Kriegsgeschäfte, Gier & Ethik

Der Bundesrat will erlauben, dass Schweizer Todeshändler ihre Waffen jetzt auch in Bürgerkriegsländer ausführen dürfen. Vorausgesetzt, dass diese Waffen dann nicht in dem Konflikt eingesetzt werden.

Nein, das ist kein Witz, das ist Realität 2018 im bürgerlich dominierten Bundesrat. Abgesehen davon, dass Schweizer Waffen bereits jetzt in beinahe jedem Konflikt auf diesem Planeten auftauchen, besteht die Frage in Haftung und Kontrolle der völlig birreweichen Voraussetzung.

Da frage ich mich doch, ob wir dann in jedem Konfliktgebiet eidgenössische Kontrolleure haben, die Handgranatensplitter und Kugeln aus Leichen grübeln, um zu überprüfen, ob diese Menschen durch Schweizer Mordinstrumente massakriert wurden? Oder müssen die Käufer jährlich nachweisen, was zu welcher Zeit wo eingesetzt wurde, mit Nachweis der Munition und Videobeweis?

Ihr seht, das Geschäft funktioniert nur auf gutem Glauben. Nur, wie glaubwürdig sind Regierungen, die in einen Bürgerkrieg verwickelt sind? Wie wir aus der Geschichte wissen, ist die Wahrheit immer das erste Opfer eines bewaffneten Konfliktes.

Ein weiteres Argument des Bundesrates ist die essentielle Wichtigkeit der Rüstungsindustrie für die Schweizer Sicherheit.

Whaaat? Ok, wenn mir jemand erklären kann, warum Schweizer Waffen in den Händen einer fundamentalistischen Regierung im Nahen Osten die Schweiz sicherer machen, wär ich echt dankbar.

Aber natürlich ist das nicht die Argumentationslinie. Die führt – wie immer – über Geld. Und dabei geht es nicht darum, die RUAG zu erhalten und so die Versorgung eigener Armeebedürfnisse zu garantieren. Es geht nur um eins: Um Gewinn.

Das wär ok. Kann man machen.  Natürlich ist es für eine innovative Industrie nicht unbedingt notwendig, Diktaturen und Regime, für die Menschenrechte und Demokratie ein Witz sind, mit Todeswerkzeugen zu versorgen. Man könnte auch andere Tätigkeitsfelder ins Auge fassen.

Natürlich nur, wenn man noch einen letzten Funken Ethik und Integrität hat.

Dass die Schweizer Mord-Industrie keine Ethik hat, ist irgendwie im Business immanent. Die können irgendwie nichts dafür, sonst würden sie nicht in diesem Geschäft arbeiten. Sie müssen irgendwie so krasse kognitive Dissonanz aufweisen, damit sie gleichzeitig Leichenberge in Kauf nehmen und trotzdem noch gut schlafen können.

Was mir wirklich auf den Sack geht, ist ein Bundesrat – und viele Parlamentarier – die abgefuckte Scheisslügen brauchen, um das Geschäft mit dem Tod zu legitimieren. Heuchelei und Gier gehen da Hand in Hand.

Liebe Rüstungslobby und beteiligte Politiker,

sagt doch einfach, dass es euch scheissegal ist, wer und wie viele für den Gewinn von RUAG und der Schweizer Waffenindustrie verrecken, solange der Preis stimmt. Das wäre wenigstens ehrlich. Habt ein wenig Selbstachtung, wenn ihr schon weder Ethik noch Verantwortungsgefühl habt.

Und kommt mir jetzt nicht mit „Das ist nicht so einfach, das ist alles viel komplexer!“

Nein, ist es nicht. Es ist einfach: Geld gegen Tod.

Kinderblut im Mörder-Kässeli

Man könnte meinen, der Bundesrat Schneider-Ammann könnte das Wort „Ethik“ nicht mal buchstabieren, wenn er es ablesen könnte. Er und seine Partei wollen, unterstützt von der SVP, Waffen in „Konfliktgebiete“ (sprich: in aktive Kriege) liefern, um für die Schweizer Todesindustrie weitere Gewinne zu ermöglichen. Das hat gerade die sicherheitspolitische Kommission des Nationalrats unter dem Diktat von SVP und FDP beschlossen.

Nur schon hier könnte man im Strahl kotzen.

Es reicht nicht, dass wir Waffen an die Saudis verkaufen, für die Menschenrechte ein Fremdwort sind, und die noch immer Folter und Köpfen legal in ihrem Justizsystem haben.

