Polemik – der verachtete Streitkunst

Zack!

Zack!

„Das ist reine Polemik!“ höre ich oft als Reaktion auf meine Essays, Blogbeiträge und Social-Media-Äusserungen. Und das ist nicht als Kompliment gemeint. Ich solle weniger den Zweihänder und mehr die feine Klinge benutzen. Gerade Kollegen aus der schreibenden Zunft fühlen sich von Wortwahl und Brutalität meiner Argrumentationsketten oft regelrecht abgestossen. Polemik ist in der Schweiz „Pfui bäh!“.

Man äussert sich ind er Schweizer Medienwelt und Politik wohltemperiert und gediegen, Angriffe finden mittels geworfener Wattebällchen statt. Polemik ist das unsaubere Mittel des politischen Gegners. Schliesslich versteht man sich selbst ja als kultiviert und – vor allem – überlegen.

So edel sich das anhört, so schwachsinnig (hier ist Polemik zu spüren) ist dieser Dünkel gegenüber klaren, angriffigen und manchmal verletzenden Worten. Um beim Sprachbild der Klingen zu bleiben: Natürlich benutze ich gegen gewisse Gegner „die feine Klinge“. Ist mein Gegner jedoch ein gepanzerter, mit Streitkolben gewappneter Goliath, stecke ich den Degen weg und greife zur Streitaxt. Wenn ich mich politisch äussere, will ich den Gegner nicht kitzeln, ich will ihn verbal niederringen. Dazu bewege ich mich auch mal ausserhalb dessen, was man hierzulande als „anständig“ bezeichnet. Und es wirkt, wie man zum Beispiel an Jan Böhmermanns Erdogan-Gedicht sehen kann.

Leider gibt es wenige grosse Medien, die sich harte Polemiken leisten, meist aus Angst vor Klage, oder weil sie ihren Leser das Verständnis und die Toleranz für Streitschriften absprechen.

Polemik ist Pfui

In der Schweiz gibt’s gerade mal drei Polemiker mit grösserer Reichweite, die regelmässig den politischen Gegner herausfordern: Roger Köppel in seinem Editorial, Roger Schawinski und Frank A. Meyer. Aber während Köppel Polemik gezielt einsetzt, um politische Themen zu setzen – oft leider nicht faktenbasiert – reagieren die beiden eher linken Polemiker Schawinski und Meyer oft nur auf bereits bestehende Situationen. Und ich bin mir sicher, das alle drei die Bezeichnung „Polemiker“ weit von sich weisen würden. Auch sie nehmen für sich in Anspruch, „objektiv“ zu sein, was natürlich bei einer offensichtlichen politischen Ausrichtung nicht stimmt.

Selbst unsere Schweizer Satiriker zeichnen sich im Vergleich zum englischen Sprachraum – oder nur schon zu den deutschen Kollegen – durch eine immanente Beisshemmung aus. Kaum einer greift an. Der Unterhaltungswert ist wichtiger als die Botschaft. Man ist Comedian und nicht Kabarettist. Andreas Thiel, der einzige bissige Exponent dieser Szene benutzte Polemik hingegen als Marketinginstrument mit reinem Selbstzweck. Wie das ausging, wissen wir ja.

Also auch hier: Polemik ist Pfui. Dabei nutzten Denker, Philosophen, Wissenschaftler und eben auch politische Autoren von den alten Griechen über Gotthold Ephraim Lessing, Arthur Schopenhauer, Heinrich Heine, Karl Marx bis Kurt Tucholsky auf der Bühne, auf Papier und jetzt eben auch online die altehrwürdige Streitkunst der Polemik. Und diese Typen waren nicht nett zu ihren Gegnern – wirklich nicht – obwohl sie heute als Klassiker gelten. Selbst Max Frisch war sich nicht zu schade, auch mal polemisch zu argumentieren.

Objektivität als Fetisch

Polemik bedeutet, dass man klar Stellung bezieht, dass man in einem Streit als Person Partei ergreift. Doch kaum einer getraut sich: „Objektivität“ ist in der Schweizer Politik und Medienlandschaft (abgesehen von der Weltwoche und der Wochenzeitung) eine Art Fetisch geworden. Man will nicht klar für Werte einstehen, weil man damit vielleicht einen Teil der Leser oder einen Teil der Wähler verlieren könnte. Also meidet man Polemik, formuliert so vorsichtig, dass man beliebig wird. Deutschland ist diesen Weg politisch bereits gegangen, was dazu führte, dass man die SPD und die CDU/CSU lange Zeit inhaltlich kaum mehr unterscheiden konnte und dafür Parteien wie die AfD ein scharfes Profil bekamen. Nur so ist es zu verstehen, dass ein Martin Schulz ohne politisches Programm aber mit klaren Werten und Worten die Kanzlerin herausfordern kann. In der Schweiz sind es Exponenten der SVP, die ihr Profil mit Polemik schärfen und so die anderen Parteien hilflos und schwach aussehen lassen.

Lustigerweise benutzen in der Schweiz viele Politiker und Autoren den Begriff „Polemik“ polemisch: Es ist immer der Gegner, der polemisch ist. Ehrewort! Immer, wenn es gilt eine Argumentation zu diskreditieren, wird dem Gegner Polemik vorgeworfen. Zum einen, um den eigenen Standpunkt als hehr und lauter darzustellen und den Gegner als pöbelnden Schreihals zu brandmarken, zum anderen, um sich selbst als „objektiv“ zu positionieren. Damit lässt sich vortrefflich Kritiken abschmettern und Fragen ausweichen. Ich horche jedes Mal auf, wenn jemand der Polemik beschuldigt wird. Meist kann ich da dann ein schmerzhaftes Argument oder ungeliebte Fakten finden, die der Angegriffene lieber nicht diskutieren will.

