«Wir sind die Guten»

Die wirklich Guten» machen keine Politik. Die kümmern sich um Menschen.

Die wirklich «Guten» machen keine Politik. Die kümmern sich um Menschen.

«Du gehörst doch eigentlich zu den Guten», musste ich mir in der letzten Woche verschiedene Male anhören. Damit gemeint ist, dass ich zum linksgrünen Spektrum gehöre und mich für Menschenrechte, eine sozialverträgliche Politik und solche Sachen einsetze.

Aber gehöre ich «zu den Guten»? Wohl eher nicht. Gäbe man mir absolute Macht, würde ich meine Werte wohl mit Mitteln durchsetzen, die meinen Werten widersprächen. Viele aus meinem linksgrünen Umfeld wünschen sich so stark eine gerechtere Welt, dass sie beim Erreichen dieses Ziels Ungerechtigkeiten in Kauf nehmen und nähmen. Ob über Einschränkung der Meinungsfreiheit, Gesinnungskontrolle oder einen überbordenden Staat – meine linken Freunde und ich wären ungebändigt eher nicht die Architekten des neuen Paradises.

Das ist einer der Gründe, warum ich zuerst Demokrat und erst danach links bin. Es braucht die anderen politischen Kräfte, um Typen wie mich auszubalancieren. Es braucht bürgerliche und liberale Überzeugungen, um meinen Idealismus in Schach zu halten.

Was ich bei den populistischen Rechten so verabscheue, dieses «Wir, die richtigen Schweizer und diese anderen, die Vaterlandsverräter», oder bei den Liberalen «Wir, die Starken, und diese anderen, die Schwachen», spiegelt sich auf linker Seite in «Wir, die Guten und diese anderen, die Menschenverachter». Das mag gut sein, um Leute auf eine Ideologie einzuschwören, als praktischer Ansatz für eine freie, gesunde und soziale Gemeinschaft ist es Scheissdreck. Und das nicht im Sinne von «Dünger».

Die Arroganz, die in der Annahme liegt, man habe selbst die Weisheit mit dem Löffel gefressen und die anderen seien alles Feinde und des Teufels, ist der Grund, dass es die gegnerischen Kräfte braucht. Gnade uns Buddha, wenn einmal eine dieser Kräfte 51 Prozent der Bevölkerung hinter sich scharen kann. Egal, welche.

Die Schweiz ist stabil, weil wir uns gegenseitig auf die Finger schauen und auch mal hauen. Die anderen Kräfte machen es mir möglich, mich für meine Werte einzusetzen, ohne sie totalitär durchsetzen zu können.

Natürlich bin ich von meinen Werten überzeugt. Natürlich greife ich den politischen Gegner mit verbalen Klauen und Zähnen an. Das ist Teil des Spiels. Ich zweifle nicht an meinen Überzeugungen. Nur will ich meinen Gegner weder vernichten, noch mundtot machen oder unterwerfen.

Ich will nicht, dass die Welt nur noch einer einzigen Weltsicht unterworfen ist. Auch nicht meiner eigenen.

Gefürchtet wie ein Dreijähriger mit Streichhölzern im Dynamitdepot.

Trump besiegt meinen Anti-Amerikanismus

Präsident Trump macht mir keine Angst. Auch seine irrationalen Äusserungen, sein wirrer Sprachgebrauch, seine Faktenintoleranz und auch sein latenter Rassismus oder Sexismus lassen mich nicht um die Zukunft der Welt bangen. Seine getwitterte Aussenpolitik oder seine Schüsse gegen die freie Presse kann ich gelassen nehmen.

Die Umstände, die mich bei Obama so enttäuschten, lassen mich bei Trump hoffen: Obama war es nicht möglich, die USA in den letzten acht Jahren, wie von vielen Linken erwartet, zu einem linksliberalen Zuckerguss-Paradies mit regenbogenfurzenden Einhörnern umzubauen.

Obama war ein guter Präsident, aber eben auch nur in dem Masse, wie es ihm in Amt und in den Pflichten eines PotUS möglich war. Er konnte keine Kriege beenden, liess Guantanamo bestehen, liess Menschen auf der anderen Seite des Globus mit Drohnen killen und noch immer sind US-Truppen in Gegenden aktiv, in denen sie eigentlich nichts verloren haben.

Und genau wie Obama nicht einfach seine private Agenda gegen die Interessen des US-Systems durchziehen konne, wird Trump diese grosse Nation auch nicht in Mordor verwandeln können. Anders als Putin im neu aufgesetzten Russland, kann er das lange und stabil gewachsene System nicht für seine autokratische Art missbrauchen.

