Bild von Tamedia ausgeliehen.

Sehr geehrter Herr Supino

Mein Vater war ein überzeugter Tagi-Leser. Er war schon sehr stolz, als ich in Richtung Journalismus ging, aber er war erst wirklich glücklich, als er meinen Namen in der Autorenzeile auf der Front des Tagis las. Der Tages-Anzeiger – und damit damals die ganze Tamedia – war ein Name, der für Ethik, Verantwortung und Gemeinsinn stand.

Letzte Woche erhielt ich eine Mail von meinem vorgesetzten Redaktor, in der es hiess, ich solle doch bitte auf Twitter nicht fluchen, da dies dem Ansehen des Unternehmens schaden könnte.

Ich musste schmunzeln. Kurz fragte ich mich, wessen Achtung das Unternehmen Tamedia wohl noch besitzt, und wie ich dessen Ruf nachhaltiger kaputt machen könnte, als Sie dies tun. Aber dann wars mir egal und ich löschte den Hinweis auf meinen Arbeitgeber im Account-Profil. Problem gelöst und keiner von uns beiden hat einen Reputationsschaden.

Natürlich kommt es darauf an, woran man die Reputation eines Medienunternehmens misst. An der massiven Kohle, die an die Aktionäre ausgeschüttet wird, oder an dessen Beitrag zur Medienqualität in der Schweiz. Oder daran, wie ernst das Unternehmen die Arbeit und die Arbeitsbedingungen seiner Journalisten und Mitarbeiter nimmt.

Zwischenspiel: Wir sind uns mal im Lift begegnet. Alle im Lift haben sich gegrüsst oder sich zugenickt, obwohl eigentlich niemand den anderen kannte. Sie nicht. Sie sind starr jedem Blick ausgewichen. Und das war vor ein paar Jahren, also noch bevor Sie die Achtung aller Mitarbeiter verloren haben.

Ich war diese Woche als Referent bei einem Schweizer Unternehmen, etwa gleich mitarbeiterstark wie Tamedia und in einem ähnlich schwierigen Umfeld. Und da sah ich wieder, wie es ist, wenn die Belegschaft aller Sparten und Standorte die Geschäftsleitung achtet. Und wie sich umgekehrt die Geschäftsleitung bewusst ist, dass es ohne diese Mitarbeiter kein „Geschäft“ zu leiten gäbe. Dieser gegenseitige Respekt fehlt mir bei Tamedia schmerzlich.

Man muss es schon ziemlich versch******n haben, wenn man an der Spitze eines Unternehmens steht und jeder einzelne Mitarbeiter nur noch da bleibt, weil der Arbeitsmarkt so ausgetrocknet ist. Wenn man in seinem eigenen Unternehmen gehasst wird, und das inbrünstig, sollte man sich vielleicht eine Auszeit nehmen, irgendwo in eine Hütte in den Alpen ziehen und sich überlegen, wann man dieser gehasste Mensch geworden ist. Und vorallem, warum einem das am Arsch vorbei geht.

Die Stimmung innerhalb Tamedia ist so schlecht, dass ich mich wundere (und hohe Achtung vor den Kollegen empfinde), dass überhaupt noch Content produziert wird. Ich persönlich bin in einer luxuriösen Position. Ich kann schreiben was ich will, muss nicht an der Werdstrasse auftauchen und kein Schwein lügt mir vor, dass wir mit weniger Leuten und weniger Investitionen gleiche oder bessere Qualität liefern können. Und ich musste meinen Output in den letzten vier Jahren auch nicht bei gleichem Pensum und gleichem Lohn verdoppeln.

Falls Sie sich durch diesen offenen Brief auf die Zehen getreten fühlen: Gut so! Falls Sie mich rausschmeissen wollen: Das müssen Sie nicht. Das haben Sie nämlich bereits (aus Kostengründen) getan. Per Ende Juli werde ich nicht mehr für Ihr Unternehmen tätig sein.

