Lieber Herr Federspiel

Eine Replik auf den fremdenfeindlichen und angstgesteuerten „Essay“ von Maurus Federspiel.

Ich bin einer dieser Menschen mit fremdem Namen. Mein Vater ist Nordafrikaner – und spricht sechs Sprachen, die Ihnen wahrscheinlich unheimlich vorkommen, wenn Sie sie in Ihrem Quartier hören. Dazu spricht er Deutsch und Schweizerdeutsch.

Er ist damals durch den Algerienkrieg in die Schweiz gekommen, auf Umwegen über Frankreich. Und das Erste, was er mir vermittelte, war eine Schweiz mit der geilsten Kultur weltweit. Direkte Demokratie, Vielfalt, Sicherheit und vieles mehr. Ich glaub, mein Vater ist der grösste Bünzli, den ich kenne.

Ich ging damals mit Schweizern zur Schule. Und mit Italienern. Und mit Türken. In meinem Schulhaus konnte man viele Sprachen hören. Was man nicht hören konnte, waren Kinder, die andere Kinder wegen deren Kultur oder Herkunft abwerteten, weil sie ihren engstirnigen Eltern nachplapperten.

Ich kann mich daran erinnern, wie die Italiener von kleingeistigen Patrioten als „Gefahr für unsere Frauen“ angesehen wurden. Ich kann mich daran erinnern, dass die türkischen und kurdischen Einwanderer noch etwas schief angesehen wurden. Dass die Portugiesen und Spanier als „fremde Fötzel“ tituliert wurden. Deren Kinder wählen heute als Schweizer. Leider nur zu oft SVP, eine Art Überassimilierung.

Diese Kinder bezahlen unseren Eltern die AHV, ihre Eltern haben die Bahnhofklos geputzt (oder würden SIE diesen Job übernehmen?) und vielleicht hat die erste Generation wirklich kaum Deutsch gesprochen. Die zweite hingegen ist hier zuhause.

Wenn Ihnen die „Fremden“ Angst machen, hat das wenig mit den Menschen zu tun, die Ihnen fremd erscheinen, es hat mit Ihrer persönlichen Unsicherheit und Ihrem fehlenden Glauben an die Schweizer Kultur zu tun.

Statt Angst zu haben und eine Reduit-Schweiz zu schwadronieren, die es so nie gab (dieses Bild wurde im WWII als Teil der geistigen Landesverteidung als Propaganda entworfen, um vier unterschiedliche Sprachregionen und Kulturen zu einer Nation zu schweissen), sollten Sie sich vielleicht mal mit der Geschichte auseinandersetzen. Die Schweiz war schon immer eine multikulturelle Gesellschaft. Von den orthodoxen Juden im Kreis 3 bis hin zu den ungarischen Flüchtlingen in den 50ern, von den italienischen und portugiesischen Gastarbeitern bis zu den vietnamesischen Boatpeople in den 70ern.

Die fehlende Vision ist nicht das Problem der Bundesrätin.

Die fehlende Vision ist IHR Problem, weil Sie es nicht schaffen, über Ihre angstgesteuerte Bias hinaus die Möglichkeiten einer Gemeinschaft zu erkennen, die aus den unterschiedlichsten Menschen besteht und diese unter der grossartigen Idee SCHWEIZ zusammenführt. Egal, woher ihre Eltern oder Grosseltern stammen.

Ihre Angst gründet übrigens darin, dass Sie der helvetischen Kultur nicht die Stärke zutrauen, Fremde aufzunehmen und zu überzeugen.

Ich persönlich kenne keine stärkere Kultur als die der Schweiz. Die Schweiz hat ihre Stärke schon immer daraus gezogen, dass sie Ideen und Identität vermittelte, die verschiedene, höchst unterschiedliche Gruppen zu einer Einheit zusammenschweissen konnte. Zum Besten für alle. DAS ist die Vision.

Erschiessen oder helfen?

Die Mär von der Abschreckung

Es ist bei Politikern bis weit in die Mitte opportun geworden, zivile Rettungsschiffe im Mittelmeer der Komplizenschaft mit den Schleppern zu beschuldigen. Auch ist es gerade en vogue, Phrasen von Abschreckung durch dichte Grenzen zu schwafeln.