Jetzt wollen die beiden bürgerlichen Parteien an den Morden an Frauen und Kindern mitverdienen, die in den unterschiedlichsten Konfliktgebieten an der Tagesordnung sind. „Aber unsere Waffen werden nicht in Konflikten eingesetzt“, kommts da aus der bürgerlichen Ecke.

Hier kotze ich zum zweiten Mal.

Waffen werden in Konflikten eingesetzt. Dazu sind sie da. Das ist ihr einziger Zweck. Und selbst wenn die Waffen nicht direkt in Bürgerkriegen eingesetzt werden: Es ist ein Verbrechen, Waffen an Regime zu verkaufen, die in Bürgerkriegen mitmischen. Es ist Mord. Dass die FDP kein Problem damit hat, Gewinne mit Morden zu machen, ist nicht überraschend. Das steht da sicher irgendwo im Parteiprogramm. Heuchelei kann man den Anbetern des Mammon nicht vorwerfen. Bei der  SVP sieht das schon anders aus.

Hier kotze ich zum drittel Mal.

Es scheint, dass die SVP stark daran interessiert ist, die Krisenherde im Nahen Osten und weltweit am Köcheln zu halten. Hierzulande gehen nämlich die Flüchtlingszahlen zurück und die Partei verliert damit ihr Hauptwahlkampfthema. Ein bisschen mehr Krieg und Zack, die Flüchtlinge kommen zurück. Guter politischer Ansatz. Und so schön im EInklang mit Schweizer Werten (nicht).

Und jetzt kotze ich gleich meine Eingeweide raus.

Sowohl die SVP wie auch die FDP wollen diesen Entscheid keiner parlamentarischen Vernehmlassung unterziehen. Das heisst, sie wollen keine öffentliche Diskussion über ihren Entscheid, mit Schweizer Waffen in Bürgerkriegen mitzumischen. Wahrscheinlich hätten sie die ganze Sache am liebsten während der WM über die Bühne gebracht, damit auch niemand mitbekommt, was für einen menschenverachtenden, bösartigen Scheissdreck sie da durchziehen.

Aber, liebe bürgerlichen Parteien, nicht mit uns. Wir stopfen euch euer Blutgeld wieder in den Rachen.

Und denkt nicht, dass „wir“ nur Linke sind. Auch die Basis eurer eigenen Parteien hält das Verdienen am Töten von Menschen für einen ethisch degenerierten Scheissdreck.

Solltet ihr also bei eurer Entscheidung bleiben, wird es nicht schwer sein, eine Initiative zu lancieren, die die Rüstungsindustrie und deren Lobby brutal in den Senkel stellt. Ein totales Exportverbot für Waffen wäre ein Denkansatz.

Wir lassen uns weder aus den demokratischen Entscheidungsprozessen auschliessen, noch werden wir die Schnauze halten.

Vergesst nicht, wir sind eure Arbeitgeber.

Erschiessen oder helfen?

Die Mär von der Abschreckung

Es ist bei Politikern bis weit in die Mitte opportun geworden, zivile Rettungsschiffe im Mittelmeer der Komplizenschaft mit den Schleppern zu beschuldigen. Auch ist es gerade en vogue, Phrasen von Abschreckung durch dichte Grenzen zu schwafeln.

Leute, die sowas von sich geben, haben nicht für 5 Rappen nachgedacht. Zuerst zur „Abschreckung“: Die Schlepper, meist selbst aus ärmlichen Verhältnissen in dieses kriminelle Geschäft hineingewachsen – oft erst selbst Flüchtlinge, werden nicht einfach nach Hause gehen und Bäcker oder Schreiner werden, nur weil die Bedingungen schwieriger werden. Wird ihr Gewerbe härter, so werden es auch die Bedingungen für die Flüchtenden.

Die Schlepper werden grössere Risiken eingehen, es wird zu mehr Toten kommen, nicht zu weniger.

Viele der Schweizer Politiker, die den Schwachsinn von „Abschreckung“ und „Komplizenschaft“ verbreiten, sollten es eigentlich besser wissen, sind sie doch in der Wirtschaft (nicht in der Beiz. Anm. d. Red.)  zuhause. Macht man den Zugang zu einem begehrten Produkt (hier „Sicherheit“) schwieriger, geht der Preis hoch und das Geschäft brummt. Hier kann man die Nachfrage nicht senken, indem man versucht, das Risiko für Leib und Leben zu erhöhen. Das ist nicht nur zynisch, das ist seelisch degeneriert UND FUNKTIONIERT NACHWEISLICH NICHT.

