«Wir sind die Guten»

Die wirklich Guten» machen keine Politik. Die kümmern sich um Menschen.

Die wirklich «Guten» machen keine Politik. Die kümmern sich um Menschen.

«Du gehörst doch eigentlich zu den Guten», musste ich mir in der letzten Woche verschiedene Male anhören. Damit gemeint ist, dass ich zum linksgrünen Spektrum gehöre und mich für Menschenrechte, eine sozialverträgliche Politik und solche Sachen einsetze.

Aber gehöre ich «zu den Guten»? Wohl eher nicht. Gäbe man mir absolute Macht, würde ich meine Werte wohl mit Mitteln durchsetzen, die meinen Werten widersprächen. Viele aus meinem linksgrünen Umfeld wünschen sich so stark eine gerechtere Welt, dass sie beim Erreichen dieses Ziels Ungerechtigkeiten in Kauf nehmen und nähmen. Ob über Einschränkung der Meinungsfreiheit, Gesinnungskontrolle oder einen überbordenden Staat – meine linken Freunde und ich wären ungebändigt eher nicht die Architekten des neuen Paradises.

Das ist einer der Gründe, warum ich zuerst Demokrat und erst danach links bin. Es braucht die anderen politischen Kräfte, um Typen wie mich auszubalancieren. Es braucht bürgerliche und liberale Überzeugungen, um meinen Idealismus in Schach zu halten.

Was ich bei den populistischen Rechten so verabscheue, dieses «Wir, die richtigen Schweizer und diese anderen, die Vaterlandsverräter», oder bei den Liberalen «Wir, die Starken, und diese anderen, die Schwachen», spiegelt sich auf linker Seite in «Wir, die Guten und diese anderen, die Menschenverachter». Das mag gut sein, um Leute auf eine Ideologie einzuschwören, als praktischer Ansatz für eine freie, gesunde und soziale Gemeinschaft ist es Scheissdreck. Und das nicht im Sinne von «Dünger».

Die Arroganz, die in der Annahme liegt, man habe selbst die Weisheit mit dem Löffel gefressen und die anderen seien alles Feinde und des Teufels, ist der Grund, dass es die gegnerischen Kräfte braucht. Gnade uns Buddha, wenn einmal eine dieser Kräfte 51 Prozent der Bevölkerung hinter sich scharen kann. Egal, welche.

Die Schweiz ist stabil, weil wir uns gegenseitig auf die Finger schauen und auch mal hauen. Die anderen Kräfte machen es mir möglich, mich für meine Werte einzusetzen, ohne sie totalitär durchsetzen zu können.

Natürlich bin ich von meinen Werten überzeugt. Natürlich greife ich den politischen Gegner mit verbalen Klauen und Zähnen an. Das ist Teil des Spiels. Ich zweifle nicht an meinen Überzeugungen. Nur will ich meinen Gegner weder vernichten, noch mundtot machen oder unterwerfen.

Ich will nicht, dass die Welt nur noch einer einzigen Weltsicht unterworfen ist. Auch nicht meiner eigenen.

Eine Plattform für Populismus?

Man geht ihnen nicht aus dem Weg. Man stellt sich vor sie hin und brüllt: «Stopp, so nicht!»

Man geht ihnen nicht aus dem Weg. Man stellt sich vor sie hin und brüllt: «Stopp, so nicht!»

«Man darf diesen kranken Typen nicht auch noch eine Plattform bieten», hörte ich die letzten Tage in der Auseinandersetzung um das unsäglich frauenfeindliche Verhalten und das Verbreiten von Falschinformationen des SVP-Nationalrats Andreas Glarner. Man solle Hetzern und Trollen dieses Kalibers die Öffentlichkeit entziehen und sie so ins Leere laufen lassen. Die Medien sollen sie totschweigen, weil diese Persönlichkeiten mit narzisstischer Störung und ohne jegliche Ethik im Rampenlicht nur aufblühten. Man gebe ihnen eine Bühne, die sie nicht verdienen.

Nun, 1980 hätte das vielleicht noch funktioniert. 2016 sind die herkömmlichen Medien nur noch die Mittagsvorstellung solcher Auftritte von Lügnern, Hetzern und Antidemokraten. Die Premiere und Hauptvorstellung finden in den sozialen Medien statt. Das widerliche Verhalten dieses speziellen Volksvertreters begann auf Twitter und spielt sich jetzt auf Facebook weiter ab. Die Medien sind geduldete Zuschauer, wie der Rest der Öffentlichkeit.