Leute, die sowas von sich geben, haben nicht für 5 Rappen nachgedacht. Zuerst zur „Abschreckung“: Die Schlepper, meist selbst aus ärmlichen Verhältnissen in dieses kriminelle Geschäft hineingewachsen – oft erst selbst Flüchtlinge, werden nicht einfach nach Hause gehen und Bäcker oder Schreiner werden, nur weil die Bedingungen schwieriger werden. Wird ihr Gewerbe härter, so werden es auch die Bedingungen für die Flüchtenden.

Die Schlepper werden grössere Risiken eingehen, es wird zu mehr Toten kommen, nicht zu weniger.

Viele der Schweizer Politiker, die den Schwachsinn von „Abschreckung“ und „Komplizenschaft“ verbreiten, sollten es eigentlich besser wissen, sind sie doch in der Wirtschaft (nicht in der Beiz. Anm. d. Red.)  zuhause. Macht man den Zugang zu einem begehrten Produkt (hier „Sicherheit“) schwieriger, geht der Preis hoch und das Geschäft brummt. Hier kann man die Nachfrage nicht senken, indem man versucht, das Risiko für Leib und Leben zu erhöhen. Das ist nicht nur zynisch, das ist seelisch degeneriert UND FUNKTIONIERT NACHWEISLICH NICHT.

Die Flüchtlinge sind sich entweder bewusst, dass sie ihr Leben riskieren und tun es trotzdem, oder aber sie wurden belogen und würden auch weiterhin belogen. Die Schlepper rechnen nicht mit Seerettung. es ist noch immer so, dass die meisten Flüchtlinge eben NICHT auf See aufgegriffen werden, sondern entweder den Weg mit dem Boot an einen Küstenstreifen schaffen oder aber im Salzwasser verrecken.

Es gibt zwei Wege, um die „illegale Flucht“ übers Mittelmeer (was für ein Scheissbegriff) einzudämmen: Das eine wäre eine sichere Passage. Man würde den Schleppern das Geschäft aus der Hand nehmen und hätte gleichzeitig gleich von Anfang an Kontrolle darüber, wer wann wo einreist.

Die andere Möglichkeit wäre, auf jedes Boot zu schiessen und die Menschen schnell zu töten, anstatt sie langsam ersaufen zu lassen und die Drecksarbeit den Schleppern und dem Meer zu überlassen. Das hätte die abschreckende Wirkung, die sich viele Politiker wünschen. Aber wahrscheinlich auch nicht so stark, wie man das erwarten würde. Wer unter Lebensgefahr flüchtet, nimmt es nachweislich in Kauf, dass sein Leben auf dem Spiel steht.

Jetzt stellt sich nur noch die Frage, welcher Ansatz den europäischen Werten entspricht. Vorallem, wenn man vorgibt, unsere Werte vor fremden Einflüssen schützen zu wollen. Wenn wir diese Menschen im Stich lassen, können wir „unsere Werte“ gleich an die Wand stellen und erschiessen. Dazu bräuchten wir keine „fremden Einflüsse“ mehr.

Noch kurz zu den Kosten:

Die Leute, die sich über die Millionen für Flüchtlinge aufregen, sind doch die gleichen, die bei jeder Steuerabstimmung den Reichsten Milliarden schenken?

Die rechten Midlife-Crisis-Revoluzzer

Es sind gesetztere weisse, privilegierte Männer in führenden Positionen wie Roger Köppel oder Andi Kunz, die endlich mal auf den Putz hauen dürfen, endlich mal «Das wird man wohl noch sagen dürfen“-Scheiss sagen dürfen. Sie definieren sich als «furchtlos», weil sie «antimainstream» sind, weil sie Haltungen äussern, die noch vor ein paar Jahren als unmenschlicher Scheissdreck geächtet wurden. Und natürlich gehen sie damit kein Risiko ein, sie sind ja sicher versorgt.

Nachdem Rechtsaussen-Parteien Fremdenhass, Rassismus und Unmenschlichkeit wieder salonfähig gemacht haben, ist es kein Problem mehr für diese Möchtegern-Rocker (Köppel hört AC/DC und Gotthard, Kunz The Clash), sich als wilde Revoluzzer der rechten Szene zu geben, ohne dabei wirklich eigene Gedanken zu haben. Während Köppel sich wie ein Kompass am «Mainstream» ausrichtet und jeden Donnerstag wie ein Uhrwerk das Gegenteil behauptet, plappert Andi Kunz (in seiner neuesten Kolumne) einfach die Lügen der rechtsnationalen Parteipropaganda nach, ohne auch nur zu prüfen, ob der Scheissdreck, den er da von sich gibt, den empirischen Fakten entspricht.