Die Flüchtlinge sind sich entweder bewusst, dass sie ihr Leben riskieren und tun es trotzdem, oder aber sie wurden belogen und würden auch weiterhin belogen. Die Schlepper rechnen nicht mit Seerettung. es ist noch immer so, dass die meisten Flüchtlinge eben NICHT auf See aufgegriffen werden, sondern entweder den Weg mit dem Boot an einen Küstenstreifen schaffen oder aber im Salzwasser verrecken.

Es gibt zwei Wege, um die „illegale Flucht“ übers Mittelmeer (was für ein Scheissbegriff) einzudämmen: Das eine wäre eine sichere Passage. Man würde den Schleppern das Geschäft aus der Hand nehmen und hätte gleichzeitig gleich von Anfang an Kontrolle darüber, wer wann wo einreist.

Die andere Möglichkeit wäre, auf jedes Boot zu schiessen und die Menschen schnell zu töten, anstatt sie langsam ersaufen zu lassen und die Drecksarbeit den Schleppern und dem Meer zu überlassen. Das hätte die abschreckende Wirkung, die sich viele Politiker wünschen. Aber wahrscheinlich auch nicht so stark, wie man das erwarten würde. Wer unter Lebensgefahr flüchtet, nimmt es nachweislich in Kauf, dass sein Leben auf dem Spiel steht.

Jetzt stellt sich nur noch die Frage, welcher Ansatz den europäischen Werten entspricht. Vorallem, wenn man vorgibt, unsere Werte vor fremden Einflüssen schützen zu wollen. Wenn wir diese Menschen im Stich lassen, können wir „unsere Werte“ gleich an die Wand stellen und erschiessen. Dazu bräuchten wir keine „fremden Einflüsse“ mehr.

Noch kurz zu den Kosten:

Die Leute, die sich über die Millionen für Flüchtlinge aufregen, sind doch die gleichen, die bei jeder Steuerabstimmung den Reichsten Milliarden schenken?

Selbstdarstellung auf Kosten von Anschlagsopfern. Kotzen im Strahl.

Offener Brief an Daniele Ganser

Sehr geehrter Doktor (das ist Ihnen ja wichtig) Ganser

Ich bin sonst nicht oft knapp an harten Worten, aber dieses widerliche Masturbieren des eigenen Egos auf Kosten von Opfern und Angehörigen hat mir zuerst die Sprache verschlagen. Sie suhlen sich zum tragischen Jahrestag des Terroranschlags in Berlin, an dem die ganze Qual bei den Betroffenen wieder hoch kommt, in ekelerregenden Selbstdarstellung.

Einige meiner Freunde denken, Sie glauben wirklich an den von Ihnen formulierten Scheiss. Ich bin da anderer Meinung. Ich denke, es ist Ihnen scheissegal, was Sie gerade behaupten, Hauptsache, Sie kriegen damit Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit. Was Sie hiermit bekommen. Sie kriegen die nötige Antwort auf Ihren kranken, menschenverachtenden Dreck.

Zu den «wissenschaftlichen» Methoden, die Sie und Ihre VT-Kollegen benutzen: In der Kommunikation nennen wir das «Mindfuck» oder «Reality Hack». Ich arbeite täglich im Bereich taktischer Kommunikation in den Medien und Social Media. Mein Job ist es, Framing und Mindfuck aufzudecken, Lügner zu outen und ihnen etwas entgegenzuhalten. Ihre Art des Reality Hacks ist so alt wie die Propaganda per se.

Sie nehmen einige ausgewählte Fakten und reihen sie so auf, dass sie nur eine mögliche Antwort implizieren. Dann treten Sie zurück und sagen: «Zieht selbst Schlussfolgerungen». Dazu liefern Sie Thesen, die Lücken in der Dokumentation (die es immer gibt, weil wir nicht in einer total überwachten Welt leben) in Ihrem Sinne füllen. Sie verschweigen Wahrscheinlichkeiten und zitieren nur «Kollegen», die Ihre These stützen. Alle anderen wissenschaftlichen Erkenntnisse werden ausgeblendet. So lügen Sie nicht explizit, aber Sie ficken die Realität. Big Time.

In meiner täglichen Arbeit begegne ich normalerweise zwei Arten von Leuten, die diese Art der Manipulation benutzen:

Politische Akteure, die die öffentliche Meinung in ihrem Sinne manipulieren möchten. Das sind in meinen Augen die Bösen.

Dann nicht besonders reflektierte Menschen, die ihre Informationsquellen nach ihrer Bias auswählen. Also nur Quellen trauen, die sie in ihrem Weltbild bestätigen. Das sind die Opfer.