Natürlich ist es einfach, jedem faktischen, hart formulierten Angriff mit dem Vorwurf der Polemik zu begegnen. Insofern ist „Polemik“ die Nazi-Keule derjenigen, die sich nicht auf einen schmerzhaften Diskurs einlassen wollen, entweder weil sie lieber mit Wattebällchen werfen, oder weil sie wissen, dass sie den Angriff anders nicht abwehren können.

Die dringende Notwendigkeit der harten Worte

Dabei war der Bedarf an klaren, harten Worten seit dem zweiten Weltkrieg nie mehr so eindeutig. Zur Zeit sehen wir in Europa und auf der ganzen Welt eine Welle des politischen Populismus. Faktenfreie Angriffe auf den humanistischen Konsens der Demokratien fordern aufgeklärte und liberale Denker und Politiker heraus, die leider nur mit feingeistigen Erklärungen und wissenschaftlichen Erklärungen reagieren, die kein Schwein ausserhalb einer kleinen, bereits engagierten Gruppe liest.

Aber Populismus funktioniert nicht rational, sondern charismatisch. Sowohl die Exponenten wie auch die Botschaften arbeiten über eine emotionale Anziehungskraft. Und weil Populisten das Instrument der Polemik benutzen, gilt es auf der Seite der Gegner als verpönt. Inhalt wird mit Form verwechselt. Das können wir uns nicht leisten. Um die Kraft der Populisten zu brechen, muss man sie demaskieren, man muss sie verbal und inhaltlichen demütigen. Das klingt hart, aber es ist der einzige funktionierende Weg. Menschen, die sich von Populisten angezogen fühlen, folgen dem starken Leitwolf, dem am härtesten vorgebrachten Argument. Lässt man beides schwach oder gar lächerlich aussehen, wenden sich viele Mitläufer ab. Mit freundlichen Worten und Wattebällchen hat in der ganzen Menschheitsgeschichte noch niemand Populisten oder Extremisten aufgehalten.

Der Klügere gibt nicht nach.

Ich schreibe eine Polemik nicht, um den Gegner von meinen Argumenten zu überzeugen. Ich schreibe eine Polemik, um dem Leser, dem Publikum, aufzuzeigen, wo die Schwächen, die Denkfehler und das ethische Versagen des Gegners liegt.

Das ist in der Schweiz ein ungeliebtes Konzept, da man lieber im Konsens badet. Aber es ist genau dann notwendig, wenn sich kein vernünftiger Konsens abzeichnet, wenn die Mitte in Gefahr ist. Wenn der Klügere immer nachgibt, steht er irgendwann am Abgrund oder mit dem Rücken zur Wand. Man benutzt Polemik, um klarzustellen, in welchem Rahmen überhaupt eine Einigung möglich ist, wo die Grenzen des Verhandelbaren liegen. Man grenzt ab, ein, aus.

Eine feine, vernünftige Zurechtweisung reicht da nicht. Manchmal muss man hinstehen und sagen was Sache ist: „Bis hierhin und nicht weiter.“ Wenn man zu oft den Konsens mit den Extremen sucht, findet man sich selbst sehr schnell ausser Balance. Mit jeder Einigung mit den Rändern der politischen Landschaft verschiebt die eigene Mitte in deren Richtung.

Auf den Mann spielen

In der Schweiz zielt man nicht gerne auf die Person. Aber gerade heute ist es wichtig, aufzuzeigen, woher und von wem die jeweiligen Botschaften kommen. Man kann eine Information nicht unabhängig von ihrem Absender einordnen. Dazu ist es notwendig, jemanden nicht nur der Lüge oder der Hetze zu überführen, sondern ihn auch „Lügner“ oder „Hetzer“ zu nennen. Ich persönlich benutze in meinen Texten oft viel härtere Ausdrücke, um den emotionalen Druck, die Wut, die Kraft und den Widerstand in spürbare Worte zu fassen.

Natürlich gibt es auch bei Streitschriften Abstufungen: Manchmal reicht feine Ironie und ein Seitenhieb, manchmal braucht es geradewegs eins in die Fresse. Das ist aber nicht vom Autor abhängig, sondern vom Ziel, das er treffen will. Und dann muss man sich über die innere, zivilisierte Beisshemmung hinwegsetzen.

Fakten sind die Munition, Polemik ist die Waffe

Es gibt Grundregeln für eine gute Polemik: Sie muss faktentreu sein. Nur eine belegbare, empirische Demaskierung entwickelt Kraft. Man benutzt die Fakten wie Wurfgeschosse während die polemische Form als starkes Katapult wirkt, mit dem man sicher sstellt, dass man den Gegner auch trifft. Wütende Angriffe ohne empirische Grundlage ohne Fakten ist nur hilfloses Wüten. Sie muss eine klare Position beziehen, und sie darf nicht gegen Ende in eine typisch Schweizerische Apologie ausfransen.

Um eine treffende, funktionierende Polemik zu schreiben, muss man in Sache und Hintergrund sattelfest sein. Man muss die Argumentation des Gegners voraussehen und bereits im Ansatz demontieren. Man muss seine Argumente, seine Aussagen und seine Handlungen in einen ethischen Bezugsrahmen stellen und die Definition des Framings selbst bestimmen.

Der Leser, das Publikum muss am Ende klar in für und wider geteilt sein. Nun muss man aber die gegnerische Position so herausarbeiten, dass da nur noch die überzeugtesten Anhänger stehen wollen. Die kann man mit einer Polemik sowieso nicht überzeugen. Aber die Unentschlossenen, die Mitläufer, die Mitleser, die müssen sich vom Gegner abwenden.

Eine Polemik Während Kurt Tucholsky seine Polemiken satirisch und bitterböse umsetzte, waren zum Beispiel Schopenhauers Denkmuster eher moralisch.