Beide sind als Journalisten natürlich nicht mehr ernst zu nehmen, da es ihnen nicht um die Sache geht, sondern Köppel um den Impact und Kunz um das Masturbieren seines Egos in rebellischer Pose. Würde mich nicht wundern, wenn er zu Clash vor dem Spiegel in seine Haarbürste singt und Luftgitarre spielt, wenn er seinen Text beendet hat.

Zum Glück sind die Leser nicht so dämlich. Diejenigen, die den gleichen Scheiss schon in rechtsnationalen Facebook-Gruppen gelesen und geglaubt haben, denen ist sowieso nicht zu helfen. Und die anderen, die haben langsam die Nase voll von der Hetze.

Man ist kein Rebell, wenn man laut «Kacka» am Erwachsenentisch ruft, man ist nicht mutig, wenn man den Scheissdreck der Internet-Hater wohlformuliert in eine Kolumne giesst. Man ist nur ein Mann, der in seiner Jugend nie wirklich rebelliert hat, und sich jetzt krass mutig fühlt, wenn er aus sicherer Position normale Menschen mit seinem Brunz vor den Kopf stösst. Privilegiert und mächtig, aber so tun, als sei man Underdog und Rebell, und sitze nicht fett auf dem Thron.

Ach ja, und noch was zum Inhalt: Man ist nicht neutral oder objektiv, wenn man sich zwischen Fremdenhassern und Rassisten auf der einen Seite und anständigen Menschen auf der anderen Seite platziert.

Dann ist man ein halber Fremdenhasser und ein halber Rassist. Die Mitte liegt nicht zwischen Hass und Menschlichkeit. Niemals.

Bild von Tamedia ausgeliehen.

Sehr geehrter Herr Supino

Mein Vater war ein überzeugter Tagi-Leser. Er war schon sehr stolz, als ich in Richtung Journalismus ging, aber er war erst wirklich glücklich, als er meinen Namen in der Autorenzeile auf der Front des Tagis las. Der Tages-Anzeiger – und damit damals die ganze Tamedia – war ein Name, der für Ethik, Verantwortung und Gemeinsinn stand.

Letzte Woche erhielt ich eine Mail von meinem vorgesetzten Redaktor, in der es hiess, ich solle doch bitte auf Twitter nicht fluchen, da dies dem Ansehen des Unternehmens schaden könnte.

Ich musste schmunzeln. Kurz fragte ich mich, wessen Achtung das Unternehmen Tamedia wohl noch besitzt, und wie ich dessen Ruf nachhaltiger kaputt machen könnte, als Sie dies tun. Aber dann wars mir egal und ich löschte den Hinweis auf meinen Arbeitgeber im Account-Profil. Problem gelöst und keiner von uns beiden hat einen Reputationsschaden.

Natürlich kommt es darauf an, woran man die Reputation eines Medienunternehmens misst. An der massiven Kohle, die an die Aktionäre ausgeschüttet wird, oder an dessen Beitrag zur Medienqualität in der Schweiz. Oder daran, wie ernst das Unternehmen die Arbeit und die Arbeitsbedingungen seiner Journalisten und Mitarbeiter nimmt.

Zwischenspiel: Wir sind uns mal im Lift begegnet. Alle im Lift haben sich gegrüsst oder sich zugenickt, obwohl eigentlich niemand den anderen kannte. Sie nicht. Sie sind starr jedem Blick ausgewichen. Und das war vor ein paar Jahren, also noch bevor Sie die Achtung aller Mitarbeiter verloren haben.

Ich war diese Woche als Referent bei einem Schweizer Unternehmen, etwa gleich mitarbeiterstark wie Tamedia und in einem ähnlich schwierigen Umfeld. Und da sah ich wieder, wie es ist, wenn die Belegschaft aller Sparten und Standorte die Geschäftsleitung achtet. Und wie sich umgekehrt die Geschäftsleitung bewusst ist, dass es ohne diese Mitarbeiter kein „Geschäft“ zu leiten gäbe. Dieser gegenseitige Respekt fehlt mir bei Tamedia schmerzlich.