Aber keine Angst, kein böses Blut deswegen! Ich bin mir schon seit zwei Jahren am überlegen, ob ich noch zum Unternehmen passe, oder ob mein Arbeitgeber meiner Glaubwürdigkeit und meiner Integrität schadet. Geblieben bin ich wegen meines Vaters und weil ich so lasch bin, wenns um Veränderungen geht.

Sollten Sie mich aber unbedingt fristlos entlassen wollen, bedanke ich mich im Voraus für den Streisand-Effekt, der mir auf meinem weiteren Weg helfen wird.

In diesem Sinne wars wohl gerade zum richtigen Zeitpunkt, wenn ich die Entscheide, die Kommunikation (intern und extern) des Unternehmens sehe. Noch ein weiterer Monat und ich könnte meinen Freunden und Lesern nicht mehr glaubwürdig erklären, warum ich noch für Tamedia tätig bin.

So, ich wünsche Ihnen einen ruhigen Schlaf (vielleicht mal ohne Schlafmedikamente) und einen schönen Aufenthalt in der erwähnten Alphütte.

Freundlichst

eine der Myrmidonen, die Ihre Dividende anschleppen.

Besser als in der analogen Welt.

Filterbubble? Hör doch auf mit dem Scheiss …

Nach den Abstimmungen vom letzten Wochenende hört man wieder zahlreiche Polit-Experten über die digitalen Filterblasen jammern. «Echo-Kammer» ist ein anderer Begriff dafür.

Es soll bedeuten, dass man sich virtuell nur mit Leuten umgibt, welche die gleiche Meinung teilen und so das eigene Weltbild immerzu stärken, anstatt es auch ab und an zu hinterfragen. Man komme nicht mit anderen Weltsichten in Berührung.

Das ist Bullshit.

Die «Filterbubble» ist kein digitales Phänomen, sondern ein soziales. Vor dem Web 2.0 hatte man sich in seiner Region, Gemeinde, in seiner Peergroup, seinem Stammtisch, seinem Szenelokal, in seiner Partei eine Filterbubble eingerichtet und kam eigentlich kaum mit wirklich widersprechenden Weltanschauungen in Kontakt. Vielleicht mal in einer Zeitung oder in einem Fernsehbeitrag.

Die zum Teil harten und stellenweise abstrusen Streitereien in den Kommentarspalten und in den sozialen Medien kommen daher, dass sich verschiedene analoge Filterblasen digital endlich zum ersten Mal auf der Basisebene wirklich begegnen. Und dann knallt es halt erstmal, bevor sich Gewöhnung einstellt.

Wo sich früher schöngeistige Leitartikler zwischen Berglern und Unterländern, zwischen Liberalen und Sozialen, zwische Rechten und Linken hübsch formulierte, aber elitäre Artikel um die Ohren knallten, steht jetzt die Basis direkt im Kontakt mit Andersdenkenden. Das erschreckt und führt zu den erwähnten Kommentarexzessen.

Die direkte digitale Kommunikation erweitert den Horizont, ob man das nun will oder nicht. Selbst wenn man sich noch so abzuschotten versucht, es taucht immer ein Blink der restlichen Welt in der eigenen Bubble auf. Viel häufiger, als dass früher ein Szene-Hipster sich in einem Landspunten an den Stammtisch setzt oder dass ein SVPler sich nach dem Buurezmorge in einen linksalternativen Club begibt.

Die Situation im Parlament.

Der AHV-Steuerreform-Bullshit

Mit der Verknüpfung der Steuerreform17 mit der AHV-Sanierung haben sich die Bürgerlichen und die Linken im Parlament gegenseitig bei den Eiern. Jeder hat die Faust fest um die Kronjuwelen des Gegners gekrallt, bereit, zuzudrücken, wenn der andere muckt. Die Linke hält die Steuerreform in den zuckenden Händen, die Rechte drückt bedrohlich die AHV mit dem Rentenalter der Frauen. Beide Kämpfer warten auf den Schlussgong und hoffen, die Kampfrichter würden ein Unentschieden geben.