Und Sie sind jetzt als dritte Art vermerkt. Sie machen das Ganze um ihr Ego aufzublasen, Ihren kranken Messiaskomplex zu befriedigen UND um damit Geld zu machen. Das ist in meinen Augen die ethisch verwerflichste Version. Sie schüren Hass und sind ein nihilistischer Zyniker.

Das Traurigste daran ist wohl, dass sie damit nicht Ihre Gegner verarschen oder irgendwas für den Frieden oder die Wahrheit leisten. Sie mindfucken eigentlich nur Ihre treuesten Fans und lassen sie als leichtgläubige Vollidioten dastehen, während diese Sie reich machen.

Und natürlich verlieren Sie dadurch jegliche Integrität als Wissenschaftler und Mensch. Aber damit müssen Sie leben.

Genauso, wie Sie morgens aufstehen und Ihr Gesicht im Spiegel ansehen müssen, nach dem Sie diesen widerlichen Scheissdreck auf Ihr Facebook-Profil geladen haben.

Sie haben mein Mitleid.

Das Dilemma der Pazifisten

Realität bringt Ideale um.

Realität bringt Ideale um.

Dieser Text wurde 2015 im Hinblick auf die Gewalt des IS geschrieben. Durch den Giftgasangriff hat er wieder enorme Aktualität..

Ich bin einer von denen, die den ersten und den zweiten Irakkrieg verurteilt haben, weil man Demokratie selten mit Bomben in ein Land tragen kann, dessen Bevölkerung sich erst zur Demokratie entwickeln muss. Ich bin eigentlich Pazifist. Das «eigentlich» ist mit dem arabischen Frühling dazu gekommen. Weil: Man ist Pazifist oder eben nicht. Halb-Pazifisten gibts nicht.

Die Situation im arabischen Raum hat mich meine idealisierte Weltsicht noch einmal überdenken lassen. Als es gegen Assad ging, als ein Teil des syrischen Volkes gegen seinen Diktator aufstand und ein anderer Teil ihn bis zum letzten Blutstropfen verteidigte, war ich ratlos. Ich dachte, Flugverbotszonen würden die Leute daran hindern, sich mit grösserer Gewalt zu massakrieren. Aber weit gefehlt, es führte nur dazu, dass das Gemetzel am Boden länger und für die Zivilbevölkerung damit schlimmer wurde. Mehr Flüchtlinge, mehr Elend.

Dann dachte ich, dass unbedingt Waffen an die «Freiheitskämpfer» geliefert werden müssten, was meine pazifistsche Ausrichtung schon ziemlich strapazierte. Und mit welchem Ergebnis? Der IS massakriert jetzt Leute mit genau den Waffen, für die ich mich vor einigen Monaten ausgesprochen habe. Assad vergiftet sein Volk mit Giftgas und die Russen halten schützend seine Hand über ihn.

Inzwischen diskutieren die Vereinten Nationen mit der uns bekannten Effizienz wahrscheinlich noch Monate über ein mögliches Vorgehen, oder zumindest eine Note, die das Geschehen verurteilt. Was übrigbleibt, ist der Ruf nach dem Weltpolizisten USA.

Ich bin kein Freund der amerikanischen Aussenpolitik. Normalerweise stehen irgendwelche geopolitischen Interessen – sprich Öl – an vorderster Front neben den US-Einsatzkräften und diktieren das Vorgehen. Aber für einmal wüsste ich nicht, wer sonst eingreifen könnte. Die EU? Die überlegen sich, wie sie sich wieder mit Waffenlieferungen in die Region freikaufen könnten. Die Franzosen, im arabischen Frühling noch grossartig dabei beim Tauschen von Waffen gegen Ölförderungsrechte, sind jetzt still. Die Deutschen, eigentlich ethisches Vorzeigekind Europas, sehen hilflos zu, wie die Barbarei weit ab um sich greift. Reiben betroffen die Hände bei öffentlichen Verurteilungen der Morde der verblendeten Schlächter. Also, wer soll da eingreifen? Die Türken? Die können sich gerade nicht entscheiden, ob sie auf die Kämpfer der IS schiessen oder die Gelegenheit wahrnehmen sollen, endlich die verhassten Kurden abzumurksen.

