Geschäftsleitung achtet. Und wie sich umgekehrt die Geschäftsleitung bewusst ist, dass es ohne diese Mitarbeiter kein „Geschäft“ zu leiten gäbe. Dieser gegenseitige Respekt fehlt mir bei Tamedia schmerzlich.

Man muss es schon ziemlich versch******n haben, wenn man an der Spitze eines Unternehmens steht und jeder einzelne Mitarbeiter nur noch da bleibt, weil der Arbeitsmarkt so ausgetrocknet ist. Wenn man in seinem eigenen Unternehmen gehasst wird, und das inbrünstig, sollte man sich vielleicht eine Auszeit nehmen, irgendwo in eine Hütte in den Alpen ziehen und sich überlegen, wann man dieser gehasste Mensch geworden ist. Und vorallem, warum einem das am Arsch vorbei geht.

Die Stimmung innerhalb Tamedia ist so schlecht, dass ich mich wundere (und hohe Achtung vor den Kollegen empfinde), dass überhaupt noch Content produziert wird. Ich persönlich bin in einer luxuriösen Position. Ich kann schreiben was ich will, muss nicht an der Werdstrasse auftauchen und kein Schwein lügt mir vor, dass wir mit weniger Leuten und weniger Investitionen gleiche oder bessere Qualität liefern können. Und ich musste meinen Output in den letzten vier Jahren auch nicht bei gleichem Pensum und gleichem Lohn verdoppeln.

Falls Sie sich durch diesen offenen Brief auf die Zehen getreten fühlen: Gut so! Falls Sie mich rausschmeissen wollen: Das müssen Sie nicht. Das haben Sie nämlich bereits (aus Kostengründen) getan. Per Ende Juli werde ich nicht mehr für Ihr Unternehmen tätig sein.

Aber keine Angst, kein böses Blut deswegen! Ich bin mir schon seit zwei Jahren am überlegen, ob ich noch zum Unternehmen passe, oder ob mein Arbeitgeber meiner Glaubwürdigkeit und meiner Integrität schadet. Geblieben bin ich wegen meines Vaters und weil ich so lasch bin, wenns um Veränderungen geht.

Sollten Sie mich aber unbedingt fristlos entlassen wollen, bedanke ich mich im Voraus für den Streisand-Effekt, der mir auf meinem weiteren Weg helfen wird.

In diesem Sinne wars wohl gerade zum richtigen Zeitpunkt, wenn ich die Entscheide, die Kommunikation (intern und extern) des Unternehmens sehe. Noch ein weiterer Monat und ich könnte meinen Freunden und Lesern nicht mehr glaubwürdig erklären, warum ich noch für Tamedia tätig bin.

So, ich wünsche Ihnen einen ruhigen Schlaf (vielleicht mal ohne Schlafmedikamente) und einen schönen Aufenthalt in der erwähnten Alphütte.

Freundlichst

eine der Myrmidonen, die Ihre Dividende anschleppen.

21 Gedanken zu “Sehr geehrter Herr Supino

  1. Starke Worte, Kompliment. Würde mich nicht wundern, wenn Supino die Rechtsabteilung bemüht, dich wegen Verleumdung einzuklagen. Ich hatte auch schon das Vergnügen während ich entlassene Tamedia-Mitarbeitende vertrat. Das ist seine Art, sich Recht im juristischen Sinne zu verschaffen. Aber Anerkennung und Respekt verdient man sich anders. Das wird ihm verwehrt bleiben.

    Gefällt 1 Person

  2. 🙏🏼Respekt und Danke👌👏👏👏
    Bedauerlicherweise ein selten gewordener Genuss, mutige, ehrliche, freie Gedanken eines Journalisten zu lesen.
    Ihre Erfahrungen sind leider nicht selten.

    Gefällt mir

    1. Leider, ein kleiner Minuspunkt, kamen der Mut, die Ehrlichkeit und die freien Gedanken Reda El Arbi erst, als er beim Tagi ausgemustert wurde, er also ohnehin nichts mehr zu verlieren hat. Ganz so heldenhaft ist dieser – durchaus richtige und berechtigte – Wuttext also nicht. Eher erstaunt die etwas lange Leitung, denn: Supino, Tonini und – nicht zu vergessen – der ganze Coninx-Supino-Richter- Clan plus der Verwaltungsrat und – ebenfalls nicht zu vergessen – die diversen Chefredaktoren und -redaktorinnen setzen ja dieses Ziel seit mehreren Jahren kompromisslos konsequent und mit äusserster Brutalität um. Immerhin: Besser ein deutlicher Protestbrief etwas spät als das Gar-Nichts all jener Tagi-Journalisten, die hoffen, dass ihr duckmäuserisches Wohlverhalten sie vor El Arbis Schicksal rettet.