Erstaunlicherweise setze ich mein Vertrauen in meine alten Erzfeindbilder, in die US-Wirtschaft, in die Lobbyisten und die US-Geheimdienste, von denen ich hoffe, dass sie Trump schon in Schach halten können. Die Mächte in den USA, die ich für zutiefst antidemokratisch hielt, sind nun plötzlich eine mögliche Garantie gegen das Chaos, das ein einzelner Präsident auf der Welt und im eigenen Land anrichten könnte.

Auch weltpolitisch siehts aus, als wären wir gerade jetzt auf die USA angewiesen. Und auch da hoffe ich auf die imperialistischen Interessen, die ich früher so verteufelt habe. Obamas Zurückhaltung, aber vor allem Trumps Wahl, haben mir vor Augen geführt, wohin die Welt driften kann, wenn die USA nicht mehr ihre Rolle als Gegengewicht spielt. Siehe Syrien. Ja, manchmal wünscht ich mir den kalten Krieg zurück, als die Fronten klar und die Welt noch einfach war.

Natürlich bin ich weder Politikwissenschaftler noch Politiker, und meine Sichtweise gleicht eher einer Stimmungaufnahme als einer Analyse. Aber wenn mir die letzten Jahre etwas gezeigt haben, ist es, dass der Gefühlszustand der Menschen mehr in der Welt bewegt als die effektiven Fakten. Leider.

Die Hassliebe

Überraschenderweise söhnt mich die Wahl Trumps auf einer tiefen, psychologischen Ebene mit den US-Amerikanern aus. Ich wurde, wie viele urbane Europäer im 21. Jahrhundert, antiamerikanisch sozialisiert. Meine Eltern waren Salonsozialisten, die sich in den 60ern gegen den Vietnamkrieg engagierten. Linksliberale Aktivisten, die aus der Schweizerischen Sicherheit heraus bei billigem Rotwein und Protestsongs theoretisch die Welt verbesserten. Sie und ihre Genossen betrachteten alles, was aus den USA kam, mit Misstrauen. Das hiess Gaulloise statt Marlboro und Wodka statt Bourbon. Das hiess auch deprimierende tschechische und deutschdemokratische Autorenfilme in Schwarzweiss statt Hollywood. Die Generation meiner Eltern litt für ihre Ideale.

Natürlich waren selbst die Sozialisten damals schon ambivalent. Die Schlaghosen und die Beatnik-Kultur – später die Hippies – das alles kam aus den USA. Es war unmöglich, einigermassen „groovie“ zu sein, ohne auf US-Kultur zurückzugreifen. Die Friedensbewegung war damals klar antiamerikanisch, kam ober ohne Joan Baez und englische Slogans nicht aus.

Die nächste Generation, der ich angehörte, erbte sowohl den Antiamerikanismus wie auch die Ambivalenz. Nach dem Mauerfall und dem Untergang der DDR hatten wir zwar keine sozialistischen Argumente gegen die USA mehr, aber Reagan, Bush und Bush Junior machten es uns mit ihrer antisozialen Innen- und ihrer aggressiven Aussenpolitik leicht, die USA zu hassen. Natürlich fiel es uns leichter, die USA zu kritisieren, weil wir durch die freien Medien viel besser über die US-Politik informiert waren, als zum Beispiel über das neu entstehende Russland oder über das weit entfernte China. Die Ironie, dass eine grundlegende, demokratische Instanz wie die freie Presse es uns erst möglich machte, tief in die Fehler des US-Systems zu sehen, war uns nicht bewusst.

Wir lebten natürlich ein Paradox. Wir liebten Rocky, Star Wars und den Terminator. Wir schauten «Der mit dem Wolf tanzt» und hatten ersten Sex zur Musik aus der US-Hitparade. Wir fuhren Skateboard, holten uns beim Breakdance Zerrungen. Wir verteufelten McDonalds, skandierten aber unsere antiimperialistsichen Slogans an Demos mit Wrigleys Spearmint Kaugummi im Mund.

Wir sprachen den USA jegliche Kultur ab und badeten gleichzeitig im kommerziellen Output aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wir hassten Bush und hörten dazu US-Bands, die Bush kritisierten. Wir waren US-ophil, imprägniert durch Werte, Lebensstil und Träume aus Übersee und verteufelten gleichzeitig diesen Einfluss.