Man muss es schon ziemlich versch******n haben, wenn man an der Spitze eines Unternehmens steht und jeder einzelne Mitarbeiter nur noch da bleibt, weil der Arbeitsmarkt so ausgetrocknet ist. Wenn man in seinem eigenen Unternehmen gehasst wird, und das inbrünstig, sollte man sich vielleicht eine Auszeit nehmen, irgendwo in eine Hütte in den Alpen ziehen und sich überlegen, wann man dieser gehasste Mensch geworden ist. Und vorallem, warum einem das am Arsch vorbei geht.

Die Stimmung innerhalb Tamedia ist so schlecht, dass ich mich wundere (und hohe Achtung vor den Kollegen empfinde), dass überhaupt noch Content produziert wird. Ich persönlich bin in einer luxuriösen Position. Ich kann schreiben was ich will, muss nicht an der Werdstrasse auftauchen und kein Schwein lügt mir vor, dass wir mit weniger Leuten und weniger Investitionen gleiche oder bessere Qualität liefern können. Und ich musste meinen Output in den letzten vier Jahren auch nicht bei gleichem Pensum und gleichem Lohn verdoppeln.

Falls Sie sich durch diesen offenen Brief auf die Zehen getreten fühlen: Gut so! Falls Sie mich rausschmeissen wollen: Das müssen Sie nicht. Das haben Sie nämlich bereits (aus Kostengründen) getan. Per Ende Juli werde ich nicht mehr für Ihr Unternehmen tätig sein.

Aber keine Angst, kein böses Blut deswegen! Ich bin mir schon seit zwei Jahren am überlegen, ob ich noch zum Unternehmen passe, oder ob mein Arbeitgeber meiner Glaubwürdigkeit und meiner Integrität schadet. Geblieben bin ich wegen meines Vaters und weil ich so lasch bin, wenns um Veränderungen geht.

Sollten Sie mich aber unbedingt fristlos entlassen wollen, bedanke ich mich im Voraus für den Streisand-Effekt, der mir auf meinem weiteren Weg helfen wird.

In diesem Sinne wars wohl gerade zum richtigen Zeitpunkt, wenn ich die Entscheide, die Kommunikation (intern und extern) des Unternehmens sehe. Noch ein weiterer Monat und ich könnte meinen Freunden und Lesern nicht mehr glaubwürdig erklären, warum ich noch für Tamedia tätig bin.

So, ich wünsche Ihnen einen ruhigen Schlaf (vielleicht mal ohne Schlafmedikamente) und einen schönen Aufenthalt in der erwähnten Alphütte.

Freundlichst

eine der Myrmidonen, die Ihre Dividende anschleppen.

Besser als in der analogen Welt.

Filterbubble? Hör doch auf mit dem Scheiss …

Nach den Abstimmungen vom letzten Wochenende hört man wieder zahlreiche Polit-Experten über die digitalen Filterblasen jammern. «Echo-Kammer» ist ein anderer Begriff dafür.

Es soll bedeuten, dass man sich virtuell nur mit Leuten umgibt, welche die gleiche Meinung teilen und so das eigene Weltbild immerzu stärken, anstatt es auch ab und an zu hinterfragen. Man komme nicht mit anderen Weltsichten in Berührung.

Das ist Bullshit.

Die «Filterbubble» ist kein digitales Phänomen, sondern ein soziales. Vor dem Web 2.0 hatte man sich in seiner Region, Gemeinde, in seiner Peergroup, seinem Stammtisch, seinem Szenelokal, in seiner Partei eine Filterbubble eingerichtet und kam eigentlich kaum mit wirklich widersprechenden Weltanschauungen in Kontakt. Vielleicht mal in einer Zeitung oder in einem Fernsehbeitrag.

Die zum Teil harten und stellenweise abstrusen Streitereien in den Kommentarspalten und in den sozialen Medien kommen daher, dass sich verschiedene analoge Filterblasen digital endlich zum ersten Mal auf der Basisebene wirklich begegnen. Und dann knallt es halt erstmal, bevor sich Gewöhnung einstellt.

Wo sich früher schöngeistige Leitartikler zwischen Berglern und Unterländern, zwischen Liberalen und Sozialen, zwische Rechten und Linken hübsch formulierte, aber elitäre Artikel um die Ohren knallten, steht jetzt die Basis direkt im Kontakt mit Andersdenkenden. Das erschreckt und führt zu den erwähnten Kommentarexzessen.

