Köppel, Nazis & Politmarketing

Um es vorweg zu nehmen: Roger Köppel ist kein Nazi, auch wenn er sich medienwirksam mit Nazis ablichten lässt.

Als Journalist ist ihm ein ziemlich guter Coup gelungen, als er sich entschied, nach Chemnitz an genau die Versammlung von Nazis, Reichsbürgern, Fremdenhassern und Hetzern zu reisen, über die die hiesige Presse nur hinter der weit entfernten Tastatur berichtete und kommentierte. Wir geben ihm jetzt mal die Credits, dass er den richtigen Riecher hatte und nicht Insiderinformationen aus Nazi-Netzwerken.

Da sieht man also auf Bildern Journalist Köppel gemeinsam mit den übelsten, verurteilten Nazigrössen des derzeitigen Deutschlands marschieren. Aber natürlich ist er nicht Teilnehmer, sondern Beobachter, wie sein demonstrativ in der Hand gehaltener Schreibblock explizit unterstreichen soll.

Wie gesagt, ein ziemlich geiler journalistischer Coup. Aber Köppel ist nicht nur Journalist. Roger Köppel ist gewähltes Mitglied unseres gesetzgebenden Parlaments. Man könnte meinen, er habe das vergessen, im Eifer seines journalistischen Triebs. Hätte er kurz nachgedacht, hätte er vielleicht WeWo-Captain Philipp Gut oder WeWo Private Alex Baur oder noch besser WeWo Rekrut Florian Schwab an die die rechte Front geschickt, um eine Geschichte zu machen. Einfach damit er nicht als Mitglied unserer verfassungsgebenen Versammlung mit Nazis rumspielt.

Nun, nein. Köppel hat nichts vergessen. Köppel war nicht dort, um eine geile Geschichte zu schreiben (seine WeWo-Geschichte war absehbar und eher lahm, er hätte sie von zuhause aus schreiben können).

Köppel war zu Marketingzwecken da. Er wollte wieder mal ins Gespräch. Das Parlament eignet sich nicht für Öffentlichkeitsarbeit und der Narzisst Köppel langweilt sich da zu Tode. Er kann echte politische Arbeit nicht von Politmarketing unterscheiden.

Unter Freunden: Köppel mit einem Demonstranten, der per Zufall das versteckte Nazi-Symbol "Thors Hammer" als Amulett um den Hals trägt.

Unter Freunden: Köppel mit einem Demonstranten, der per Zufall das  Insider-Nazi-Symbol „Thors Hammer“ als Amulett um den Hals trägt.

Es musste wieder mal knallen. Seit dem rassistischen Cover sind schon wieder zu viele Wochen vergangen und niemand hat sich über die Weltwoche aufgeregt. Da eignete sich diese Demo, die zum Pogrom ausartete ungemein.

Man sieht das nur schon an diesem kleinen Schreibblock. Kurz zum Handwerk: Kein ernstzunehmender Journi schreibt im Gehen auf einer Demo auf einen kleinen Block. Entweder man filmt oder nimmt Audio auf, oder aber man beobachtet und setzt sich später hin, um in einer ruhigen Minute das Erlebte in Worte zu fassen. Einen Block benötigt man vielleicht bei einem Interview. Der Block ist eine offensichtliche Requisite für die Rolle.

Köppel hat sich inszeniert, und zwar als Journalist, der sich unter die Menschen mischt, um ein echtes Bild der Situation zu bekommen.

Vorhang fällt, soziale Medien pawlowschen wie erwartet

*Klapp*Klapp*Klapp*

Auch dass er Selfies mit Nazis machte, die ihn eben als Teil des Marsches und nicht als Beobachter outen, ist dabei eher Kalkül als Gesinnung.

Dass er dabei die Würde des Schweizer Parlaments, dessen Mitglied er ist, in den Dreck gezogen hat, ist ihm einerlei.

Ich hab zu Beginn gesagt, Köppel sei kein Nazi. Und das stimmt. Er ist nicht mal ein echter Rechter. Köppel ist ein opportunistischer Narzisst, der per Zufall und durch Zeitgeist rechts gelandet ist, und gerne am Erwachsenentisch „Kacka“ ruft, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Köppel provoziert nicht politisch. Er provoziert nur, um Köppel im Gespräch zu halten.

Nun ja, das Problem mit seinem Anti-Mainstream-Konzept ist, dass jede Provokation ihn weiter nach rechts rückt, weil sich sonst niemand mehr darüber aufregt.

