Partei der Verzweifelten

Die einen hetzen gegen Kinder, die sich für eine gesunde Zukunft ihres Planeten stark machen, während die anderen im Albisgüetli ihrem verblassenden Führer applaudieren, der halb senil die immer gleichen Phrasen des letzten Jahrzehnts wiederholt. Dazu verliert die SVP eine Abstimmung nach der anderen.

Noch im Wahljahr 2015, mitten in der Flüchtlingskrise, auf einem Höhenflug, verlieren die von der SVP heraufbeschworenen Feindbilder und die durch sie erzeugte Angst mehr und mehr an Durchschlagskraft. Es sind bald 10 Jahre seit der Minarett-Initiative vergangen und wir sind noch immer nicht islamisiert, die Anzahl der Flüchtenden geht kontinuierlich zurück und die Innenstädte sind immer noch die erfolgreichsten Gegenden und keine apokalyptischen, von afrikanischen Gangs beherrschten Ruinen. Die Leute sind es inzwischen einfach leid, immer mit dem Schwarzen Mann erschreckt zu werden.

Dass die Partei selbst nicht mehr an die Wirkung der Hetze gegen Andersfarbige oder Andersgläubige glaubt, sieht man schon daran, dass man das Thema dem gescheiterten Horror-Clown Andi Glarner übergeben hat. Dabei will niemand in der SVP  wirklich etwas mit diesem wirren Typen zu tun haben. Jedesmal, wenn der Oberlöl-Vieli in der Presse zitiert oder an eine Diskussion eingeladen wird, zucken die Profi-Politiker der Partei zusammen und verdrehen die Augen. Aber keiner von ihnen hat Lust, sich um die verlorenen Hassbratzen am rechten Rand zu kümmern, die man doch irgendwie braucht, um wenigstens in den Wahlen nicht völlig abzukacken.

Die grossen Figuren der fetten Jahre, Amstutz, Brunner und andere, ziehen sich –  obwohl noch fit und populär – zurück, schleichen sich in die Schatten, während Usurpatoren wie Köppel ohne Absprache mit der Partei Pfründe wie etwa einen Ständeratssitz für sich beanspruchen. Die einen verlassen das sinkende Schiff, die anderen tun sich am Kadaver gütlich.

Natürlich glauben noch viele an die Partei und geben sich Mühe, ihr eine neue Richtung zu geben. Bei der Kampagne für die Anti-Menschenrechtsinitiative versuchten einige Kräfte in der Partei einen freundlicheren Weg einzuschlagen: keine Hassparolen, nette Menschen, gedeckte Farben, Kuschelschmuserhetorik. Es ergab sich aber nicht das Bild einer positiven, empathischen Partei, es wirkte eher, als hätte sich der böse Wolf mit Grossmutters Lippenstift ein Lächeln ins Gesicht geschmiert.

Aber auch die Suche nach neuen Feindbildern ging offensichtlich nach hinten los: Eine Arbeitsgruppe wollte die sozial schwächsten Schweizer zum Abschuss freigeben und den Sozialhilfebezügern das Lebensminimum um 30 Prozent kürzen. Als den SVPlern schmerzhaft aufging, dass sie damit einen nicht kleinen Teil ihrer Stammwähler ins Visier nahmen, liessen sie das Thema fallen wie einen heissen Härdöpfel. Inzwischen will kaum einer der Exponenten sich noch wirklich dazu äussern, und die Verantwortung wird auf die Arbeitsgruppe abgeschoben.

Auch die EU funktioniert nicht mehr als polarisierendes Feindbild, da inzwischen von ganz links bis in die Mitte niemand mehr ernsthaft für einen EU-Beitritt ist. Anti-EU ist sozusagen Mainstream geworden.

Nur, eine populistische Partei funktioniert nicht ohne Feindbilder. Die Wähler der Partei sind seit Jahren darauf eingeschworen, jemanden oder etwas zu hassen. Daraus ergibt sich das Gemeinschaftsgefühl. Und diese destruktive Energie geht nicht einfach so verloren.

So findet man die SVP-Stammwähler in Onlineforen, wo sie gegen Kinder, eingebildete Sozialschmarotzer, Linke und Moslems wüten, ohne dass darin irgendeine politische Botschaft oder Vision zu erkennen  wäre. Sie schlagen wild um sich, ohne Ziel oder Richtung. Alles, was man erkennen kann, ist die Verzweiflung über die Irrelevanz der eigenen Themen.

Die einzigen, die der Partei noch die Ehre der grösseren Aufmerksamkeit zuteil werden lassen, sind die Linken, die nach jahrelangen Kämpfen einfach aus Reflex auf die Exponenten einprügeln, während die CVP und die FDP still und leise der angeschlagenen Partei die gemässigteren Wähler abluchsen.

Nicht mal die Medien bringen noch wirklich Begeisterung für die SVP-Themen auf.

Man könnte beinahe Mitleid haben.