Die direkte digitale Kommunikation erweitert den Horizont, ob man das nun will oder nicht. Selbst wenn man sich noch so abzuschotten versucht, es taucht immer ein Blink der restlichen Welt in der eigenen Bubble auf. Viel häufiger, als dass früher ein Szene-Hipster sich in einem Landspunten an den Stammtisch setzt oder dass ein SVPler sich nach dem Buurezmorge in einen linksalternativen Club begibt.

Die Situation im Parlament.

Der AHV-Steuerreform-Bullshit

Mit der Verknüpfung der Steuerreform17 mit der AHV-Sanierung haben sich die Bürgerlichen und die Linken im Parlament gegenseitig bei den Eiern. Jeder hat die Faust fest um die Kronjuwelen des Gegners gekrallt, bereit, zuzudrücken, wenn der andere muckt. Die Linke hält die Steuerreform in den zuckenden Händen, die Rechte drückt bedrohlich die AHV mit dem Rentenalter der Frauen. Beide Kämpfer warten auf den Schlussgong und hoffen, die Kampfrichter würden ein Unentschieden geben.

Nun, wenn man nicht so genau hinsieht, würde man das Konsenspolitik nennen. Aber das ist natürlich Bullshit. Konsens wird erreicht, wenn man an EINEM Sachgeschäft feilt, bis man eine Einigung erzielt. Nicht wenn man Apfelschnitze gegen Bananenrugeli tauscht.

Um dieses birreweiche Patt im Parlament zu verstehen, muss man die Déformation professionnelle von Parlamentspolitkern verstehen. Ihr politisches Daily Business ist «The Art of Kuhhandel».  Im Parlamentsalltag heisst das: «Wir untersützen euren Antrag hier, dafür gebt ihr uns da Rückendeckung». Das ist völlig ok, wenn es sich um verschiedene Vorlagen handelt, die nicht in ein Geschäft gegossen wurden. Wenn wir eine superclevere Verquickung von absolut sachfremden Angelegenheiten haben, ist es kein Deal, es ist gegenseitige Erpressung, die in der Erpressung der gesamten Stimmbevölkerung mündet. Alle Parteien haben es nicht geschafft, über die Wandelhallen des Bundeshauses hinaus bis in die Bevölkerung zu blicken. Sie waren zu gefangen in ihrem «Art of Kuhhandel». Und jetzt können sie nicht mehr zurück, ohne das Gesicht zu verlieren.

Eigentlich hätten bei den Politikern schon rote Lämpchen aufleuchten müssen, als sich bei Bekanntwerden sofort einige Staatsrechtler am Kopf kratzten und sich fragten, ob das eigentliche legal sei. Ja, es ist legal ( Gesetzeslücke), denn nur Initiativen dürfen keine sachfremden Geschäfte miteinander verbinden. Das Parlament kann aber offenbar quer durch die Themenlandschaft Sachen zu Gesetzen wursteln.

Aber spätestens seit dieser Woche ist klar, dass das Referendum kommen wird. Und zwar eines, das sowohl linkslinke Gewerkschaften wie auch liberale Unternehmer und sogar Rechtsbürgerliche vereint. Mit dem Verquicken der beiden Sachgeschäfte haben die Parlamentarier es geschafft, alle hässig zu machen, anstatt alle zufrieden zu stellen.

Die Parlamentarier haben es geschafft, eine Vorlage zu formulieren, mit der sie die ganze politische Landschaft gegen sich aufgebracht haben. Normalerweise würde man jetzt nochmals über die Bücher und die beiden Sachgeschäfte trennen und dem Volk eine faire Entscheidungsfindung ermöglichen.

Aber eben: Keine Seite kann zur Zeit den Sack des Gegners loslassen, weil sie Angst haben, der andere könnte dann zudrücken. Nun warten sie einfach ab, und hoffen, dass der Stimmbürger sich mit diesem Patt zufrieden gibt.

Absehbar ist aber, dass der Stimmbürger beiden Gruppen mit weit ausgeholtem Referendum in die Klöten tritt.

 

Der Fehrrorist

Angst vor Druck und Telefonterror hält einige Zürcher SP-Delegierte davon ab, sich frei und offen zur Causa Fehr zu äussern. Anonym werden sie gegen ihn stimmen, aber sich weder öffentlich noch parteiintern erkennbar gegen den Parteifürsten stellen. Für sich allein betrachtet mutet das seltsam an und man könnte meinen, diese Delegierten seien einfach Weicheier. (Und man fragt sich willkürlich, was das für eine Partei ist, in der ein einziges Mitglied die Agenda bestimmt und Leute einschüchtert.)