Die Verantwortung

Natürlich kann man sich als eloquenter Schöngeist angewidert abwenden und sich Populisten und Hetzer wegwünschen. Man hält sich Ohren und Augen zu, meidet Kommentarspalten und Medienprodukte, in denen sich die populistische Pest ausbreitet, und rezitiert laut freundliche Gedichte.

Oder aber man steigt in die Niederungen der direkten Kommunikation und macht sich selbst im öffentlichen Streit die Hände schmutzig. Man steht hin für seine Position, wird laut, wahrnehmbar. Man ist bereit, für seine Werte auch mal Schläge einzustecken und seine Texte nicht aus dem Elfenbeinturm der Höflichkeit als Papierflieger auf die Leser herunterregnen zu lassen.

Polemiken zu verfassen und unter dem eigenen Namen zu veröffentlichen ist kein Zuckerschlecken. So viel Spass es machen kann, sich in die verbale Schlacht zu stürzen, so angreifbar wird man als Person dabei. Um eine polimische Position einzunehmen, hilft etwas reflektierter Narzissmus. Aber man muss es auch aushalten können, wenn man gehasst wird und polemische Antworten kriegt.

Wenn wir uns schon Autoren, Politiker, Denker, Künstler und was weiss ich nennen, beinhaltet dieses Selbstbild auch eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber. Wenn wir aus Sorge um unser Image nicht bereit sind, auch etwas zu riskieren, haben wir diese Auszeichnungen auch nicht verdient.

Gefürchtet wie ein Dreijähriger mit Streichhölzern im Dynamitdepot.

Trump besiegt meinen Anti-Amerikanismus

Präsident Trump macht mir keine Angst. Auch seine irrationalen Äusserungen, sein wirrer Sprachgebrauch, seine Faktenintoleranz und auch sein latenter Rassismus oder Sexismus lassen mich nicht um die Zukunft der Welt bangen. Seine getwitterte Aussenpolitik oder seine Schüsse gegen die freie Presse kann ich gelassen nehmen.

Die Umstände, die mich bei Obama so enttäuschten, lassen mich bei Trump hoffen: Obama war es nicht möglich, die USA in den letzten acht Jahren, wie von vielen Linken erwartet, zu einem linksliberalen Zuckerguss-Paradies mit regenbogenfurzenden Einhörnern umzubauen.

Obama war ein guter Präsident, aber eben auch nur in dem Masse, wie es ihm in Amt und in den Pflichten eines PotUS möglich war. Er konnte keine Kriege beenden, liess Guantanamo bestehen, liess Menschen auf der anderen Seite des Globus mit Drohnen killen und noch immer sind US-Truppen in Gegenden aktiv, in denen sie eigentlich nichts verloren haben.

Und genau wie Obama nicht einfach seine private Agenda gegen die Interessen des US-Systems durchziehen konne, wird Trump diese grosse Nation auch nicht in Mordor verwandeln können. Anders als Putin im neu aufgesetzten Russland, kann er das lange und stabil gewachsene System nicht für seine autokratische Art missbrauchen.

Erstaunlicherweise setze ich mein Vertrauen in meine alten Erzfeindbilder, in die US-Wirtschaft, in die Lobbyisten und die US-Geheimdienste, von denen ich hoffe, dass sie Trump schon in Schach halten können. Die Mächte in den USA, die ich für zutiefst antidemokratisch hielt, sind nun plötzlich eine mögliche Garantie gegen das Chaos, das ein einzelner Präsident auf der Welt und im eigenen Land anrichten könnte.

Auch weltpolitisch siehts aus, als wären wir gerade jetzt auf die USA angewiesen. Und auch da hoffe ich auf die imperialistischen Interessen, die ich früher so verteufelt habe. Obamas Zurückhaltung, aber vor allem Trumps Wahl, haben mir vor Augen geführt, wohin die Welt driften kann, wenn die USA nicht mehr ihre Rolle als Gegengewicht spielt. Siehe Syrien. Ja, manchmal wünscht ich mir den kalten Krieg zurück, als die Fronten klar und die Welt noch einfach war.

Natürlich bin ich weder Politikwissenschaftler noch Politiker, und meine Sichtweise gleicht eher einer Stimmungaufnahme als einer Analyse. Aber wenn mir die letzten Jahre etwas gezeigt haben, ist es, dass der Gefühlszustand der Menschen mehr in der Welt bewegt als die effektiven Fakten. Leider.

Die Hassliebe

Überraschenderweise söhnt mich die Wahl Trumps auf einer tiefen, psychologischen Ebene mit den US-Amerikanern aus. Ich wurde, wie viele urbane Europäer im 21. Jahrhundert, antiamerikanisch sozialisiert. Meine Eltern waren Salonsozialisten, die sich in den 60ern gegen den Vietnamkrieg engagierten. Linksliberale Aktivisten, die aus der Schweizerischen Sicherheit heraus bei billigem Rotwein und Protestsongs theoretisch die Welt verbesserten. Sie und ihre Genossen betrachteten alles, was aus den USA kam, mit Misstrauen. Das hiess Gaulloise statt Marlboro und Wodka statt Bourbon. Das hiess auch deprimierende tschechische und deutschdemokratische Autorenfilme in Schwarzweiss statt Hollywood. Die Generation meiner Eltern litt für ihre Ideale.

Natürlich waren selbst die Sozialisten damals schon ambivalent. Die Schlaghosen und die Beatnik-Kultur – später die Hippies – das alles kam aus den USA. Es war unmöglich, einigermassen „groovie“ zu sein, ohne auf US-Kultur zurückzugreifen. Die Friedensbewegung war damals klar antiamerikanisch, kam ober ohne Joan Baez und englische Slogans nicht aus.