Inzwischen ist er so weit rechts, dass er, um aufzufallen, an einen Nazimarsch seinen Kopf so tief im Hintern der Heil-Hitler-Fans hat, dass er die braune Sauce wohl nicht mehr abkriegt. Vielleicht geht ihm irgendwann auf, dass er als Nazi-Freund in die Geschichte und Wikipedia  eingehen wird. Dass das Bildmaterial noch in 100 Jahren zeigt, wie er mit Holocaustleugnern, Antisemiten und Neonazis von C18 marschiert.

Und dabei lächelt, als wüsste er genau, dass er fotografiert wird.

 

Die rechten Midlife-Crisis-Revoluzzer

Es sind gesetztere weisse, privilegierte Männer in führenden Positionen wie Roger Köppel oder Andi Kunz, die endlich mal auf den Putz hauen dürfen, endlich mal «Das wird man wohl noch sagen dürfen“-Scheiss sagen dürfen. Sie definieren sich als «furchtlos», weil sie «antimainstream» sind, weil sie Haltungen äussern, die noch vor ein paar Jahren als unmenschlicher Scheissdreck geächtet wurden. Und natürlich gehen sie damit kein Risiko ein, sie sind ja sicher versorgt.

Nachdem Rechtsaussen-Parteien Fremdenhass, Rassismus und Unmenschlichkeit wieder salonfähig gemacht haben, ist es kein Problem mehr für diese Möchtegern-Rocker (Köppel hört AC/DC und Gotthard, Kunz The Clash), sich als wilde Revoluzzer der rechten Szene zu geben, ohne dabei wirklich eigene Gedanken zu haben. Während Köppel sich wie ein Kompass am «Mainstream» ausrichtet und jeden Donnerstag wie ein Uhrwerk das Gegenteil behauptet, plappert Andi Kunz (in seiner neuesten Kolumne) einfach die Lügen der rechtsnationalen Parteipropaganda nach, ohne auch nur zu prüfen, ob der Scheissdreck, den er da von sich gibt, den empirischen Fakten entspricht.

Beide sind als Journalisten natürlich nicht mehr ernst zu nehmen, da es ihnen nicht um die Sache geht, sondern Köppel um den Impact und Kunz um das Masturbieren seines Egos in rebellischer Pose. Würde mich nicht wundern, wenn er zu Clash vor dem Spiegel in seine Haarbürste singt und Luftgitarre spielt, wenn er seinen Text beendet hat.

Zum Glück sind die Leser nicht so dämlich. Diejenigen, die den gleichen Scheiss schon in rechtsnationalen Facebook-Gruppen gelesen und geglaubt haben, denen ist sowieso nicht zu helfen. Und die anderen, die haben langsam die Nase voll von der Hetze.

Man ist kein Rebell, wenn man laut «Kacka» am Erwachsenentisch ruft, man ist nicht mutig, wenn man den Scheissdreck der Internet-Hater wohlformuliert in eine Kolumne giesst. Man ist nur ein Mann, der in seiner Jugend nie wirklich rebelliert hat, und sich jetzt krass mutig fühlt, wenn er aus sicherer Position normale Menschen mit seinem Brunz vor den Kopf stösst. Privilegiert und mächtig, aber so tun, als sei man Underdog und Rebell, und sitze nicht fett auf dem Thron.

Ach ja, und noch was zum Inhalt: Man ist nicht neutral oder objektiv, wenn man sich zwischen Fremdenhassern und Rassisten auf der einen Seite und anständigen Menschen auf der anderen Seite platziert.

Dann ist man ein halber Fremdenhasser und ein halber Rassist. Die Mitte liegt nicht zwischen Hass und Menschlichkeit. Niemals.

Bild von Tamedia ausgeliehen.

Sehr geehrter Herr Supino

Mein Vater war ein überzeugter Tagi-Leser. Er war schon sehr stolz, als ich in Richtung Journalismus ging, aber er war erst wirklich glücklich, als er meinen Namen in der Autorenzeile auf der Front des Tagis las. Der Tages-Anzeiger – und damit damals die ganze Tamedia – war ein Name, der für Ethik, Verantwortung und Gemeinsinn stand.

Letzte Woche erhielt ich eine Mail von meinem vorgesetzten Redaktor, in der es hiess, ich solle doch bitte auf Twitter nicht fluchen, da dies dem Ansehen des Unternehmens schaden könnte.