Nun, wenn man nicht so genau hinsieht, würde man das Konsenspolitik nennen. Aber das ist natürlich Bullshit. Konsens wird erreicht, wenn man an EINEM Sachgeschäft feilt, bis man eine Einigung erzielt. Nicht wenn man Apfelschnitze gegen Bananenrugeli tauscht.

Um dieses birreweiche Patt im Parlament zu verstehen, muss man die Déformation professionnelle von Parlamentspolitkern verstehen. Ihr politisches Daily Business ist «The Art of Kuhhandel».  Im Parlamentsalltag heisst das: «Wir untersützen euren Antrag hier, dafür gebt ihr uns da Rückendeckung». Das ist völlig ok, wenn es sich um verschiedene Vorlagen handelt, die nicht in ein Geschäft gegossen wurden. Wenn wir eine superclevere Verquickung von absolut sachfremden Angelegenheiten haben, ist es kein Deal, es ist gegenseitige Erpressung, die in der Erpressung der gesamten Stimmbevölkerung mündet. Alle Parteien haben es nicht geschafft, über die Wandelhallen des Bundeshauses hinaus bis in die Bevölkerung zu blicken. Sie waren zu gefangen in ihrem «Art of Kuhhandel». Und jetzt können sie nicht mehr zurück, ohne das Gesicht zu verlieren.

Eigentlich hätten bei den Politikern schon rote Lämpchen aufleuchten müssen, als sich bei Bekanntwerden sofort einige Staatsrechtler am Kopf kratzten und sich fragten, ob das eigentliche legal sei. Ja, es ist legal ( Gesetzeslücke), denn nur Initiativen dürfen keine sachfremden Geschäfte miteinander verbinden. Das Parlament kann aber offenbar quer durch die Themenlandschaft Sachen zu Gesetzen wursteln.

Aber spätestens seit dieser Woche ist klar, dass das Referendum kommen wird. Und zwar eines, das sowohl linkslinke Gewerkschaften wie auch liberale Unternehmer und sogar Rechtsbürgerliche vereint. Mit dem Verquicken der beiden Sachgeschäfte haben die Parlamentarier es geschafft, alle hässig zu machen, anstatt alle zufrieden zu stellen.

Die Parlamentarier haben es geschafft, eine Vorlage zu formulieren, mit der sie die ganze politische Landschaft gegen sich aufgebracht haben. Normalerweise würde man jetzt nochmals über die Bücher und die beiden Sachgeschäfte trennen und dem Volk eine faire Entscheidungsfindung ermöglichen.

Aber eben: Keine Seite kann zur Zeit den Sack des Gegners loslassen, weil sie Angst haben, der andere könnte dann zudrücken. Nun warten sie einfach ab, und hoffen, dass der Stimmbürger sich mit diesem Patt zufrieden gibt.

Absehbar ist aber, dass der Stimmbürger beiden Gruppen mit weit ausgeholtem Referendum in die Klöten tritt.

 

Der Fehrrorist

Angst vor Druck und Telefonterror hält einige Zürcher SP-Delegierte davon ab, sich frei und offen zur Causa Fehr zu äussern. Anonym werden sie gegen ihn stimmen, aber sich weder öffentlich noch parteiintern erkennbar gegen den Parteifürsten stellen. Für sich allein betrachtet mutet das seltsam an und man könnte meinen, diese Delegierten seien einfach Weicheier. (Und man fragt sich willkürlich, was das für eine Partei ist, in der ein einziges Mitglied die Agenda bestimmt und Leute einschüchtert.)

Ist man aber selbst schon mal mit Fehr aneinander geraten, weiss man, dass diese Angst  vor seinen Aktionen angebracht ist. Ich hab in meiner Zeit als Zürcher Lokaljournalist und auch als Blogger einige Erfahrungen mit Mario Fehr machen dürfen.