Natürlich wäre ein UN-Einsatz ethisch viel wünschenswerter als ein Einsatz von US-Truppen. Die Luftangriffe sind zwar ein Anfang, aber sie werden die Fanatiker des «Islamischen Staates» und  den Schlächter Assad nicht stoppen. Und sie müssen gestoppt werden. Nicht nur, um ihre unschuldigen Opfer zu schützen, sondern um zu zeigen, dass wir im 21. Jahrhundert keinen Barbaren mehr gestatten, Völkermorde zu begehen. Wir, das sind wir alle. Muslime, Christen, Atheisten.

Natürlich könnte man warten, bis die Weltgemeinschaft sich auf ein Vorgehen geeinigt hat. Dann würde man bei der Befreiung der Region, wie am Ende des zweiten Weltkriegs, die Greuel aufdecken, die man selbst mitverschuldet hat, weil man zu spät eingriff. Und was kann die Schweiz tun? Sie kann ihre Neutralität gegenüber der Barbarei aufgeben. Da gibts keine Verhandlungen, da gibts keine «guten Dienste». Da gibts nur klare Verurteilung. Und natürlich wärs schon ein erster Schritt, wenn wir die Leute nicht «Flüchtlinge» nennen, solange sie da unten sind, aber «Asylanten», wenn sie hier ankommen.

So stehe ich also da, als Pazifist, und bin zutiefst überzeugt, dass meine gehassten Lieblingsimperialisten, die USA, mit Truppen und Gerät in die Krisenregion gehen und aufräumen sollen. Der verhasste Weltpolizist soll Gewalt anwenden, um schlimmere Gewalt zu stoppen und ein Zeichen gegen das Mittelalter, das in der Region aufzieht, zu setzen.

Es ist immer bitter, wenn man zugeben muss, dass man mit den eigenen Theorien, Idealen und Weltsichten an einem Punkt angekommen ist, an dem sie nicht mehr weiterhelfen.

Aber noch bitterer wär es, an ihnen um jeden Preis festzuhalten. Die Realität hat die Angewohnheit, Ideale zu zerstören.

Mario Fehr & die Menschen zweiter Klasse

refugees

Mario Fehr musste eine herbe Schlappe vor dem Verwaltungsgericht einstecken: Auch abgewiesene Asylbewerber dürfen nicht in Ghettos gehalten werden, entschied die Zürcher Richter in einem Urteil zum Bewegungsverbot, das Regierungsrat Fehr gerne eingeführt hätte. Eine „mildere Form“ der Ausschaffungshaft sei für Menschen, die aus politischen Gründen nicht ausgeschafft werden können, keine Option, entschied das Gericht.

Nun, die Bewegungsfreiheit eines Menschen ist ein Grundrecht und kann nur eingeschränkt werden, wenn derjenige verurteilt ist, Fluchtgefahr besteht oder wenn er eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.

Das letzte Mal, als ich einen Asylbewerber sah, war das ein Mensch. Also eine Person, der die Grundrechte in unserem Staat zustehen. Sie sind keine Menschen zweiter Klasse.

Nun, das Migrationsamt hat eine Hintertür gefunden, um die Bewegungsfreiheit der Asylbewerber trotzdem einzuschränken, sie also ihrer Grundrechte zu berauben. Die Massnahme ist so perfid wie wirksam:

Um die acht bis zehn Franken Taggeld zu bekommen, müssen sich Bewohner eines Asylheims seit dem 1. Februar zwei Mal täglich bei der Unterkunft melden. Einmal morgens und einmal abends. Ein Beitrag in der WOZ beschreibt diesen miesen Trick so:

„Seit dem 1. Februar müssen sich abgewiesene Asylsuchende im Kanton Zürich schikanösen Vorschriften unterordnen. Fehr lässt Nothilfeleistungen nur noch auszahlen, wenn sich die Betroffenen morgens und abends in der zugewiesenen Unterkunft melden. Bisher konnten die Nothilfeempfänger die ihnen täglich zustehenden acht bis zehn Franken drei Mal pro Woche abholen. Schon die alte Regelung gehörte schweizweit zu den schärfsten. Fehrs neue Auflagen entbehren nicht nur jeglicher rechtlichen Grundlage.“

Die WOZ hat Unrecht: Rechtlich ist die Massnahme wahrscheinlich legal. Es ist eine administrative Umgehung. Dass Institutionen die Geldabgabe an gewisse Bedingungen knüpfen, ist nicht ungewöhnlich. Dass diese Bedingungen praktisch verhindern, dass ein Mensch auch mal auswärts übernachten oder abends länger unterwegs sein kann, ist zwar ein mieser Trick, könnte aber rechtlich durchkommen. Vorallem, wenn man berücksichtigt, dass eh keiner der Betroffenen eine Ahnung hat, wie man sich dagegen wehren könnte.