Ich musste schmunzeln. Kurz fragte ich mich, wessen Achtung das Unternehmen Tamedia wohl noch besitzt, und wie ich dessen Ruf nachhaltiger kaputt machen könnte, als Sie dies tun. Aber dann wars mir egal und ich löschte den Hinweis auf meinen Arbeitgeber im Account-Profil. Problem gelöst und keiner von uns beiden hat einen Reputationsschaden.

Natürlich kommt es darauf an, woran man die Reputation eines Medienunternehmens misst. An der massiven Kohle, die an die Aktionäre ausgeschüttet wird, oder an dessen Beitrag zur Medienqualität in der Schweiz. Oder daran, wie ernst das Unternehmen die Arbeit und die Arbeitsbedingungen seiner Journalisten und Mitarbeiter nimmt.

Zwischenspiel: Wir sind uns mal im Lift begegnet. Alle im Lift haben sich gegrüsst oder sich zugenickt, obwohl eigentlich niemand den anderen kannte. Sie nicht. Sie sind starr jedem Blick ausgewichen. Und das war vor ein paar Jahren, also noch bevor Sie die Achtung aller Mitarbeiter verloren haben.

Ich war diese Woche als Referent bei einem Schweizer Unternehmen, etwa gleich mitarbeiterstark wie Tamedia und in einem ähnlich schwierigen Umfeld. Und da sah ich wieder, wie es ist, wenn die Belegschaft aller Sparten und Standorte die Geschäftsleitung achtet. Und wie sich umgekehrt die Geschäftsleitung bewusst ist, dass es ohne diese Mitarbeiter kein „Geschäft“ zu leiten gäbe. Dieser gegenseitige Respekt fehlt mir bei Tamedia schmerzlich.

Man muss es schon ziemlich versch******n haben, wenn man an der Spitze eines Unternehmens steht und jeder einzelne Mitarbeiter nur noch da bleibt, weil der Arbeitsmarkt so ausgetrocknet ist. Wenn man in seinem eigenen Unternehmen gehasst wird, und das inbrünstig, sollte man sich vielleicht eine Auszeit nehmen, irgendwo in eine Hütte in den Alpen ziehen und sich überlegen, wann man dieser gehasste Mensch geworden ist. Und vorallem, warum einem das am Arsch vorbei geht.

Die Stimmung innerhalb Tamedia ist so schlecht, dass ich mich wundere (und hohe Achtung vor den Kollegen empfinde), dass überhaupt noch Content produziert wird. Ich persönlich bin in einer luxuriösen Position. Ich kann schreiben was ich will, muss nicht an der Werdstrasse auftauchen und kein Schwein lügt mir vor, dass wir mit weniger Leuten und weniger Investitionen gleiche oder bessere Qualität liefern können. Und ich musste meinen Output in den letzten vier Jahren auch nicht bei gleichem Pensum und gleichem Lohn verdoppeln.

Falls Sie sich durch diesen offenen Brief auf die Zehen getreten fühlen: Gut so! Falls Sie mich rausschmeissen wollen: Das müssen Sie nicht. Das haben Sie nämlich bereits (aus Kostengründen) getan. Per Ende Juli werde ich nicht mehr für Ihr Unternehmen tätig sein.

Aber keine Angst, kein böses Blut deswegen! Ich bin mir schon seit zwei Jahren am überlegen, ob ich noch zum Unternehmen passe, oder ob mein Arbeitgeber meiner Glaubwürdigkeit und meiner Integrität schadet. Geblieben bin ich wegen meines Vaters und weil ich so lasch bin, wenns um Veränderungen geht.

Sollten Sie mich aber unbedingt fristlos entlassen wollen, bedanke ich mich im Voraus für den Streisand-Effekt, der mir auf meinem weiteren Weg helfen wird.

In diesem Sinne wars wohl gerade zum richtigen Zeitpunkt, wenn ich die Entscheide, die Kommunikation (intern und extern) des Unternehmens sehe. Noch ein weiterer Monat und ich könnte meinen Freunden und Lesern nicht mehr glaubwürdig erklären, warum ich noch für Tamedia tätig bin.

So, ich wünsche Ihnen einen ruhigen Schlaf (vielleicht mal ohne Schlafmedikamente) und einen schönen Aufenthalt in der erwähnten Alphütte.