Der Minderwertigkeitskomplex

Und genau lagen die Wurzeln des europäischen Anti-Amerikanismus: Wir hatten Minderwertigkeitsgefühle gegenüber den US-Amerikanern. Wir sahen die politische Macht und die kulturelle Strahlkraft dieser Nation und hatten ihr nichts als verknöcherte Geschichte und versteinerte Strukturen entgegenzusetzen. Frankreich bemitleidete sich noch für den Verlust der Kolonien in Nordafrika und seine zunehmende Bedeutungslosigkeit auf dem internationalen Parkett, Deutschland schämte sich noch für den zweiten Weltkrieg und nahm den USA gegenüber eine unterwürfige Haltung ein. Europa spielte keine Hauptrolle mehr. Als Ruine des zweiten Weltkriegs und Spielball im kalten Krieg hatten wir Europäer die jahrhundertelange Dominanz im Weltgeschehen den Amis abgetreten.

Die USA waren seit der Nachkriegszeit die Coolen. Im Schulsport würde man sie als erste ins Team wählen, sie wären mit der hübschesten Cheerleaderin liiert, hätten das geilste Auto und würden immer den ersten Touchdown hinlegen. Die USA verkörperte genau die Art lockere Überlegenheit, die man im mehr oder weniger irrelevant gewordenen Europa sowohl beneidete wie auch hasste.

Doch nach 9/11 hat sich etwas geändert. Die USA sah sich selbst nicht mehr als Macher sondern als Opfer. Sie agierten nicht mehr, sie reagierten. Natürlich halfen auch die nicht zu gewinnenden Kriege im Irak das Selbstbild der Amerikaner zu zersetzen. Die Globalisierung, die Innovationskraft und Visionen über den ganzen Planeten verteilte und in breiten, internationalen Netzwerken verankerte, taten ein weiteres.

Dass Nationen im grossen Spiel der Macht immer stärker von Interessensgruppen, Zusammenschlüssen über nationale Grenzen hinaus, abgelöst wurden, ist für eine so stolze Nation wie die USA, und vor allem für des Selbstverständnis der Bevölkerung, eine harte Nuss. Reagan hätte sicher nicht gedacht, dass er mit seinem Neoliberalismus den Grundstein dafür legt, dass viele seiner Mitbürger als Globalisierungsverlierer enden und sein Land an Bedeutung verliert. Trumps Wahl ist im Nachhinein gesehen nur die logische Folge, ein letztes Aufbäumen der Menschen, die einem heilen Weltbild der 80er gefangen und von den Veränderungen im 21. Jahrhundert überfordert sind.

Make Amerika great … again

Trumps Wahlkampf-Slogan macht eigentlich am Deutlichsten, dass sich etwas verändert hat. Trump will nicht Amerikas Grösse verteidigen, er will sein Land auch nicht weiter auf dem Erfolgspfad von internationaler Bedeutung führen oder „Amerika grösser machen“.

Er will die USA „wieder gross machen“. Das ist eine klare Aussage. Und sie impliziert, dass die USA nicht mehr „gross“ sind. Niemals hätte ich gedacht, dass ein so ausgesprochener Narzisst wie Trump einen so entlarvenden, beinahe schon bescheidenen Slogan benutzen würde. Der Spruch „Make Amerika great again“ hört sich nach Rekonvaleszenz an. Nach erlittenem Niedergang und verzweifeltem Suchen nach der alten Grösse.

Unbewusst scheint den Amerikanern ihr Selbstbewusstsein, ihre charmante und unausstehliche Arroganz abhanden gekommen zu sein. Das grossspurige, aber herzliche Auftreten, die zum US-Klischee geworden war, bröckelte. Und genau da löst sich mein Antiamerikanismus auf. Es gibt nichts mehr, das man beneiden oder hassen müsste.

Trumps Wahlsieg hat der Welt den Respekt vor den USA genommen. Natürlich ist die USA noch eine mächtige Nation. Aber man fürchtet Trump nicht wie eine bewaffnete, zielgerichtete politische Kraft. Man fürchtet Trump wie einen trötzelnden Dreijährigen, der in einem Dynamitdepot mit Streichhölzern spielt. Man fürchtet nicht die durchdachte, politische Interessenspolitik dieser Grossmacht. Man fürchtet im Gegenteil die Abwesenheit irgendeiner berechenbarer Ausrichtung.

Der letzte Wahlkampf – nicht nur Trumps Seite – hat eine der strahlendsten, westlichen Demokratien der Nachkriegszeit in eine Dating-Castingshow aus dem Trash-Nachmittagsprogram verwandelt. Die Spannung, mit der man früher die US-Wahlen verfolgte wich einem unangenehmen Gefühl des Fremdschämens.