PARLAMENT 2007-2011Also, fassen wir zusammen: Mario Fehr will uns vor Asylbewerbern beschützen, weil diese in seinen Augen zu gefährlich sind, um sich frei bewegen zu können. Ich würde ihn wohl als paranoid oder als Opfer rechter Propaganda einordnen. Wahrscheinlich glaubt er auch an das Schwedenmassaker Trumps.

Da aber seine Massnahmen vor Gericht abblitzen, versucht ers mit einer administrativen Hintertür. Fehr setzt alles daran, diese Menschen in ein Ghetto zu pferchen. Und das, notabene, ohne Gericht und Urteil.

Das sagt mir  wenig über diese Menschen – diese Flüchtlinge und die Gefahr, die sie darstellen sollen. Es zeigt mir aber viel über die grundsätzliche Weltsicht des Sozialdemokraten Fehr. Offenbar hat er die Bedeutung von „Sozial“ UND die Bedeutung von „Demokrat“ aus den Augen verloren. Demokraten verteidigen die Grundrechte aller Menschen.

Ach ja: Das Migrationsamt und Fehr wollen das Urteil des Verwaltungsgerichts ans Bundesgericht weiterziehen.

Gefürchtet wie ein Dreijähriger mit Streichhölzern im Dynamitdepot.

Trump besiegt meinen Anti-Amerikanismus

Präsident Trump macht mir keine Angst. Auch seine irrationalen Äusserungen, sein wirrer Sprachgebrauch, seine Faktenintoleranz und auch sein latenter Rassismus oder Sexismus lassen mich nicht um die Zukunft der Welt bangen. Seine getwitterte Aussenpolitik oder seine Schüsse gegen die freie Presse kann ich gelassen nehmen.

Die Umstände, die mich bei Obama so enttäuschten, lassen mich bei Trump hoffen: Obama war es nicht möglich, die USA in den letzten acht Jahren, wie von vielen Linken erwartet, zu einem linksliberalen Zuckerguss-Paradies mit regenbogenfurzenden Einhörnern umzubauen.

Obama war ein guter Präsident, aber eben auch nur in dem Masse, wie es ihm in Amt und in den Pflichten eines PotUS möglich war. Er konnte keine Kriege beenden, liess Guantanamo bestehen, liess Menschen auf der anderen Seite des Globus mit Drohnen killen und noch immer sind US-Truppen in Gegenden aktiv, in denen sie eigentlich nichts verloren haben.

Und genau wie Obama nicht einfach seine private Agenda gegen die Interessen des US-Systems durchziehen konne, wird Trump diese grosse Nation auch nicht in Mordor verwandeln können. Anders als Putin im neu aufgesetzten Russland, kann er das lange und stabil gewachsene System nicht für seine autokratische Art missbrauchen.

Erstaunlicherweise setze ich mein Vertrauen in meine alten Erzfeindbilder, in die US-Wirtschaft, in die Lobbyisten und die US-Geheimdienste, von denen ich hoffe, dass sie Trump schon in Schach halten können. Die Mächte in den USA, die ich für zutiefst antidemokratisch hielt, sind nun plötzlich eine mögliche Garantie gegen das Chaos, das ein einzelner Präsident auf der Welt und im eigenen Land anrichten könnte.

Auch weltpolitisch siehts aus, als wären wir gerade jetzt auf die USA angewiesen. Und auch da hoffe ich auf die imperialistischen Interessen, die ich früher so verteufelt habe. Obamas Zurückhaltung, aber vor allem Trumps Wahl, haben mir vor Augen geführt, wohin die Welt driften kann, wenn die USA nicht mehr ihre Rolle als Gegengewicht spielt. Siehe Syrien. Ja, manchmal wünscht ich mir den kalten Krieg zurück, als die Fronten klar und die Welt noch einfach war.

Natürlich bin ich weder Politikwissenschaftler noch Politiker, und meine Sichtweise gleicht eher einer Stimmungaufnahme als einer Analyse. Aber wenn mir die letzten Jahre etwas gezeigt haben, ist es, dass der Gefühlszustand der Menschen mehr in der Welt bewegt als die effektiven Fakten. Leider.