Die nächste Generation, der ich angehörte, erbte sowohl den Antiamerikanismus wie auch die Ambivalenz. Nach dem Mauerfall und dem Untergang der DDR hatten wir zwar keine sozialistischen Argumente gegen die USA mehr, aber Reagan, Bush und Bush Junior machten es uns mit ihrer antisozialen Innen- und ihrer aggressiven Aussenpolitik leicht, die USA zu hassen. Natürlich fiel es uns leichter, die USA zu kritisieren, weil wir durch die freien Medien viel besser über die US-Politik informiert waren, als zum Beispiel über das neu entstehende Russland oder über das weit entfernte China. Die Ironie, dass eine grundlegende, demokratische Instanz wie die freie Presse es uns erst möglich machte, tief in die Fehler des US-Systems zu sehen, war uns nicht bewusst.

Wir lebten natürlich ein Paradox. Wir liebten Rocky, Star Wars und den Terminator. Wir schauten «Der mit dem Wolf tanzt» und hatten ersten Sex zur Musik aus der US-Hitparade. Wir fuhren Skateboard, holten uns beim Breakdance Zerrungen. Wir verteufelten McDonalds, skandierten aber unsere antiimperialistsichen Slogans an Demos mit Wrigleys Spearmint Kaugummi im Mund.

Wir sprachen den USA jegliche Kultur ab und badeten gleichzeitig im kommerziellen Output aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wir hassten Bush und hörten dazu US-Bands, die Bush kritisierten. Wir waren US-ophil, imprägniert durch Werte, Lebensstil und Träume aus Übersee und verteufelten gleichzeitig diesen Einfluss.

Der Minderwertigkeitskomplex

Und genau lagen die Wurzeln des europäischen Anti-Amerikanismus: Wir hatten Minderwertigkeitsgefühle gegenüber den US-Amerikanern. Wir sahen die politische Macht und die kulturelle Strahlkraft dieser Nation und hatten ihr nichts als verknöcherte Geschichte und versteinerte Strukturen entgegenzusetzen. Frankreich bemitleidete sich noch für den Verlust der Kolonien in Nordafrika und seine zunehmende Bedeutungslosigkeit auf dem internationalen Parkett, Deutschland schämte sich noch für den zweiten Weltkrieg und nahm den USA gegenüber eine unterwürfige Haltung ein. Europa spielte keine Hauptrolle mehr. Als Ruine des zweiten Weltkriegs und Spielball im kalten Krieg hatten wir Europäer die jahrhundertelange Dominanz im Weltgeschehen den Amis abgetreten.

Die USA waren seit der Nachkriegszeit die Coolen. Im Schulsport würde man sie als erste ins Team wählen, sie wären mit der hübschesten Cheerleaderin liiert, hätten das geilste Auto und würden immer den ersten Touchdown hinlegen. Die USA verkörperte genau die Art lockere Überlegenheit, die man im mehr oder weniger irrelevant gewordenen Europa sowohl beneidete wie auch hasste.

Doch nach 9/11 hat sich etwas geändert. Die USA sah sich selbst nicht mehr als Macher sondern als Opfer. Sie agierten nicht mehr, sie reagierten. Natürlich halfen auch die nicht zu gewinnenden Kriege im Irak das Selbstbild der Amerikaner zu zersetzen. Die Globalisierung, die Innovationskraft und Visionen über den ganzen Planeten verteilte und in breiten, internationalen Netzwerken verankerte, taten ein weiteres.

Dass Nationen im grossen Spiel der Macht immer stärker von Interessensgruppen, Zusammenschlüssen über nationale Grenzen hinaus, abgelöst wurden, ist für eine so stolze Nation wie die USA, und vor allem für des Selbstverständnis der Bevölkerung, eine harte Nuss. Reagan hätte sicher nicht gedacht, dass er mit seinem Neoliberalismus den Grundstein dafür legt, dass viele seiner Mitbürger als Globalisierungsverlierer enden und sein Land an Bedeutung verliert. Trumps Wahl ist im Nachhinein gesehen nur die logische Folge, ein letztes Aufbäumen der Menschen, die einem heilen Weltbild der 80er gefangen und von den Veränderungen im 21. Jahrhundert überfordert sind.

Make Amerika great … again

Trumps Wahlkampf-Slogan macht eigentlich am Deutlichsten, dass sich etwas verändert hat. Trump will nicht Amerikas Grösse verteidigen, er will sein Land auch nicht weiter auf dem Erfolgspfad von internationaler Bedeutung führen oder „Amerika grösser machen“.

Er will die USA „wieder gross machen“. Das ist eine klare Aussage. Und sie impliziert, dass die USA nicht mehr „gross“ sind. Niemals hätte ich gedacht, dass ein so ausgesprochener Narzisst wie Trump einen so entlarvenden, beinahe schon bescheidenen Slogan benutzen würde. Der Spruch „Make Amerika great again“ hört sich nach Rekonvaleszenz an. Nach erlittenem Niedergang und verzweifeltem Suchen nach der alten Grösse.

Unbewusst scheint den Amerikanern ihr Selbstbewusstsein, ihre charmante und unausstehliche Arroganz abhanden gekommen zu sein. Das grossspurige, aber herzliche Auftreten, die zum US-Klischee geworden war, bröckelte. Und genau da löst sich mein Antiamerikanismus auf. Es gibt nichts mehr, das man beneiden oder hassen müsste.

Trumps Wahlsieg hat der Welt den Respekt vor den USA genommen. Natürlich ist die USA noch eine mächtige Nation. Aber man fürchtet Trump nicht wie eine bewaffnete, zielgerichtete politische Kraft. Man fürchtet Trump wie einen trötzelnden Dreijährigen, der in einem Dynamitdepot mit Streichhölzern spielt. Man fürchtet nicht die durchdachte, politische Interessenspolitik dieser Grossmacht. Man fürchtet im Gegenteil die Abwesenheit irgendeiner berechenbarer Ausrichtung.