Mitleid statt Angst

Und genau kippt meine Ablehnung der USA in Mitleid. Trumps narzisstische Grosskotzigkeit ist nur ein billiger Abklatsch des Selbstbewusstseins früherer Präsidenten. Das grossspurige Auftreten lässt uns die verzweifelte Sehnsucht nach alter Grösse wittern. Selbst mit seiner Bewunderung für Autokraten wie Putin lässt Trump die USA wie ein Mitläufer aussehen, als den Schüler, der gerne mit den coolen, tonangebenden Kids auf dem Pausenplatz abhängen würde. Vom Captain der Footballmannschaft zum Groupie degradiert. Und man beneidet oder fürchtet ein Groupie nicht. Man belächelt es.

Die Trump-Wahl ist ein letztes Aufbäumen gegen den Verlust der eigenen kulturellen Strahlkraft. Die Trump-Wähler glauben nicht mehr an ein grossartiges Amerika. Ich hingegen glaube inzwischen an ein grossartiges Amerika. Ich glaube an die Kraft derjenigen, die sich für ihr Land und ihre Lebensart einsetzen wollen. Der Pioniergeist, der diese Nation einmal gross gemacht hatte, entstammte nicht der Arroganz einer Grossmacht, sondern den Visionen, die eine zusammengewürfelte, multikulturelle Gemeinschaft den anstehenden Schwierigkeiten entgegengesetzt hat. Und genau diese Kraft und diese Visionen sind jetzt wieder gefragt.

In vier Jahren, nachdem Trump die USA vollständig zu einer Weltmacht zweiter Klasse degradiert haben wird, werden die Amis uns als Freunde brauchen. Und wir werden sie mit aller Kraft unterstützen. Denn was bleiben uns für Alternativen? In diesem Sinne: U S A! U S A! U S A!

SVP hasst Schweizer Italos? In Burkas?

Giovanni will auch am Arbeitsplatz Burka tragen!

Giovanni will auch am Arbeitsplatz Burka tragen!

Die kampagnenführenden SVPler gegen die erleichterte Einbürgerung scheinen ihre eigene Wählerschaft für Vollidioten zu halten. Diesmal lügen sie bewusst ihre Wähler an. Glarner und seine Kollegen werben mit einem Burka-Plakat (wieder in gefälligem 30er-Jahre-Layout der Agentur Goal) gegen die erleichterte Einbürgerung.

Nur: 60 Prozent der Menschen, die von der erleichterten Einbürgerung profitieren könnten, sind Italiener der 3. Generation. Dazu noch einige Deutsche, Franzosen und Amis oder Engländer. Und ein paar Türken und Leute aus Ex-Jugoaslawien, die aber zahlenmässig vernächlässigbar sind, weil die meist noch kein Anrecht auf erleichterte Einbürgerung haben.

Also, es geht nicht um Migration, Füchtlinge aus Nordafrika oder sonst irgendwelche Fremden, die ihr schon mal grundsätzlich hasst. Es geht um Italiener, deren Grosseltern bereits in die Schweiz eingewandert sind.

Da frage ich mich, was die Burka auf dem Plakat soll. Ich kenne kaum einen Italo der dritten Generation, der hier Burka trägt. Oder in die Moschee geht. Ich kenn nicht mal Italiener in Italien, die Burka tragen. Hat vielleicht damit zu tun, dass Italien ein KATHOLISCHES Land ist? Nicht?

Also, liebe SVP, wenn ihr schon gegen Italiener hetzen wollt, gegen die Kinder eurer Arbeitskollegen (oder gegen eure Lehrlinge und Mitarbeiter), dann wenigstens richtig!

Mach ein «Spaghetti-Fresser»-Plakat. oder ein «Keine Tschinggen in der Schweiz»-Plakat. Es ist extrem beleidigend, wenn ihr unsere lieben Italos einfach mit allen anderen Fremden, die ihr hasst, in einen Topf schmeisst.

Wenn schon Fremdenhass über drei Generationen, dann wenigstens professionell.

PS: Ich glaub übrigens nicht, dass eure Wählerschaft dumm, verängstigt oder einfach böse genug ist, um euch den Dreck abzukaufen.