Natürlich nie direkt. Er hat immer meine Vorgesetzten angerufen und reklamiert. Nicht einmal angerufen, sondern diverse Male, manchmal bis spät in die Nacht. Hat das nichts genutzt, hat er gedroht, das Medium zu boykottieren. Das heisst, er hat dann (nachweislich) als gewählter Exekutivpolitiker das Gespräch mit einem einzelnen Medientitel verweigert, manchmal für Monate, während er mit ihm genehmen Medien sprach. Das alleine würde in meiner Wahrnehmung schon die Pressefreiheit ritzen.

Nicht jeder meiner Vorgesetzten konnte diesem Druck standhalten, oft auch, weil sie selbst der SP nahe standen. Denn Mario Fehr begnügt sich nicht mit direkten Angriffen, er ruft auch die Freunde, die Vorgesetzten der Vorgesetzten an, wenn nötig den Chefredaktor oder den Verleger. Er benutzt sein ganzes Netzwerk, um Macht auszuüben, um die Berichterstattung zu beeinflussen oder abzuwürgen. Ein Machtmensch mit offenbar nur rudimentärem Verständnis von Presse- und Meinungsäusserungsfreiheit.

Nächste Woche steht die SP-Basis vor der Entscheidung, Mario Fehr wieder  für die Wahl zu nominieren. So will die SP-Führung die Causa Fehr ein für allemal klären.

Das ist blauäugig. Denn die SP hat nicht Probleme mit Mario Fehr. Mario Fehr IST das Problem. Einige mögen meinen, dass die SP einer breiten Meinungsvielfalt Raum geben müsse. Das stimmt. Aber wenn jemand wie Mario Fehr rechtsbürgerliche, antisoziale Asylpolitik betreibt, ist das nicht „breite Meinungsvielfalt“, es ist beliebig. Mario hat mehr Fans rechts ausserhalb der eigenen Partei als bei den eigenen Leuten. Und er führt sich auf, als sei er ein kleiner Diktator.

Alles, was die Zürcher SP in den letzten Jahren an schlechter Presse hatte, nahm irgendwie Bezug auf Mario Fehr.

Ich bin kein SP-Mitglied. In den meisten Abstimmungen bin ich aber auf der Linie dieser Partei. Bei Wahlen sieht das nun anders aus. Ich werde mich bei Kandidaten, die ich nicht kenne, eher für die Grünen oder eine andere Linkspartei entscheiden. Ich wähle Parteien, bei denen ich davon ausgehen kann, dass sie meine Werte in einer Regierung vertreten. In die Exekutive wähle ich Persönlichkeiten, die ihren Job soweit möglich nach gemeinsamen Prinzipien ausüben.

Als liberaler Linker kann ich aber ganz gewiss nicht einen Mario Fehr wählen, der mit den begeisterten Stimmen von Menschen gewählt wird, die meinen Werten diametral widersprechen. Natürlich bin ich kein Parteistratege, sondern ein normaler Demokrat, der daran glaubt, dass die Parteien für Werte und nicht für reinen Machterhalt stehen sollten. Aber vielleicht ist dieser Sitz im Regierungsrat ja auch wichtiger als sozialdemokratische Grundprinzipien.

Und als linker Demokrat kann ich bei Mario Fehr nicht nur nichts Sozialdemokratisches mehr entdecken, ich zweifle auch an seinem demokratischen Verständnis seines Amtes. Ob das nun der Einkauf von (damals illegalen) Staatstrojanern, die Ausschaffung von Kindern und jugendlichen Flüchtlingen, die Ghettoisierung von Flüchtlingen über das Geldregime oder den Aufmarsch von zwei Polizeikorps und Mitarbeitern der Sicherheitsdirektion für ein ausgeschüttetes Bier betrifft.

Mario Fehr wär für mich unwählbar. Als Linker, aber in erster Linie als Demokrat.

Zum Glück stehe ich nicht vor dieser Entscheidung, da ich inzwischen in einem anderen Kanton wohne. Und dort hat auch Marios Telefonterror keine Wirkung 🙂

Schnell weg damit.

Wo sind nur unsere Leichen?