Der letzte Wahlkampf – nicht nur Trumps Seite – hat eine der strahlendsten, westlichen Demokratien der Nachkriegszeit in eine Dating-Castingshow aus dem Trash-Nachmittagsprogram verwandelt. Die Spannung, mit der man früher die US-Wahlen verfolgte wich einem unangenehmen Gefühl des Fremdschämens.

Mitleid statt Angst

Und genau kippt meine Ablehnung der USA in Mitleid. Trumps narzisstische Grosskotzigkeit ist nur ein billiger Abklatsch des Selbstbewusstseins früherer Präsidenten. Das grossspurige Auftreten lässt uns die verzweifelte Sehnsucht nach alter Grösse wittern. Selbst mit seiner Bewunderung für Autokraten wie Putin lässt Trump die USA wie ein Mitläufer aussehen, als den Schüler, der gerne mit den coolen, tonangebenden Kids auf dem Pausenplatz abhängen würde. Vom Captain der Footballmannschaft zum Groupie degradiert. Und man beneidet oder fürchtet ein Groupie nicht. Man belächelt es.

Die Trump-Wahl ist ein letztes Aufbäumen gegen den Verlust der eigenen kulturellen Strahlkraft. Die Trump-Wähler glauben nicht mehr an ein grossartiges Amerika. Ich hingegen glaube inzwischen an ein grossartiges Amerika. Ich glaube an die Kraft derjenigen, die sich für ihr Land und ihre Lebensart einsetzen wollen. Der Pioniergeist, der diese Nation einmal gross gemacht hatte, entstammte nicht der Arroganz einer Grossmacht, sondern den Visionen, die eine zusammengewürfelte, multikulturelle Gemeinschaft den anstehenden Schwierigkeiten entgegengesetzt hat. Und genau diese Kraft und diese Visionen sind jetzt wieder gefragt.

In vier Jahren, nachdem Trump die USA vollständig zu einer Weltmacht zweiter Klasse degradiert haben wird, werden die Amis uns als Freunde brauchen. Und wir werden sie mit aller Kraft unterstützen. Denn was bleiben uns für Alternativen? In diesem Sinne: U S A! U S A! U S A!

«Globalisierungsverlierer können nichts dafür!»

Sie hatten keine Wahl. Sie müssen Arschlöcher sein.

Sie hatten keine Wahl. Sie müssen Arschlöcher sein.

Man braucht keinen Hochschulabschluss, um kein Rassist zu sein. Auch Arbeitslose können sich dem Sexismus verweigern. Und man muss nicht Ethik studiert haben, um zu verstehen, dass die Befürwortung von Folter Scheisse ist. Man kann sogar ohne grosse Bildung in Geschichte erkennen, dass die Internierung religiöser Minderheiten oder eine Mauer um das eigene Land keine Lösungen für Probleme sind.

«Er kann sich keinen Zweitwagen leisten, deshalb muss er Frauen an die Möse greifen!» ist keine adäquate Erklärung.

Es gibt Millionen Menschen, die nicht zur «Elite» gehören, die keine urbanen Hochschulabgänger sind, Leute, die ihren Job verloren haben oder als Alleinerziehende am Rande des Existenzminimums leben, ohne dass sie dabei rassistische, sexistische und unmenschliche Arschlöcher werden. Es gibt Unmengen «Globalisierungsverlierer», die menschlich, offen und empathisch handeln.

Alles, was es zu einer menschlichen Sichtweise braucht, ist eine gewisse Empathie für Andere. Einen Anstand, den man eigentlich aus dem Elternhaus mitbekommen sollte. Aber selbst wenn man von Wölfen aufgezogen wurde, kann man ein anständiger Mensch werden, indem man versucht, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden will. Anstand ist eine Holschuld.

Es ist extrem herablassend von linksliberalen Kommentatoren und Journalisten, den «Globalisierungsverlierern», den weniger Gebildeten, den Minderpriviligierten die Verantwortung für ihre Entscheidungen abzusprechen. «Sie können keine menschlichen und ethischen Entscheidung treffen, weil sie Globalisierungsverlierer sind!» My Ass.

Wenn man diese Leute ernst nehmen will, muss man ihnen auch die Verantwortung für ihre Entscheidungen zugestehen und sie nicht wie geistig behinderte Schosstiere unter Schutz stellen. Wenn jemand sich wie ein Arschloch verhält, muss er damit leben, «Arschloch» genannt zu werden. Handlungen haben Konsequenzen.

«Aber wir müssen ihre Sorgen Ernst nehmen!» kommt als nächstes. Was für fucking Sorgen? Dass Neger und Kameltreiber das Land überrennen und ihnen Jobs und weisse Frauen wegnehmen? Dass sie bald Weihnachten in einer Moschee feiern müssen? Dass der IS den Bahnhof in Hinterpfupfikon in die Luft sprengt, was man schon an den drei Dunkelhäutigen sehen kann, die da immer rumstehen? Dass sie sich keine Markenturnschuhe leisten können und deshalb Flüchtlinge lieber im Mittelmeer verrecken lassen?

Nein. Ich muss diesen idiotischen Scheiss nicht ernst nehmen. Genauso wenig, wie ich jemanden ernst nehmen muss, der meint,  4 plus 4 ergebe 19. Ich kann ihm die Fakten zur Verfügung stellen. Wenn er sie nicht annimmt, nicht nachrechnet, sondern bei seinem Ergebnis bleibt, kann ich ihn getrost «Idiot» nennen. Information ist eine Holschuld.

Ich verletze also die Gefühle dieser Menschen und das ist nicht hilfreich? Bullshit. Wenn ich den rassistischen, sexistischen und einfach nur faktenfernen, unmenschlichen Dreck ernst nehme, fühlt sich mein Gegenüber noch stärker im Recht.