Die Akteure sprechen mit den Journalisten, nachdem sie  bereits auf der Bühne waren. Man kann niemanden totschweigen, der seine eigenen Medienkanäle hat. Im Gegenteil, man muss die Lügen und die Hetze sichtbar machen, damit anständige Menschen aus allen politischen Richtungen sich davor ekeln und auf Distanz gehen können. Bei Glarner scheint das langsam zu fruchten. Nicht einmal seine Parteikollegen wollen sich noch vor ihn stellen. Was bei einer Partei wie der SVP schon viel bedeutet.

«Man muss diesen Typen auf sachlicher Ebene begegnen, nicht die Person zusätzlich ins Rampenlicht stellen», war ein Argument, das aus dem Pulk meiner Journalistenkollegen fiel. Nun ja, wenn Populismus die Vernunft ansprechen würde, gäbs ihn nicht.

Populismus funktioniert charismatisch, nicht rational. Wäre Politik Musik, dann spielten die Vernünftigen die netten Melodien, die man mitsummt. Die Populisten aber klopfen den Bass, nachdem die Menge stampft. Populisten mit Vernunft begegnen zu wollen ist, wie mit einem Buttermesser in eine Artillerieschlacht zu ziehen.

Man soll diese Typen auch nicht als DAS BÖSE stigmatisieren, denn  das wäre kontraproduktiv. Sie versuchen sowieso schon, bei jedem Angriff die Opferrolle zu besetzen. (Man darf sie aber durchaus «Opfer» nennen, das hören sie nicht so gerne :D) Aber das sind sie nicht. Sie sind meist eklig, lächerlich, dumm, verlogen und ungeheuer von sich selbst eingenommen. An jedem dieser Punkte sind sie angreifbar.  Nicht, dass sie dadurch ihre treuen Anhänger verlieren. Aber die sind sowieso verloren.

Aber die unpolitischen Mitläufer, die bei oberflächlichem Hinhören auf den Dreck und die Lügen der Populisten hereinfallen,  informieren sich genauer, wenn die Scheisse rund um eine Persönlichkeit richtig am Dampfen ist. Sie plappern den Hetzern nicht mehr einfach nur nach, weil sie sich fürchten, die Scheisse könnte auf sie überspritzen. Sie werden achtsam. Und achtsame, vorsichtige Wähler sind Wähler, die für den Populismus verloren sind.

«Nur keine Publicity ist schlechte Publicity», versuchen die Campaigner und die Kommunikationsverantwortlichen ihren Kunden einzureden, wenn sie ihren Job Scheisse gemacht haben. Das stimmt nicht. Unreflektierte Narzissten trifft man mit einer öffentlichen Demontage tausendmal mehr als mit einer vernünftigen Diskussion. Nach aussen hin lassen sie die Angriffe an sich abprallen, aber schmerzhaft getroffen sind sie trotzdem, wie die Löschung des Twitteraccounts von Andy Glarner zeigt.

Wenn der Klügere immer nachgibt, steht er irgendwann am Abgrund oder mit dem Rücken zur Wand. Es ist in der Geschichte noch niemals ein Demagoge totgeschwiegen worden. Auch wurde noch kein Rechtspopulist durch ignorieren von seiner Mission abgehalten.

Wenn die radikalen Hetzer aufstehen, bleibt man nicht sitzen, man geht ihnen nicht aus dem Weg. Man stellt sich ihnen entgegen – auf allen Kanälen – und brüllt laut: «So nicht, Arschloch!». Alles andere ist zwar kultivierter, aber tödlich für eine freiheitliche Demokratie.

Und bei Leuten, die nur die Menschen als «Volk» oder «Schweizer» betrachten, die sie oder ihre Partei wählen oder in ihrem Sinne abstimmen, gehts wirklich um die Substanz unserer freiheitlichen Demokratie.

Wo die Mitte liegt

Die Mitte liegt nicht zwischen denen und mir.

Die Mitte liegt nicht zwischen denen und mir.

Die Nazis, Rassisten und Fremdenhasser machen mir eigentlich keine Angst. Das ist eine – wenn auch lautstarke – Minderheit. Viel mehr ängstigen mich die Leute, die sich selbst als «Normalos» verstehen. Menschen, die sich selbst «in der Mitte» sehen.