Die Hassliebe

Überraschenderweise söhnt mich die Wahl Trumps auf einer tiefen, psychologischen Ebene mit den US-Amerikanern aus. Ich wurde, wie viele urbane Europäer im 21. Jahrhundert, antiamerikanisch sozialisiert. Meine Eltern waren Salonsozialisten, die sich in den 60ern gegen den Vietnamkrieg engagierten. Linksliberale Aktivisten, die aus der Schweizerischen Sicherheit heraus bei billigem Rotwein und Protestsongs theoretisch die Welt verbesserten. Sie und ihre Genossen betrachteten alles, was aus den USA kam, mit Misstrauen. Das hiess Gaulloise statt Marlboro und Wodka statt Bourbon. Das hiess auch deprimierende tschechische und deutschdemokratische Autorenfilme in Schwarzweiss statt Hollywood. Die Generation meiner Eltern litt für ihre Ideale.

Natürlich waren selbst die Sozialisten damals schon ambivalent. Die Schlaghosen und die Beatnik-Kultur – später die Hippies – das alles kam aus den USA. Es war unmöglich, einigermassen „groovie“ zu sein, ohne auf US-Kultur zurückzugreifen. Die Friedensbewegung war damals klar antiamerikanisch, kam ober ohne Joan Baez und englische Slogans nicht aus.

Die nächste Generation, der ich angehörte, erbte sowohl den Antiamerikanismus wie auch die Ambivalenz. Nach dem Mauerfall und dem Untergang der DDR hatten wir zwar keine sozialistischen Argumente gegen die USA mehr, aber Reagan, Bush und Bush Junior machten es uns mit ihrer antisozialen Innen- und ihrer aggressiven Aussenpolitik leicht, die USA zu hassen. Natürlich fiel es uns leichter, die USA zu kritisieren, weil wir durch die freien Medien viel besser über die US-Politik informiert waren, als zum Beispiel über das neu entstehende Russland oder über das weit entfernte China. Die Ironie, dass eine grundlegende, demokratische Instanz wie die freie Presse es uns erst möglich machte, tief in die Fehler des US-Systems zu sehen, war uns nicht bewusst.

Wir lebten natürlich ein Paradox. Wir liebten Rocky, Star Wars und den Terminator. Wir schauten «Der mit dem Wolf tanzt» und hatten ersten Sex zur Musik aus der US-Hitparade. Wir fuhren Skateboard, holten uns beim Breakdance Zerrungen. Wir verteufelten McDonalds, skandierten aber unsere antiimperialistsichen Slogans an Demos mit Wrigleys Spearmint Kaugummi im Mund.

Wir sprachen den USA jegliche Kultur ab und badeten gleichzeitig im kommerziellen Output aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wir hassten Bush und hörten dazu US-Bands, die Bush kritisierten. Wir waren US-ophil, imprägniert durch Werte, Lebensstil und Träume aus Übersee und verteufelten gleichzeitig diesen Einfluss.

Der Minderwertigkeitskomplex

Und genau lagen die Wurzeln des europäischen Anti-Amerikanismus: Wir hatten Minderwertigkeitsgefühle gegenüber den US-Amerikanern. Wir sahen die politische Macht und die kulturelle Strahlkraft dieser Nation und hatten ihr nichts als verknöcherte Geschichte und versteinerte Strukturen entgegenzusetzen. Frankreich bemitleidete sich noch für den Verlust der Kolonien in Nordafrika und seine zunehmende Bedeutungslosigkeit auf dem internationalen Parkett, Deutschland schämte sich noch für den zweiten Weltkrieg und nahm den USA gegenüber eine unterwürfige Haltung ein. Europa spielte keine Hauptrolle mehr. Als Ruine des zweiten Weltkriegs und Spielball im kalten Krieg hatten wir Europäer die jahrhundertelange Dominanz im Weltgeschehen den Amis abgetreten.

Die USA waren seit der Nachkriegszeit die Coolen. Im Schulsport würde man sie als erste ins Team wählen, sie wären mit der hübschesten Cheerleaderin liiert, hätten das geilste Auto und würden immer den ersten Touchdown hinlegen. Die USA verkörperte genau die Art lockere Überlegenheit, die man im mehr oder weniger irrelevant gewordenen Europa sowohl beneidete wie auch hasste.

Doch nach 9/11 hat sich etwas geändert. Die USA sah sich selbst nicht mehr als Macher sondern als Opfer. Sie agierten nicht mehr, sie reagierten. Natürlich halfen auch die nicht zu gewinnenden Kriege im Irak das Selbstbild der Amerikaner zu zersetzen. Die Globalisierung, die Innovationskraft und Visionen über den ganzen Planeten verteilte und in breiten, internationalen Netzwerken verankerte, taten ein weiteres.