Soziologische, demografische oder politologische Erklärungsansätze sind super für theoretische Spekulationen im Elfenbeinturm der Intellektuellen. In der echten politischen Diskussion schaffen sie durch Entschuldigung eine Hintertür für ethisch verwerflichen Scheissdreck. Duldung durch Verständnis.

Es gibt gewisse Grenzen in der politischen Debatte. Diese werden durch den kategorischen Imperativ der Ethik gesetzt. Mord, sexuelle Übergriffe, Folter, Rassismus, Verfolgung und Ausgrenzung von religiösen oder anderen Minderheiten etc. sind nicht verhandelbar, eine Verletzung der freiheitlich-demokratischen Prinzipien nicht duldbar.

Wenn wir nicht für die Werte, die unsere Zivilisation ausmachen, einstehen, wenn wir sie nicht hart und klar verteidigen, sind sie nichts wert.

Wenn wir den Leuten nicht die Konsequenzen – Ächtung, Verurteilung, Ausgrenzung – für unmenschliches Handeln aufzeigen, machen sie einfach weiter.

Nur weil wir versuchen, anständig zu sein, sind wir nicht schwach.

Kleiner Mann mit kleinem Schwanz

Fürchtet sich vor Frauen, Homosexuellen und Andersdenkenden: Der kleine Erdogan

Fürchtet sich vor Frauen, Homosexuellen und Andersdenkenden: Der kleine Erdogan.

Meine türkischen Freunde sind gegen das, was Erdogan gerade aus der Türkei macht. Sie schauen mit Schrecken zu, wie sich ihr Heimatland in eine Diktatur verwandelt.

Meine türkischen Freunde äussern das nicht mehr öffentlich. Sie haben Angst. Nicht um sich selbst, sondern um ihre Familien daheim in der Türkei. Die könnten ihren Job verlieren oder im Gefängnis landen. Unter meinen türkischen Freunden hat es viele, die bis letzte Woche demokratisch und politisch engagiert waren. Sie wurden geknebelt. Und einige wurden sogar hier persönlich bedroht. Erdogan und seine kleinen Freunde verbreitet die gleiche Angst, die damals viele Deutsche dazu brachte, nicht gegen die NSDAP aufzustehen.

Erdogan ist ein Feigling. Er fürchtet Frauen, Schwule, Andersdenkende. Er hat Angst, dass er in demokratischen Prozessen seine Macht verliert. Und seine Macht ist alles, was er hat. Deshalb lässt er alle, vor denen er sich in die Hosen scheisst, von seinen Anhängern einschüchtern und einsperren. Es ist typisch für diese Art von Feiglingen, dass sie es nicht ertragen, wenn man Witze über sie macht. Sie glauben selbst nicht an ihre Grösse. Denn sonst sähen sie ihre «Ehre» nicht von einem Witz bedroht.

Erdogan muss einen unheimlich kleinen Schwanz haben. Wie sonst sollte man sich so einen Feigling vorstellen. Als Politiker ist er schon lange gescheitert. Er versteht die Demokratie nicht. Und wie bei allen Menschen mit winzigem (…) Selbstwertgefühl, muss er sich nach aussen grösser machen, als er ist. Er muss sich grosse Paläste hinstellen, sich mit Bewaffneten umgeben. Weil seine Persönlichkeit nicht reicht, um ihn zum Landesvater zu machen, will er das Land dazu zwingen, ihm zu huldigen.

Und seine Anhänger? Die versteh ich wirklich nicht. Wie kleine Kinder wünschen sie sich einen Führer, einen Macho, einen starken Mann, der alles das macht, was sie in ihren kleinen Leben nicht erreichen können. Jemanden, der die eigene Bevölkerung wieder der Todesstrafe zuführen will, aber gerne Putins Schwanz lutscht, damit dieser wieder Russen in die Türkei in die Ferien schickt.

Ein starker Mann kann durch seine Persönlichkeit die Menschen überzeugen, er hat es nicht nötig, Medien und Menschen zum Schweigen zu bringen. Er scheisst sich nicht in die Hose, weil er politische Gegner hat. Er vertraut in seine Vision. Und ein Demokrat akzeptiert, wenn ein grosser Teil seines Volkes seine Vision nicht teilt. Dann sucht er Lösungen, die für alle funktionieren.

Erdogan bezeichnet sich als gläubiger Muslim. Das ist pure Heuchelei. Der Mann glaubt nicht mal an sich selbst. Wenn er dereinst vor seinem Gott steht, wird dieser ihn wiegen und für zu leicht befinden.

Da sich viele meiner Freunde nicht mehr in der Öffentlichkeit äussern wollen, mach ich das hier.

Liebe Türken, ihr seid nicht allein mit diesem(n) Wahnsinnigen. Die Türkei ist keine Insel. Wir sind bei euch gegen diesen kleinen Mann.

Offener Brief an die Muslime

Islam

Meine europäischen, friedliebenden, muslimischen Freunde,

die Zeit des Abseitsstehens ist vorbei. Ich erwarte nicht, dass ihr euch vom Terror der Fanatiker distanziert. Das wäre dumm, denn ich weiss, dass ihr keine Terroristen seid.

Ich erwarte von euch, dass ihr aufsteht gegen die wenigen, hasserfüllten Fanatiker in euren Reihen. So wie auch wir gegen unsere Fremdenfeinde und Hetzer vorgehen: Laut, klar, offen und stark.

Ich weiss, viele von euch werden sagen: «Aber wir haben nichts getan!». Das stimmt, und die Welt ist nicht fair. Die Mörder und Terroristen schaffen ein Klima von Hass, und ihr werdet darunter leiden. Egal, wie friedfertig ihr seid, wenn die Geschichte über unsere jetzige Zeit und die Folgen der Hassspirale urteilt, wollt ihr nicht diejenigen sein, die «nichts getan» haben.