Die mir vorwerfen, ich würde mit meiner harten und klaren Ansage gegen Hetze und Fremdenhass das Land spalten. Die mir wortwörtlich  vorwerfen, ich betreibe «dieselbe Radikalisierung» wie die Nazis – ich würde nicht auf die Ängste eingehen, die diese Menschen hätten und würde sie ausgrenzen, anstatt mit ihnen gemeinsam eine Lösung für «die Situation» zu suchen. Die «Toleranz» für Fremdenfeinde fordern und sie mit «Meinungsfreiheit» begründen. Und ehrlich, diese Leute haben vielleicht selbst nichts gegen Flüchtlinge oder Ausländer, sie verstehen sich als Mittler zwischen den Fronten.

Nun ….

«Die Mitte» liegt nicht zwischen mir und den Rassisten. Wenn dem so wäre, müsste die Mitte aus Halbrassisten bestehen, aus Teilzeitnazis, aus Menschen, die nur ein wenig gegen Flüchtlinge hetzen, oder nur die halbe Zeit. Nur weil sich ein kleiner Teil der Bevölkerung so weit nach rechts bewegt hat, verschiebt sich «die Mitte» nicht mit ihnen. Ethik ist keine mathematische Grösse, man kann nicht einfach zwei Positionen zusammenzählen und die Normalität dann in der Hälfte suchen. Das ist dumm. Wir lassen uns «die Mitte» nicht von den Leuten definieren, die sich mit ihren kalten Herzen und kaputten Seelen so weit jenseits aller Menschlichkeit begeben haben.

«Toleranz» ist nicht «Blind sein» gegenüber Hass und Unmenschlichkeit. Neutralität bedeutet nicht, dass man keine Werte hat, für die man einsteht. Im Gegenteil, man steht für die eigenen Werte ein. Und nur für die. Diese Leute fordern von mir «Toleranz» für diese Andersdenkenden (Nazis) und fordern Meinungsfreiheit für die Hetzer. Jep. Meinungsfreiheit jederzeit.

Aber «Meinungsfreiheit» heisst nicht, dass ich jeden Scheiss unwidersprochen stehen lassen muss. Jeder darf soviel Scheisse labern, wie ihm lustig ist. Er muss sich aber darüber im Klaren sein, dass die Leute ihm darauf antworten, ihre eigene Meinungsfreiheit nutzen, um  ihn «Arschloch» zu nennen.

Ich habe nie verstanden, wie damals die Nazis in Deutschland so viel Macht bekommen konnten. Entgegen der Auffassung vieler Leute konnte ich mir nicht vorstellen, dass damals ein ganzes Volk plötzlich judenhassende, kriegsgeile, hasserfüllte Vollidioten waren. Nein, möglich machten es die Leute, die sich selbst als «Mitte» definierten. Die dachten, wenn sie sich politisch zwischen den volksverhetzenden Nazis und deren (später umgebrachten) Gegnern positionieren, würden sie eine Balance, eine Ausgeglichenheit bewirken. Wir sahen, wie das endete.

Natürlich bin ich selbst nicht «Die Mitte». Ich bin klar links. Aber wenn ich links bin, ist die Mitte ungefähr 100 Meter entfernt. Und die Rassisten im Verhältnis dazu irgendwo auf dem Pluto (wo sie auch hingehören). 

Noch viel peinlicher aber sind Leute wie Rainer Kuhn, der in seinem neuesten Erguss auf Kult darüber jammert, dass er die Hetze gegen Fremdenfeinde und Nazis nicht mehr hören könne. Der bei klaren Stellungnahmen gegen Fremdenfeindlichkeit von «Gesinnungsfaschismus» spricht, den Texte gegen Rassismus oder Fremdenhass «langweilen». Der sich selbst mit seinen Knarren in seinem Eigenheim und seiner lockeren Art als «Liberaler» versteht, sich dabei aber mit seinen eigenen, hinter vorgehaltener Hand im Privaten gemachten Aussagen gegen Ausländer in der Ecke «Ich bin ja kein Rassist, aber …» positioniert. Verständlich, dass ihn solche Texte «langweilen», und klar, dass er in koeppelscher Profilierungsmanier einfach mal gegen den «Mainstream» sein muss.

Was Rassisten und Fremdenhasser, Opfer von Fremdenangst angeht, bin ich froh, dass sie nicht den «Mainstream» ausmachen. Da bin ich ganz in der Mitte.