Freundlichst

eine der Myrmidonen, die Ihre Dividende anschleppen.

Besser als in der analogen Welt.

Filterbubble? Hör doch auf mit dem Scheiss …

Nach den Abstimmungen vom letzten Wochenende hört man wieder zahlreiche Polit-Experten über die digitalen Filterblasen jammern. «Echo-Kammer» ist ein anderer Begriff dafür.

Es soll bedeuten, dass man sich virtuell nur mit Leuten umgibt, welche die gleiche Meinung teilen und so das eigene Weltbild immerzu stärken, anstatt es auch ab und an zu hinterfragen. Man komme nicht mit anderen Weltsichten in Berührung.

Das ist Bullshit.

Die «Filterbubble» ist kein digitales Phänomen, sondern ein soziales. Vor dem Web 2.0 hatte man sich in seiner Region, Gemeinde, in seiner Peergroup, seinem Stammtisch, seinem Szenelokal, in seiner Partei eine Filterbubble eingerichtet und kam eigentlich kaum mit wirklich widersprechenden Weltanschauungen in Kontakt. Vielleicht mal in einer Zeitung oder in einem Fernsehbeitrag.

Die zum Teil harten und stellenweise abstrusen Streitereien in den Kommentarspalten und in den sozialen Medien kommen daher, dass sich verschiedene analoge Filterblasen digital endlich zum ersten Mal auf der Basisebene wirklich begegnen. Und dann knallt es halt erstmal, bevor sich Gewöhnung einstellt.

Wo sich früher schöngeistige Leitartikler zwischen Berglern und Unterländern, zwischen Liberalen und Sozialen, zwische Rechten und Linken hübsch formulierte, aber elitäre Artikel um die Ohren knallten, steht jetzt die Basis direkt im Kontakt mit Andersdenkenden. Das erschreckt und führt zu den erwähnten Kommentarexzessen.

Die direkte digitale Kommunikation erweitert den Horizont, ob man das nun will oder nicht. Selbst wenn man sich noch so abzuschotten versucht, es taucht immer ein Blink der restlichen Welt in der eigenen Bubble auf. Viel häufiger, als dass früher ein Szene-Hipster sich in einem Landspunten an den Stammtisch setzt oder dass ein SVPler sich nach dem Buurezmorge in einen linksalternativen Club begibt.

Die 3 wichtigsten Gründe gegen #NoBillag

1. Es geht nicht um Geld

Der Titel „No Billag“ ist irreführend. Bei der Intitiative geht es nicht um die 365 Franken, die ein Haushalt jährlich bezahlen muss. Es geht um die Abschaffung des Service Public. So der Initiativtext:
„Er (der Bund) subventioniert keine Radio- und Fernsehstationen. Er kann Zahlungen zur Ausstrahlung von dringlichen amtlichen Mitteilungen tätigen.
Der Bund betreibt in Friedenszeiten keine eigenen Radio- und Fernsehstationen.“
Die Initiative macht die SRG nicht schlanker, sie macht das Angebot nicht besser. Die Initiative verbietet in der Verfassung den Service Public grundsätzlich. Kein Schweizer Radio und Fernsehen mehr. Gar keins.

2. Kein Plan B

Die Initianten weichen immer aus, wenn man sie nach den Konsequenzen der „No Billag“-Initiative fragt. Es gäbe einen Plan B, der dann doch noch Service Public ermögliche. Das ist nicht wahr. Der Initiativtext ist klar und eindeutig. Es gibt auch keine anderen Player, die den Service Public leisten könnten.
Für die Kantone ist das finanziell und organisatorisch nicht zu stemmen. Wer die Initiative annimmt, schafft den Service Public ab. Die SRG wird kein Schweizer Fernsehen mehr sein, sondern ein Privatsender, der sich über Werbung finanzieren muss. In einem kleinen Werbemarkt wie der Schweiz würde eine private SRG, ohne die Verpflichtung zum Service Public, ohne Beschränkungen in Werbezeit und Online-Angeboten den Werbemarkt sofort austrocknen und alle anderen an die Wand drücken.