Ihr wollt diejenigen sein, die sich gegen die verblendeten Glaubensbrüder zur Wehr gesetzt haben. Ihr wollt diejenigen sein, die in der Moschee aufstanden und laut «Stopp» sagten, wenn ein Hassprediger einen Keil in eure Gemeinschaft treiben will. Ihr wollt diejenigen sein, die im Gespräch mit Freunden nicht weggehört haben, wenn einer Hass verbreitete. Ihr wollt euch dem Bösen entgegenstellen.

Ihr werdet eure Imame prüfen und für zu leicht befinden, wenn sie sich nicht klar gegen Hass und Gewalt aussprechen. Ihr werdet die Bösen aus den Moscheen treiben, die Hasserfüllten brandmarken.

Ihr werdet mit euren Mitteln für die Freiheit eures Glaubens in eurer Heimat – egal ob Schweiz, Frankreich, England oder sonst irgendwo in einer westlichen Nation – kämpfen. Ihr werdet euch nicht mehr abgrenzen und raushalten. Ihr werdet ein Zeichen setzen gegen die verblendeten Mörder.

Denn wenn ihr es nicht tut, wird es uns auf Zeit nicht möglich sein, die Hassprediger auf unserer Seite in Schach zu halten. Und unsere Arschlöcher machen keine Unterschiede zwischen euch.

Es wird kein Händewaschen in Unschuld mehr geben, keine lauwarmen Distanzierungen. Ihr steht auf und kämpft für den Frieden in unserer Gesellschaft. Ihr könnt eure Religion nicht mehr aus der Politik heraushalten.

Ihr tragt Verantwortung für eure Hassprediger, genau wie wir für unsere.

Geht in die Moschee, heute, und sagt den Leuten, wofür ihr steht. Sagt es laut, zeigt den Mut, den es braucht, um für den friedlichen Islam einzustehen. Grenzt euch nicht ab. Steht mitten in die Menge und bekennt euch laut zu den Werten der freien Demokratien, in denen ihr lebt.

Tut ihr es nicht, seid ihr mitverantwortlich für die Hassspirale, die sich entwickeln wird. Ohne eure Hilfe schaffen wir es nicht, den Hass auch bei «unseren» Arschlöchern einzudämmen.

wa-ʿalaikum us-salām

Eine Plattform für Populismus?

Man geht ihnen nicht aus dem Weg. Man stellt sich vor sie hin und brüllt: «Stopp, so nicht!»

Man geht ihnen nicht aus dem Weg. Man stellt sich vor sie hin und brüllt: «Stopp, so nicht!»

«Man darf diesen kranken Typen nicht auch noch eine Plattform bieten», hörte ich die letzten Tage in der Auseinandersetzung um das unsäglich frauenfeindliche Verhalten und das Verbreiten von Falschinformationen des SVP-Nationalrats Andreas Glarner. Man solle Hetzern und Trollen dieses Kalibers die Öffentlichkeit entziehen und sie so ins Leere laufen lassen. Die Medien sollen sie totschweigen, weil diese Persönlichkeiten mit narzisstischer Störung und ohne jegliche Ethik im Rampenlicht nur aufblühten. Man gebe ihnen eine Bühne, die sie nicht verdienen.

Nun, 1980 hätte das vielleicht noch funktioniert. 2016 sind die herkömmlichen Medien nur noch die Mittagsvorstellung solcher Auftritte von Lügnern, Hetzern und Antidemokraten. Die Premiere und Hauptvorstellung finden in den sozialen Medien statt. Das widerliche Verhalten dieses speziellen Volksvertreters begann auf Twitter und spielt sich jetzt auf Facebook weiter ab. Die Medien sind geduldete Zuschauer, wie der Rest der Öffentlichkeit.

Die Akteure sprechen mit den Journalisten, nachdem sie  bereits auf der Bühne waren. Man kann niemanden totschweigen, der seine eigenen Medienkanäle hat. Im Gegenteil, man muss die Lügen und die Hetze sichtbar machen, damit anständige Menschen aus allen politischen Richtungen sich davor ekeln und auf Distanz gehen können. Bei Glarner scheint das langsam zu fruchten. Nicht einmal seine Parteikollegen wollen sich noch vor ihn stellen. Was bei einer Partei wie der SVP schon viel bedeutet.

«Man muss diesen Typen auf sachlicher Ebene begegnen, nicht die Person zusätzlich ins Rampenlicht stellen», war ein Argument, das aus dem Pulk meiner Journalistenkollegen fiel. Nun ja, wenn Populismus die Vernunft ansprechen würde, gäbs ihn nicht.

Populismus funktioniert charismatisch, nicht rational. Wäre Politik Musik, dann spielten die Vernünftigen die netten Melodien, die man mitsummt. Die Populisten aber klopfen den Bass, nachdem die Menge stampft. Populisten mit Vernunft begegnen zu wollen ist, wie mit einem Buttermesser in eine Artillerieschlacht zu ziehen.

Man soll diese Typen auch nicht als DAS BÖSE stigmatisieren, denn  das wäre kontraproduktiv. Sie versuchen sowieso schon, bei jedem Angriff die Opferrolle zu besetzen. (Man darf sie aber durchaus «Opfer» nennen, das hören sie nicht so gerne :D) Aber das sind sie nicht. Sie sind meist eklig, lächerlich, dumm, verlogen und ungeheuer von sich selbst eingenommen. An jedem dieser Punkte sind sie angreifbar.  Nicht, dass sie dadurch ihre treuen Anhänger verlieren. Aber die sind sowieso verloren.