Ist man aber selbst schon mal mit Fehr aneinander geraten, weiss man, dass diese Angst  vor seinen Aktionen angebracht ist. Ich hab in meiner Zeit als Zürcher Lokaljournalist und auch als Blogger einige Erfahrungen mit Mario Fehr machen dürfen.

Natürlich nie direkt. Er hat immer meine Vorgesetzten angerufen und reklamiert. Nicht einmal angerufen, sondern diverse Male, manchmal bis spät in die Nacht. Hat das nichts genutzt, hat er gedroht, das Medium zu boykottieren. Das heisst, er hat dann (nachweislich) als gewählter Exekutivpolitiker das Gespräch mit einem einzelnen Medientitel verweigert, manchmal für Monate, während er mit ihm genehmen Medien sprach. Das alleine würde in meiner Wahrnehmung schon die Pressefreiheit ritzen.

Nicht jeder meiner Vorgesetzten konnte diesem Druck standhalten, oft auch, weil sie selbst der SP nahe standen. Denn Mario Fehr begnügt sich nicht mit direkten Angriffen, er ruft auch die Freunde, die Vorgesetzten der Vorgesetzten an, wenn nötig den Chefredaktor oder den Verleger. Er benutzt sein ganzes Netzwerk, um Macht auszuüben, um die Berichterstattung zu beeinflussen oder abzuwürgen. Ein Machtmensch mit offenbar nur rudimentärem Verständnis von Presse- und Meinungsäusserungsfreiheit.

Nächste Woche steht die SP-Basis vor der Entscheidung, Mario Fehr wieder  für die Wahl zu nominieren. So will die SP-Führung die Causa Fehr ein für allemal klären.

Das ist blauäugig. Denn die SP hat nicht Probleme mit Mario Fehr. Mario Fehr IST das Problem. Einige mögen meinen, dass die SP einer breiten Meinungsvielfalt Raum geben müsse. Das stimmt. Aber wenn jemand wie Mario Fehr rechtsbürgerliche, antisoziale Asylpolitik betreibt, ist das nicht „breite Meinungsvielfalt“, es ist beliebig. Mario hat mehr Fans rechts ausserhalb der eigenen Partei als bei den eigenen Leuten. Und er führt sich auf, als sei er ein kleiner Diktator.

Alles, was die Zürcher SP in den letzten Jahren an schlechter Presse hatte, nahm irgendwie Bezug auf Mario Fehr.

Ich bin kein SP-Mitglied. In den meisten Abstimmungen bin ich aber auf der Linie dieser Partei. Bei Wahlen sieht das nun anders aus. Ich werde mich bei Kandidaten, die ich nicht kenne, eher für die Grünen oder eine andere Linkspartei entscheiden. Ich wähle Parteien, bei denen ich davon ausgehen kann, dass sie meine Werte in einer Regierung vertreten. In die Exekutive wähle ich Persönlichkeiten, die ihren Job soweit möglich nach gemeinsamen Prinzipien ausüben.

Als liberaler Linker kann ich aber ganz gewiss nicht einen Mario Fehr wählen, der mit den begeisterten Stimmen von Menschen gewählt wird, die meinen Werten diametral widersprechen. Natürlich bin ich kein Parteistratege, sondern ein normaler Demokrat, der daran glaubt, dass die Parteien für Werte und nicht für reinen Machterhalt stehen sollten. Aber vielleicht ist dieser Sitz im Regierungsrat ja auch wichtiger als sozialdemokratische Grundprinzipien.

Und als linker Demokrat kann ich bei Mario Fehr nicht nur nichts Sozialdemokratisches mehr entdecken, ich zweifle auch an seinem demokratischen Verständnis seines Amtes. Ob das nun der Einkauf von (damals illegalen) Staatstrojanern, die Ausschaffung von Kindern und jugendlichen Flüchtlingen, die Ghettoisierung von Flüchtlingen über das Geldregime oder den Aufmarsch von zwei Polizeikorps und Mitarbeitern der Sicherheitsdirektion für ein ausgeschüttetes Bier betrifft.

Mario Fehr wär für mich unwählbar. Als Linker, aber in erster Linie als Demokrat.

Zum Glück stehe ich nicht vor dieser Entscheidung, da ich inzwischen in einem anderen Kanton wohne. Und dort hat auch Marios Telefonterror keine Wirkung 🙂