3. Die Demokratie

Die SRG gehört uns, der Bevölkerung. Sie handelt nicht mit Information, sondern sie stellt sie zur Verfügung. Information ist kein normales Handelsgut. In einer Demokratie ist Information das Fundament, auf dem unsere Abstimmungen und Wahlen stattfinden. Schafft man die Kontrolle über die SRG ab, gibts keine Medien mehr, die ausgeglichen Berichten müssen.
Die Lizenzen für Fernseh und Radio würden nach Annahme an den Meistbietenden versteigert. So würden die finanzkräftigen Deutschen Privatsender und vielleicht noch private Milliardäre bestimmen, was bei uns im Radio und im Fernsehen an Informationen verbreitet wird.
Wir können die Informationshoheit nicht nur wirtschaftlichen Interessen und politischen Playern überlassen, ohne unserer Demokratie nachhaltig Schaden zuzufügen.

Deshalb Nein zu NoBillag, weil wir unser eigenes Schweizer Fernsehen behalten wollen.
Deshalb Nein zu NoBillag, weil wir eine Kontrolle über unsere Medien in den Händen der Bevölkerung behalten wollen.
Deshalb Nein zu NoBillag, weil wir als Demokratie dafür schauen, dass alle Zugang zu neutraler Information erhalten.

Jetzt Facebook-Profilbild ändern und #NeinzuNoBillag sagen

Wie Fakenews funzen …

«Fakenews» ist wohl einer der meistgebrauchten Begriffe des letzten Jahres. Inzwischen wird einfach alles, was einem nicht passt, als «Fakenews» bezeichnet, dabei gibts da durchaus Unterschiede. Oft wissen nicht einmal meine Kollegen Medienprofis, was genau wie funktioniert. Ich hab deshalb hier kurz die Lügenmechaniken und Fakenewssysteme aufgelistet, denen ich in meiner Funktion als Journalist, Blogger und Campaigner am häufigsten begegne.

Die blanke Lüge

Diese Art der Fehlinformation kommt eigentlich erstaunlich selten vor. Sie setzt voraus, dass der Absender die Fakten kennt und absichtlich lügt. Politiker und Medien hüten sich, solch einfach zu widerlegende Storys zu erzählen. Man findet die blanke Lüge aber oft in den Sozialen Medien, wo sie meist von anonymen Usern in politischen Foren und Gruppen verbreitet werden. Daher beziehen sie auch ihre Kraft, da andere User sie teilen und so verbreiten. Und eine blanke Lüge kann Gewicht bekommen, wenn man ihr immer wieder begegnet, ohne dass sie von öffentlicher Seite klar widerlegt wurde. Tipp: Checkt die ursprüngliche Quelle der Information auf Glaubwürdigkeit

Die Bullshitter

Bullshit ist wohl die häufigste Form von «Fakenews». Bullshit entsteht aus einer Mischung aus Halbwissen, Falschinterpretation, Hörensagen und Bauchgefühl. Trump spielt die Klaviatur des Bullshits virtuos. Er verwertet halb verstandene Fakten aus dem Bauchgefühl und interpretiert Superlativen im eigenen Interesse daraus. Die meiste Zeit ist sich ein Bullshitter nicht mal bewusst, dass er Bullshit verbreitet. Das Problem mit dieser Art der Fehlinformation ist, dass sie die Lieblingsbeschäftigung von Politikern ist. So finden Halbwahrheiten grosse Verbreitung auch in seriösen Medien. Und auch hier: Bei grosser Verbreitung entwickelt der Bullshit mehr Kraft als die Richtigstellung durch Fakten. Tipp: Unterzieht jede Äusserung eines Politikers einem Faktencheck. Jede. Ausnahmslos.

Alternative Fakten

Alternative Fakten gehören seit jeher zu den Instrumenten der Propaganda. Sie werden eingesetzt, wenn sich eine (tatsächliche) Version einer Geschichte nicht mehr unterdrücken lässt. Propagandamedien bringen dann alternative, oft frei erfundene Erklärungen für einen Sachverhalt, die sie gleichwertig neben dem verifizierten Ablauf eines Ereignisses publizieren. So ist die Realität nur noch eine von vielen «Theorien» und verliert an Kraft und Relevanz. Am deutlichsten wurde dies in den letzten Jahren von den russischen und russisch kontrollierten Medien beim Abschuss der MH17 über der Ukraine gemacht. Tipp: Auch hier die ursprüngliche Quelle und deren Glaubwürdigkeit verifizieren. Dazu Fakten von Schlussfolgerungen und Schlussfolgerungen von Vermutungen trennen. Benutzt dazu Ockhams Razor.