Ich weiss, Sie wollen das eigentlich nicht hören, aber ich hab diese Woche zwei Leichen gesehen.

Eine davon ein Verkehrsopfer, ein Mann in meinem Alter, der lange neben seinem Motorrad auf der Strasse lag, den Helm noch auf dem Kopf. Der Verkehr wurde von einem stoischen Polizisten um den Toten herum gelenkt, der tote Körper nicht abgedeckt.

Die andere Tote war eine sehr alte Frau, die offenbar auf dem Markt kurz vor einem Gewitter einen Herzinfarkt erlitt. Sie sass tot auf einem roten, alten Plastikstuhl, die Augen noch geöffnet, umgeben von weinender Familie und hektisch telefonierenden Ladenbesitzern.

Sie habens vielleicht erraten: Ich bin nicht in der Schweiz. Ich bin gerade auf einer thailändischen Insel. Aber ich bin nicht weg von der Zivilisation, nicht in einem Kriegsgebiet oder in einem Entwicklungsland. Die Menschen sterben hier nicht öfters als anderswo. Sie sterben hier genau einmal pro Person, wie bei uns. Bin ich hier diese Woche mehr Tod begegnet als in Zürich in den letzten 15 Jahren.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Es gab in der Vergangenheit einige Todesfälle in meinem Umfeld, einige Beerdigungen. Aber an diesen Beerdigungen begegneten mir geschlossene Särge, Urnen mit Asche von Verstorbenen, keine sichtbaren Toten.

Man sieht bei uns keine toten Menschen.

Und wenn jemand die Schamlosigkeit besitzt, öffentlich sichtbar und nicht im stillen Kämmerlein oder im Spitalbetrieb (möglichst ausserhalb der Besuchszeiten) zu sterben, kommen gleich fleissige, kleine Aufräumer und beseitigen jede Spur dieses anstössigen, unangemessenen, letzten Verhaltens.

Das geht doch nicht, dass wir mit bewusster Ernährung, Gesundheits-App, Fittness-Abo, Yoga und Kardio-Training unserem Körper jeden Gedanken an unsere Sterblichkeit austreiben und dann kommt irgendwer daher und erinnert uns so unhöflich an die Endlichkeit des Seins. Pfui Teifel.

Aber was macht Leben für einen Sinn, wenn man es nicht mit einem Blick auf die Endlichkeit lebt?

Wir bekämpfen den Tod so erbittert, als ob wir gewinnen könnten – und verbringen damit oft das letzte Drittel unseres Lebens, indem wir das Leben verteidigen anstatt es zu geniessen.

Leichen sehen wir nur nur noch in Game of Thrones oder irgendwelchen Netflix-Serien. Und da ist sichergestellt, dass die Leute so absurd sterben, dass es nichts mit unserem Leben zu tun hat. Oder kennen Sie jemanden in Ihrem Umfeld, der kürzlich geköpft, gepfählt, ins All gestossen oder über 800 Meter von einem Scharfschützen umgenietet wurde? Eben.

Komischerweise werden wir umso geiler auf Tote, je weniger sie in unserem realen Leben stattfinden. Es gibt kaum eine neue Serie, kaum ein Film, bei dem es nicht um Tod geht. Aber anders als Gewalt kann man den Tod nicht in die Kunst auslagern.

Natürlich zeigen uns die Medien auch echte Tote. Meist in Zahlen. XX Kriegsopfer dort, XX Tote bei einer Katastrophe da. Dann sind wir betroffen, ohne wirklich betroffen zu sein. Es hat ja nichts mit uns zu tun.

Dabei hätte die sichtbare, für uns erfahrbare Sterblichkeit durchaus eine positive Wirkung. Da wär erstens Mal die Dankbarkeit. Das pure Gefühl, dass man noch lebt und auch für jede weitere Sekunde dankbar sein kann, das einem im Angesicht eines Toten befällt. Früher hatten solche Memento Mori den Sinn, uns bescheidener und demütiger zu machen. In unserer Zeit ist Bescheidenheit Schwäche und Demut wurde zum falsch verstandenen Synonym für feige und unterwürfig.