      Gefällt mir

  3. Wie kann Supino im Lift nicken, wenn ihn alle abnicken? Von Journalismus, Ethik und Empathie hat er ja null Ahnung. Vielleicht müsste er nochmals in die Primarschule?

    Gefällt mir

  4. Gratulation! Ich gehöre zur Generation Ihres Vaters und habe mich – wie er – während vieler Jahre vom „Tages-Anzeiger“ begleiten lassen. Einigen Leuten dort – dem alten Otto Coninx, Walter Stutzer, Hans Tschäni, Peter Frey, Hans Schurter, Emil Grichting – bin ich noch persönlich begegnet (nicht im Lift!). Seit der Mitte der 1980er Jahre ging’s dann steil bergab mit der Zeitung, wobei man spürte, dass dies weniger an den Journalisten, als am Kurs des Hauses und an der Gier der Eigentümer lag. Der Inserateeinbruch war dann bereits sekundär und nur der Vorwand, nicht die Ursache. Mittlerweile kann ich auch ohne den „Tagi“ leben. Sie sind jünger als ich und haben es dadurch schwerer. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihr persönlicher Mut weiter begleitet. Viel Erfolgt und alles Gute!

    Gefällt mir

  5. Dies ist das Resultat unsere strohdummen Managerschulen, da zählt nur noch BIP und Profit. Ein Abbild unser SUV und Spassgesellschaft, ich, ich und nochmals ich. Die Umwelt ist den meisten egal, 50% haben einen SUV, 1% eine Solaranlage…

    Gefällt mir

  6. Hatte mich am Anfang des Artikels über Deine mutigen Worte gewundert und mich schon gefragt, ob ich meine Meinung über Dich revidieren soll – bis zum Abschnitt, wo es dann um Deinen Rausschmiss ging. So bleibt vom Artikel eigentlich nur das verbitterte Wehklagen eines entlassenen Mitarbeiters übrig. Und wenn ich ehrlich bin, ich kann dem Tagi diesen Schritt nicht einmal verübeln, denn meiner Meinung nach warst Du nicht nur für den Leser, sondern auch für das Blatt als Arbeitgeber eine Zumutung. Vielmehr hatte ich mich stets gewundert, dass dieser Schritt nicht schon längst erfolgte.

    Trotzdem finde ich aus ganz persönlichen Gründen Deinen Artikel gut. Vor kurzem habe ich ein Start-Up gegründet und habe mich gefragt, ob ich zuerst bei Ringier oder bei Tamedia anklopfen sollte. Nach diesem Bericht wird Tamedia nur noch zweite Wahl sein, denn unglaubwürdig erscheinen mir Deine Worte nicht.

    Ich denke, untergehen wirst Du auch ohne Tamedia nicht mehr und man wird Deine rüpelhafte Art sicher bald wieder an anderer Stelle lesen. Bin gespannt, wie es bei Dir weitergehen wird.

    Gefällt mir

    1. Naja, wenn Sie sich mal mit den Leuten anlegen, die rund 50 Prozent ihrer möglichen Arbeitgeber für die Zukunft besitzen, können Sie gerne die Fresse aufreissen.

      Und ja, ich habs sagen können, weil ichs mir sowohl beruflich wie auch finanziell leisten kann. Viele können das nicht. Also hab ich die Gelegenheit wahrgenommen.

      Ob Sie mit Ihrem Start Up zu Ringier oder zu Tamedia gehen, interessiert eigentlich kein Schwein.