Der implizierte Bullshit

Der implizierte Bullshit wird oft von Verschwörungstheoretikern und Propagandamedien wie KenFM und RT benutzt. Es ist eine clevere Art der Manipulation. Dabei werden verifizierte, echte Fakten benutzt.  Der Absender wählt aber nur die Fakten, die er braucht, um eine kausale Kette von Ursache und Wirkung in seinem Sinne aufzubauen. Er reiht diese ausgewählten Fakten so auf, dass sie für das Gegenüber nur eine mögliche Schlussfolgerung implizieren. Widersprechende Fakten werden weggelassen. Die Lücken in der Argumentation werden mit Vermutungen und Unterstellungen in Frageform gefüllt. Der Absender tritt dann zurück und fordert auf «Zieh deine eigenen Schlussfolgerungen!». In einer intensiveren Version wird schon bei der Einführung eine Behauptung als Frage formuliert («War Berlin eine  False-Flag-Operation????»), um bei klarem Widerspruch «Fragen darf man doch» oder «Man muss doch auch kritisch hinterfragen!» zu phrasieren. Tipp: Greift nicht die Argumentationskette oder die Schlussfolgerung an. Zeigt auf, wie das Gegenüber die Fakten manipuliert. Lasst euch nicht auf Diskussionen ein.

Die Bullshit-Studie

Die ist wohl die hinterhältigste Version von Fehlinformation und kann oft nur mit akribischer Aufarbeitung widerlegt werden. Und sie kommt sowohl absichtlich wie unabsichtlich vor.
Absichtlich: Eine Studie wird von einem Institut gegen Bezahlung einer Interessengruppe erstellt. Die Studie geht an die Presse, wo sie ohne Überprüfung der Quelle, der Methodik, der Finanzierung und der Absicht zitiert wird. Das passiert ziemlich häufig, da Journalisten gleich Wissenschaftlichkeit voraussetzen, wenn «Studie» draufsteht. Dabei werden richtungsgebende Interessen und unwissenschaftliche Methodik gar nicht erst erkannt.
Unabsichtlich: Viele «Studien» werden von Instituten direkt nach Erstellung publiziert. Das heisst, ohne Peer-Review, ohne Überprüfung von Methodik oder zB Grösse der Datensamples, Auswahlverfahren der Probanden (freiwillig, online, ausgesucht) etc.. Je geiler die Schlussfolgerungen aus der Studie, um so schneller wandert sie an die Presse. Dort werden wiederum die Aussagen zugespitzt und vereinfacht, so dass die letzendliche Publikation nichts mehr mit der Realität zu tun haben muss.
Tipp: Bei jeder Studie Quelle, Finanzierung, Ausrichtung des Absenders und des Auftraggebers kontrollieren. Bei jeder Studie mindestens einen nichtbeteiligten Wissenschaftler zum Gegenchecken aufbieten. Oder noch besser: Nur Studien aus anerkannten wissenschaftlichen Publikationen mit Peer-Review und Science Impact verwenden.

Der Idioten-Umkehrschluss

Diese Kapriole des Bullshits findet sich oft in politischer Kommunikation, ist aber auch in Alltagsgesprächen häufig auszumachen. Sie ist ziemlich einfach und soll Pauschalisierungen rechtfertigen. Zum Beispiel: «Die Täter waren Ausländer.» -> Idioten-Umkehrschluss: Ausländer sind Täter. Oder: «99 Prozent der Sexualstraftätern sind Männer. Männer sind alle grundsätzlich Sexualstraftäter! 99 Prozent!». Hier reicht es, einfach die Frage umzukehren und für 5 Sekunden nachzudenken, um den Bullshit zu widerlegen.

Die klassische Ente

Die klassische Zeitungsente entsteht aus schlampiger, redaktioneller Arbeit. Falschmeldungen dieser Art werden aber meist innert Stunden entdeckt und mit einer Richtigstellung korrigiert.

Der Mix

In der politischen Kommunikation sind Fakenews keine isolierten Ereignisse, sondern folgen oft einer absichtlichen oder unbewussten Agenda. Verwendet werden alle Formen der Manipulation und der Fehlinformation, oft so intensiv, dass der Absender selbst an die Realität seiner Argumentation zu glauben beginnt. Um sich vor dieser Art der Manipulation zu schützen, hilft es, Medienkompetenz zu entwickeln und sich aus möglichst vielen Quellen zu informieren. Um die Glaubwürdigkeit der Quellen einzuordnen, hilft es, seinen gesunden Menschenverstand einzusetzen. Dazu kann man kurz die älteren Geschichten anschauen und sehen, wie viel Tatsachen inzwischen dazu ermittelt wurden und wie die Berichterstattung der Quelle davon abweicht. Verifiziere Fakten, indem du Medien mit unterschiedlicher politischer Ausrichtung wählst und schaust, in welchen Bereichen sich die Berichterstattung gegenseitig bestätigt.