Dann aber auch das Bewusstsein der Zerbrechlichkeit des eigenen Seins und des Lebens der anderen. Ich fuhr um einiges vorsichtiger, nachdem ich in Schrittempo an einer Leiche vorbei gewinkt wurde. Und ich hab mir am Abend darauf, neben der Leiche der älteren Frau, vorgenommen, mehr Zeit mit meinen Lieben zu verbringen und weniger Zeit mit Konsum, der mir die Birne füllt, mir aber nichts emotionales bringt.

Tote gehören in unsere Welt, wenn wir menschlich bleiben wollen. Wir müssen sie nicht wächsern in Mausoleen stellen, aber es wäre schön, wenn die Hüllen unserer Mitmenschen nach ihrem Tod nicht gleich entsorgt würden wie Kaugummipapier, das von den Bürsten der Strassenreinigern weggefegt wird. Ab und zu sollte uns eine Leiche das Leben in Erinnerung rufen.

Forderungen abweisen ist die wahre Motivation für "Sozialschnüffler" bei Sozial- und Krankenversicherungen.

Schnüffeln für die Kasse

„Augenmass“ solle bei den neuen Überwachungspraktiken walten, die sich die Versicherer in einem massgeschneiderten Gesetz per Lobby in Höchstgeschwindigkeit haben ausliefern lassen – von ihren Versicherungsfreunden im Parlament. 

Private Ermittler sollen also ganz, ganz sicher nur dann in Ihre Wohnung filmen, Ihr Auto tracken und in Ihrem Müll herumstochern, wenn sie wirklich denken, dass Sie, meine lieben Leserinnen und Leser, die Versicherung beschissen hätten.

Quelle: Tages-Aneziger

Quelle: Tages-Aneziger

Unter bürgerlichem Spardruck ist es für Sozialversicherungen – aber indirekt auch für Krankenkassen – immens wichtig, Leistungen verweigern zu können. Es geht nicht um « Sozialbetrüger », es geht um Kostenoptimierung mit freiheitsfeindlichen, antidemokratischen Werkzeugen – und das ohne demokratische Kontrolle. Und wie bitte soll „Augenmass“ herrschen, wenn es in den vitalsten finanziellen Interessen der ausführenden Akteuren liegt, so viel Schuld wie möglich zu finden?

Und wirklich: Es geht nicht nur um IV-Bezüger und Arbeitslose. Auch ihre Krankenkasse darf ausschnüffeln, ob sie wirklich flach liegen, oder ob sie nur einen kleinen Schnupfen haben.

Nicht nur, dass private Ermittler in privatem Auftrag mehr Rechte hätten als jeder Staatsanwalt oder die Polizei, sie würden diese Rechte auch noch im Auftrag einer betroffenen Partei ausüben. Die Versicherungen sind nämlich nicht ermittelnde Neutrale, sondern haben ein vitales Interesse an einem Schuldnachweis. Alles, was wir über Gewaltentrennung mal in der Staatskunde gelernt haben, wird mit dem Schnüffelgesetz ad absurdum geführt.

Versicherungen haben kein Interesse, Geld auszugeben. Bei der IV wirkt sich das so aus, dass Ärzte, die sich öfters gegen Renten ausprechen, mehr Fälle zur Beurteilung bekommen. Krankenkassen versuchen sich um die Kosten von teurer Medikamentation zu drücken, auch wenn diese lebenserhaltend oder -verlängernd wirkt. Alle Sozialversicherungen stehen unter enormen Spardruck, den ihnen die bürgerlichen Parteien aufgezwungen haben. Sie wollen nicht Betrüger finden, sondern suchen Gründe, um Leistungen abzulehnen.