      Gefällt mir

  7. Nun, meine Mitarbeiter und die Miteigentümer meines Start-Ups interessiert es sehr wohl, wer unsere künftigen Geschäftspartner sind. Aber ich gebe Dir natürlich Recht: Ein Schwein bist Du allemal 😉
    Habe mich in meinem Leben schon mit allerlei Leuten angelegt, was mir auf privater Ebene Morddrohungen von Nazis und auf beruflicher Ebene Differenzen mit Arbeitgebern bzw. Vorgesetzten eingebracht hat. Auch wenn ich zumindest aus moralischer Sicht immer als Gewinner aus der Schlacht hervortrat, so hinterlassen solche Geplänkel stets einen bitteren Nachgeschmack und viel negative Energie. Darum habe ich mein eigenes Unternehmen gegründet, um zumindest nicht im Angestelltenverhältnis der Sklave anderer zu bleiben. Nur leider schaffe ich es zur Zeit noch nicht ganz ohne Investoren.
    Wie ich Dir an anderer Stelle bereits geschrieben habe, bewundere ich Dich einerseits dafür, diese Marktlücke entdeckt und als Blogger besetzt zu haben, aber auf der anderen Seite denke ich, dass Du einen viel zu hohen Preis hierfür zahlen musst. Mit Sicherheit gehörst Du zu den meistgehassten Menschen in der Schweiz und ich selbst kann eine gewisse Häme über Deine Entlassung nicht leugnen. Na ja, ein mir bekannter CH Influencer verdient im Monat zwischen zwanzig- und fünfundzwanzigtausend Franken. Hoffe für Dich, Du schaffst es mindestens fünftstellig, sonst lohnt sich der ganze Hass und all das negative Karma nicht.

    Gefällt mir

    1. Naj, da liegt der Unterschied. Ich schreibe nicht wegen des Geldes. Das muss ich schon lange nicht mehr. Ich schreibe aus Überzeugung.

      Und ehrlich, ob mich Leute hassen, ist mir dabei zienlich egal. Politisches Bloggen ist kein Beliebtheitswettbewerb und die Drohungen und der Hass sind eigtnlich nur ein Zeichen, dass ich treffe, wenn ich schiesse.

      Was deine Häme angeht: Sorry, boy, mein privater Blog hat schon eine Weile eine grössere Reichweite als der Tagi-Stadtblog und ich hab da weniger Zügel. Zudem bin ich, wie erwähnt, finanziell nicht auf die paar Stellenprozent angewiesen. Ich hab gerne für den Tagi geschrieben, weil die meisten Leute da ok sind. Aber ich bin auch nicht besonders traurig, nun ganz frei zu schreiben (und schon einige Angebote abgelehnt zu haben).

      Ich verdiene übrigens mein Geld nicht als Influencer, sondern als Consultant für Strategie und Campaigning.

      Gefällt mir

  8. Naja, diese Gedanken gehen einem wohl durch den Kopf, wenn man sich irgendwie zwanghaft mit meinen Blogs auseinandersetzt.

    Und natürlich siehst du dich in der Mitte. In der Mitte zwischen Rassisten und Antirassisten, in der Mitte zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit.

    Du verwechselst offenbar Hass mit Wut. Du misst mich an meiner Wortwahl und nicht an meinen ethischen Prinzipien. Jänu, wenn du nicht tiefer gehen kannst, wird das wohl deine Realität sein.

    Was meine Auftraggeber angeht: Du liest weit mehr Texte und siehst weit mehr Kampagnen von mir, als dir bewusst ist. Nicht alle denken, meine Blogpersona sei auch meine vollständige Persönlichkeit im echten Leben. Wie gesagt, es gibt Leute, die ein wenig tiefer gehen.

    Und natürlich gibts jede Menge grosse Unternehmen, die Wert auf ethische Grundsätze legen, und Inhalt und nicht Form schätzen.

    Gefällt mir

  9. Reda generiert für Tamedia Leser, Kommentare, Clicks (und zwar sehr viele) kurz gesagt ROI.

    Wenn man auf ROI verzichtet, dann gibt es halt weniger ROI.

    Gefällt mir

  10. So schön, endlich redet mal jemand Klartext, wenn er ein Unternehmen verlässt (oder besser gesagt verlassen wird). Erinnert mich an eine andere grosse Firma, die … Naja, es dürfte in ganz vielen Firmen solche Zustände herrschen. Zu schade, dass dieser Text nicht im Stadtblog erscheinen kann, dort würde er von den Leuten gelesen, die es nötig hätten, dass man ihnen mal die Wahrheit sagt. Weil sie nämlich nur noch von Leuten umgeben sind, die ihnen quasi den Ar*** küssen, weil sie ja Karriere machen wollen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s