Aber die unpolitischen Mitläufer, die bei oberflächlichem Hinhören auf den Dreck und die Lügen der Populisten hereinfallen,  informieren sich genauer, wenn die Scheisse rund um eine Persönlichkeit richtig am Dampfen ist. Sie plappern den Hetzern nicht mehr einfach nur nach, weil sie sich fürchten, die Scheisse könnte auf sie überspritzen. Sie werden achtsam. Und achtsame, vorsichtige Wähler sind Wähler, die für den Populismus verloren sind.

«Nur keine Publicity ist schlechte Publicity», versuchen die Campaigner und die Kommunikationsverantwortlichen ihren Kunden einzureden, wenn sie ihren Job Scheisse gemacht haben. Das stimmt nicht. Unreflektierte Narzissten trifft man mit einer öffentlichen Demontage tausendmal mehr als mit einer vernünftigen Diskussion. Nach aussen hin lassen sie die Angriffe an sich abprallen, aber schmerzhaft getroffen sind sie trotzdem, wie die Löschung des Twitteraccounts von Andy Glarner zeigt.

Wenn der Klügere immer nachgibt, steht er irgendwann am Abgrund oder mit dem Rücken zur Wand. Es ist in der Geschichte noch niemals ein Demagoge totgeschwiegen worden. Auch wurde noch kein Rechtspopulist durch ignorieren von seiner Mission abgehalten.

Wenn die radikalen Hetzer aufstehen, bleibt man nicht sitzen, man geht ihnen nicht aus dem Weg. Man stellt sich ihnen entgegen – auf allen Kanälen – und brüllt laut: «So nicht, Arschloch!». Alles andere ist zwar kultivierter, aber tödlich für eine freiheitliche Demokratie.

Und bei Leuten, die nur die Menschen als «Volk» oder «Schweizer» betrachten, die sie oder ihre Partei wählen oder in ihrem Sinne abstimmen, gehts wirklich um die Substanz unserer freiheitlichen Demokratie.

«Attacke!» – Social-Media-Helden und Memmen

Nicht nur austeilen, sondern auch einstecken können.

Nicht nur austeilen, sondern auch einstecken können.

(Warnung an meine Stammleser: In diesem Beitrag wird nicht geflucht, geschimpft oder brutal angegriffen. Der Beitrag ist zahm. Er erschien zuerst auf der Plattform Swisscom Storys, musste dann aber auf Druck der SVP entfernt werden.)

Diese Woche hat der SVP-Politiker Andreas Glarner seinen Twitteraccount geschlossen. Der berühmt-berüchtigte Social-Media-Kämpe ging sozusagen in einem technischen K.o. zu Boden, weil er die verbalen Konterschläge nicht mehr aushielt.

Die meisten Leute, die in den sozialen Medien unterwegs sind, verhalten sich höflich, berücksichtigen gewisse ungeschriebene oder sogar geschriebene Verhaltensregeln. Das ist so löblich wie langweilig.

Wenn man sich emotional engagiert, darf man aber manchmal einfach auch den verbalen Zweihänder hervornehmen und sich fluchend und keifend für seine Sache in die Bresche werfen, darf hart austeilen und muss dann genauso hart einstecken. Auch wenn dies in der zurückhaltenden Streitkultur der Schweizer verpönt ist.

Normalerweise gilt, dass jeder in der Sprache und Tonalität Antwort bekommt, in der er austeilt. Nicht alle halten das aus. So hat der SVP-Twitterkrieger Andreas Glarner die letzten Jahre hart ausgeteilt und jetzt sozusagen seine Tastatur ins Korn geworfen, weil die anderen Twitterteilnehmer in der gleichen Tonalität und Intensität zurückschossen. Sie seien gemein zu ihm gewesen, gibt er in einem Facebookstatus (!) bekannt. Er hat den Feind unterschätzt und wittert eine staatlich finanzierte Verschwörung.

Ohne Kommentar.

Ohne Kommentar.

Die Schlachtweisheit, die Herr Glarner in der Hitze des Gefechtes nicht berücksichtigt hat: «Viel Feindʼ, viel Ehrʼ» – wer sich am lautesten mit dem Schwert auf den Schild schlägt, zieht die meisten Feinde an. Der edle Social-Media-Ritter steht dann knietief in erschlagenen Kommentaren und schwingt seine Tastatur gegen jede neue Welle von Anfeindungen. Das macht den Spass von Social-Media-Schlachten aus. In epischen Auseinandersetzungen kann es sein, dass man sich über Tage mit dem Gegner verbale Scharmützel liefert. Das kann ungeheuer Spass machen. Und es kann passieren, dass man unterliegt.

Wer sich nicht bewusst ist, dass er mit jeder Polemik eine Welle von Myrmidonen mit spitzen Worten und scharfen Kommentaren auf sich zieht, sollte auf bewusste Provokationen à la Glarner verzichten und sich nicht in die Social-Media-Schlachtfelder begeben, sondern gemütlich auf Twitter-Tearoom-Ecke-Konversation machen.

Wie gesagt, es ist nicht jedermanns Sache, sich in die Schlacht zu werfen. Wer es aber dennoch tut, sollte ein paar grundsätzliche Regeln beachten: Man sucht sich keine schwächeren Gegner aus, das wäre Mobbing. Man benutzt die Waffen des Gegners. Je härter das Gegenüber draufdrischt, umso härter darf man selbst antworten. Wenn der Gegner am Boden liegt, tritt man nicht nach.

Und zum Schluss am wichtigsten:

Wenn man selbst unterliegt, heult man nicht. Man steht auf, klopft sich den Staub von der Tastatur und wischt sich das Blut von der Maus – um sich dann irre grinsend in die nächste Schlacht zu werfen.

Wir werden dich und deine ungezielten, wilden Rundumschläge vermissen, Andy Glarner. Wir werden deinen toten Account unter einem Kreuz begraben und davor salutieren.