Was weder Dittli noch Kuprecht noch Eberle noch Hess oder Humbel sagten: Sie alle haben Mandate bei Versicherern, die direkt vom Gesetz profitieren. Nun haben sie ihren Unternehmen eine Vorlage massgeschneidert, die es wieder erlaubt, den Versicherten nachzustellen. Dank dem Eilverfahren könnte das Gesetz noch dieses Jahr in Kraft treten. Das Geschäft 16.479 – es ist eine Machtdemonstration der Versicherungslobby. –  Tages Anzeiger

Und diesen Interessengruppen geben wir jetzt Vollmachten, von denen jeder Überwachungsstaat träumt. Und anders als bei der Polizei unterliegen diese Werkzeuge der Überwachung keiner demokratischen Kontrolle. Sondern nur dem „Augenmass“ irgendeines Versicherungsmanagers.

HIER GEHTS ZUM REFERENDUM

Bald auf diesem Kanal: Der Autor outet sich als ehemaliger IV-Bezüger und erklärt, wie er seinen Weg in die Gesellschaft zurückfand. Und wie viele seiner Leidensgenossen verreckten, als die IV-Regeln verschärft wurden.

Die 3 wichtigsten Gründe gegen #NoBillag

1. Es geht nicht um Geld

Der Titel „No Billag“ ist irreführend. Bei der Intitiative geht es nicht um die 365 Franken, die ein Haushalt jährlich bezahlen muss. Es geht um die Abschaffung des Service Public. So der Initiativtext:
„Er (der Bund) subventioniert keine Radio- und Fernsehstationen. Er kann Zahlungen zur Ausstrahlung von dringlichen amtlichen Mitteilungen tätigen.
Der Bund betreibt in Friedenszeiten keine eigenen Radio- und Fernsehstationen.“
Die Initiative macht die SRG nicht schlanker, sie macht das Angebot nicht besser. Die Initiative verbietet in der Verfassung den Service Public grundsätzlich. Kein Schweizer Radio und Fernsehen mehr. Gar keins.

2. Kein Plan B

Die Initianten weichen immer aus, wenn man sie nach den Konsequenzen der „No Billag“-Initiative fragt. Es gäbe einen Plan B, der dann doch noch Service Public ermögliche. Das ist nicht wahr. Der Initiativtext ist klar und eindeutig. Es gibt auch keine anderen Player, die den Service Public leisten könnten.
Für die Kantone ist das finanziell und organisatorisch nicht zu stemmen. Wer die Initiative annimmt, schafft den Service Public ab. Die SRG wird kein Schweizer Fernsehen mehr sein, sondern ein Privatsender, der sich über Werbung finanzieren muss. In einem kleinen Werbemarkt wie der Schweiz würde eine private SRG, ohne die Verpflichtung zum Service Public, ohne Beschränkungen in Werbezeit und Online-Angeboten den Werbemarkt sofort austrocknen und alle anderen an die Wand drücken.

3. Die Demokratie

Die SRG gehört uns, der Bevölkerung. Sie handelt nicht mit Information, sondern sie stellt sie zur Verfügung. Information ist kein normales Handelsgut. In einer Demokratie ist Information das Fundament, auf dem unsere Abstimmungen und Wahlen stattfinden. Schafft man die Kontrolle über die SRG ab, gibts keine Medien mehr, die ausgeglichen Berichten müssen.
Die Lizenzen für Fernseh und Radio würden nach Annahme an den Meistbietenden versteigert. So würden die finanzkräftigen Deutschen Privatsender und vielleicht noch private Milliardäre bestimmen, was bei uns im Radio und im Fernsehen an Informationen verbreitet wird.
Wir können die Informationshoheit nicht nur wirtschaftlichen Interessen und politischen Playern überlassen, ohne unserer Demokratie nachhaltig Schaden zuzufügen.

Deshalb Nein zu NoBillag, weil wir unser eigenes Schweizer Fernsehen behalten wollen.
Deshalb Nein zu NoBillag, weil wir eine Kontrolle über unsere Medien in den Händen der Bevölkerung behalten wollen.
Deshalb Nein zu NoBillag, weil wir als Demokratie dafür schauen, dass alle Zugang zu neutraler Information erhalten.

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