Ansonsten halte dich an Fachleute, denen du vertraust. Fragen hilft immer.

Das #NoBillag-Marktparadox

Viele meiner liberalen und libertären Bekannten sind Unterstützer der #NoBillag-Initiative. Ihr Hauptargument ist, dass sich ein Medienangebot am Markt orientieren und da bestehen müsse.

Ignorieren wir einmal, dass Information keine normale Handelsware, sondern der Treibstoff einer funktionierenden, freien Demokratie ist, und schauen uns das Szenario einer SRG auf dem freien Markt an. Ich zeichne hier ein Bild, wie ich als Medienprofi das Unternehmen weiterführen würde.

Die SRG ist das grösste Medienhaus der Schweiz. Zur Zeit ist ihre Hauptaufgabe der Service Public und sie ist beschränkt, was Werbeinhalte und Online angeht. Sie liefert uns – quasi wie ein Haustier – was wir benötigen und wird kontrolliert und hat nur eine bestimmte Weide, die sie abgrasen darf.

Was passiert bei Annahme der Initiative? Die SRG würde von einem Tag auf den anderen das grösste private Medienhaus der Schweiz, mit grösster Reichweite und bester Infrastruktur auf dem Markt. Und ihre Hauptaufgabe wäre plötzlich, unternehmerische Gewinne einzufahren. Es wäre dann kein „Schweizer Fernsehen & Radio“ mehr, sondern eine Art RTL oder Pro7.

Natürlich würde sie den kostenintensiven und nicht profitablen Teil des Service Public abwerfen. Sie würde sich vielleicht personell redimensionieren. Und dann würde sie die Werbeinhalte erhöhen, weil da das Geld liegt. Sie würde ohne Beschränkung den Werbemarkt aufrollen, ganz einfach, weil sie mit der Marktmacht alle kleineren Player an die Wand fahren könnte. Die Inhalte würden so gewählt oder produziert, dass sie höchstmögliche Werbereichweite generieren. Die SRG könnte die Preise für Werbung und Reichweite wohl mehr oder weniger bestimmen und den anderen nur noch Brosamen übriglassen.

Als nächster Schritt käme die Diversifizierung im publizistischen Bereich. Zuerst der Ausbau der Online-Angebote in einem Verhältnis von mindestens 1:10, ohne dass das einen Franken Investition kosten würde. Einer privaten SRG könnte niemand mehr Vorschriften machen, wie viel ihrer Angebote sie wann online stellt. Sie würde jetzt führende Informationsplattformen aussehen lassen wie private Gschpürschmi-Blogs.

Dann käme wohl die Investition in Print. Der qualitativ gute Content könnte ohne grossen Aufwand nochmals vertieft für Magazine oder Wochenezeitungen aufbereitet werden, ohne dass die Infratsruktur dafür gross erweitert werden müsste. Sie könnte die Inhalte nebst über Radio, TV und Online noch ein viertes Mal verkaufen.

Und zum Schluss würde die SRG natürlich Agenturen zur Produktion von Werbeinhalten und zur Platzierung derselben gründen. Sie würde massgeschneiderte Angebote für alle Kanäle produzieren und auch gleich platzieren. Der Schweizer Markt wär per se Eigentum der SRG.

In allen Bereichen hätten die bisherigen Player kaum eine Chance. Zudem wärs für eine private SRG nicht besonders schwer, Investoren zu finden, bzw. von anderen Projekten abzuziehen.

Aus dem Haustier, das wir zur Zeit kontrollieren, würde ein Raubtier, das man in dem kleinen Medien- und Werbehühnerstall Schweiz unkontrolliert jagen lassen würde.

Ich persönlich bevorzuge eine SRG, die den Schweizern gehört, und deren Hauptaufgabe nicht Gewinn sondern Service Public ist.

Ansonsten haben wir einen Monopolisten, der die kleineren Player mit einer Hand auf dem Rücken in den Dreck schmeissen kann. Es gäbe keinen „freien Markt“ mehr.