Dass Nationen im grossen Spiel der Macht immer stärker von Interessensgruppen, Zusammenschlüssen über nationale Grenzen hinaus, abgelöst wurden, ist für eine so stolze Nation wie die USA, und vor allem für des Selbstverständnis der Bevölkerung, eine harte Nuss. Reagan hätte sicher nicht gedacht, dass er mit seinem Neoliberalismus den Grundstein dafür legt, dass viele seiner Mitbürger als Globalisierungsverlierer enden und sein Land an Bedeutung verliert. Trumps Wahl ist im Nachhinein gesehen nur die logische Folge, ein letztes Aufbäumen der Menschen, die einem heilen Weltbild der 80er gefangen und von den Veränderungen im 21. Jahrhundert überfordert sind.

Make Amerika great … again

Trumps Wahlkampf-Slogan macht eigentlich am Deutlichsten, dass sich etwas verändert hat. Trump will nicht Amerikas Grösse verteidigen, er will sein Land auch nicht weiter auf dem Erfolgspfad von internationaler Bedeutung führen oder „Amerika grösser machen“.

Er will die USA „wieder gross machen“. Das ist eine klare Aussage. Und sie impliziert, dass die USA nicht mehr „gross“ sind. Niemals hätte ich gedacht, dass ein so ausgesprochener Narzisst wie Trump einen so entlarvenden, beinahe schon bescheidenen Slogan benutzen würde. Der Spruch „Make Amerika great again“ hört sich nach Rekonvaleszenz an. Nach erlittenem Niedergang und verzweifeltem Suchen nach der alten Grösse.

Unbewusst scheint den Amerikanern ihr Selbstbewusstsein, ihre charmante und unausstehliche Arroganz abhanden gekommen zu sein. Das grossspurige, aber herzliche Auftreten, die zum US-Klischee geworden war, bröckelte. Und genau da löst sich mein Antiamerikanismus auf. Es gibt nichts mehr, das man beneiden oder hassen müsste.

Trumps Wahlsieg hat der Welt den Respekt vor den USA genommen. Natürlich ist die USA noch eine mächtige Nation. Aber man fürchtet Trump nicht wie eine bewaffnete, zielgerichtete politische Kraft. Man fürchtet Trump wie einen trötzelnden Dreijährigen, der in einem Dynamitdepot mit Streichhölzern spielt. Man fürchtet nicht die durchdachte, politische Interessenspolitik dieser Grossmacht. Man fürchtet im Gegenteil die Abwesenheit irgendeiner berechenbarer Ausrichtung.

Der letzte Wahlkampf – nicht nur Trumps Seite – hat eine der strahlendsten, westlichen Demokratien der Nachkriegszeit in eine Dating-Castingshow aus dem Trash-Nachmittagsprogram verwandelt. Die Spannung, mit der man früher die US-Wahlen verfolgte wich einem unangenehmen Gefühl des Fremdschämens.

Mitleid statt Angst

Und genau kippt meine Ablehnung der USA in Mitleid. Trumps narzisstische Grosskotzigkeit ist nur ein billiger Abklatsch des Selbstbewusstseins früherer Präsidenten. Das grossspurige Auftreten lässt uns die verzweifelte Sehnsucht nach alter Grösse wittern. Selbst mit seiner Bewunderung für Autokraten wie Putin lässt Trump die USA wie ein Mitläufer aussehen, als den Schüler, der gerne mit den coolen, tonangebenden Kids auf dem Pausenplatz abhängen würde. Vom Captain der Footballmannschaft zum Groupie degradiert. Und man beneidet oder fürchtet ein Groupie nicht. Man belächelt es.

Die Trump-Wahl ist ein letztes Aufbäumen gegen den Verlust der eigenen kulturellen Strahlkraft. Die Trump-Wähler glauben nicht mehr an ein grossartiges Amerika. Ich hingegen glaube inzwischen an ein grossartiges Amerika. Ich glaube an die Kraft derjenigen, die sich für ihr Land und ihre Lebensart einsetzen wollen. Der Pioniergeist, der diese Nation einmal gross gemacht hatte, entstammte nicht der Arroganz einer Grossmacht, sondern den Visionen, die eine zusammengewürfelte, multikulturelle Gemeinschaft den anstehenden Schwierigkeiten entgegengesetzt hat. Und genau diese Kraft und diese Visionen sind jetzt wieder gefragt.

In vier Jahren, nachdem Trump die USA vollständig zu einer Weltmacht zweiter Klasse degradiert haben wird, werden die Amis uns als Freunde brauchen. Und wir werden sie mit aller Kraft unterstützen. Denn was bleiben uns für Alternativen? In diesem Sinne: U S A! U S A! U S A!