Offener Brief an die SVP-Wähler

Liebe SVP-Wähler

wieder einmal hat ein SVP-Politiker, also einer der Menschen, die ihr wählt und die eure Partei in der Öffentlichkeit vertreten, extrem rassistische Kackscheisse verbreitet. In einem Sprach-Overlay einer Szene aus dem Film «300» hört man eine Stimme sagen «Asyl? Sicher nöd in Buebike, du Scheiss-Neger». Daraufhin wird der Schwarze in eine Grube getreten.

Ich weiss, dass die meisten SVP-Wähler und SVP-Politiker keine rassistischen Arschlöcher sind. Ich kenn persönlich einige SVP-Politiker und Wähler, ganz anständige Menschen, die zwar politisch nicht auf meiner Linie stehen, mit denen ich aber ohne Probleme auch mal lachen oder diskutieren kann, ohne Groll.

Ich weiss auch, dass die SVP keine «Nazi»-Partei ist. Rechtspopulistisch, oft faktenfrei und meist fremdenfeindlich, klar. Aber eben, viele SVPler sind grundsätzlich anständige Menschen und keine hassgeifernden Rassisten.

Das Problem ist nicht, dass alle SVPler Rassisten sind. Das Problem ist, dass alle Schweizer Rassisten und Nazis die SVP super finden. Und nicht nur die Schweizer. Auch der Schlächter Breivik hat die SVP lobend in seinem Manifest erwähnt. Einige der SVP-Politiker treten an klar rechtsradikalen Veranstaltungen in Europa auf, Blocher verteidigt ein Konzert, bei dem 5000 Nazis immer und immer wieder «Heil Hitler» schreien und den Nazigruss zeigen. Es sind nicht die Gegner, die ihr euch würdig verdient habt, die euch immer wieder in Schwierigkeiten bringen. Es sind die widerlichen Freunde und Fans, die euch oft als eine Partei von seelisch kaputten, verhetzten Hasskappen dastehen lassen.

Ihr seid eine wichtige, grosse Schweizer Partei. Ihr bestimmt oft die politische Agenda. Aber habt ihr es als Schweizer wirklich nötig, eure Partei von solchen Personen vertreten zu lassen? Es ist eure Partei, ihr seid die Basis, ihr bestimmt, wie eure Partei Politik machen soll. Und ich glaube wirklich nicht, dass die Mehrheit von euch herzlose Widerlinge sind.

Aber um nicht so wahrgenommen zu werden, müsst ihr euch gegen den Dreck innerhalb und ausserhalb eurer Partei wehren. Genau wie die SP sich von den 1.Mai-Randalierern klar abgrenzen muss, seid ihr dafür verantwortlich, dass man euch nicht als Nazi-Partei wahrnimmt. Vorallem wenn man berücksichtigt, dass die Rassisten und Neonazis um einiges schlimmer sind als die paar Bubis, die an einer Demo randalieren.

Aufgrund solcher Idioten wie dem SVP-Vorstandsmitglied von Rüti werdet ihr, liebe SVP-Wähler, alle als Rassisten, Unmenschen und vom Hass verkrüppelte Vollidioten wahrgenommen und dargestellt. Aber die Art, wie man euch in der Öffentlichkeit wahrnimmt, liegt in eurer Hand. Ihr wählt eure Vertreter.

Ein schönes 2017 wünsch ich.

Zum 1. August: Patriotismus vs Heimatliebe

Patriotismus

«Wenn’s Ihnen nicht passt, können Sie ja wieder dahin gehen, wo Sie geboren wurden!», ist einer der häufigsten Sätze, die ich seit einiger Zeit in Kommentaren und in den sozialen Medien hören darf.

Das ist nicht nett. Ich stelle mir dann immer vor, wie ich nach langem, staubigen Marsch, mit zwei alten Koffern, altem Mantel und ausgetragenen Schuhen traurig vor der Tür der Maternité des Zürcher Triemlispitals stehe und um ein Zimmer bitte.

Ich habe mein ganzes Leben mit einem arabischen Namen in der Schweiz verbracht. Eigentlich ist mein Nachname sogar der Prototyp des arabischen Namens: «El Arbi» bedeutet wörtlich «von Arabien». Natürlich würde man annehmen, der Name sei eine Steilvorlage, um als Kind oder Jugendlicher angefeindet zu werden. Aber ich habe erst in den letzten zehn Jahren effektiv Fremdenfeindlichkeit erfahren müssen.

Heute muss ich in Diskussionen anführen, ich sei in der Schweiz geboren. Darauf werfen findige Fremdenfeinde ein, ich solle halt dahin gehen, wo meine Vorfahren herkämen. Aber ehrlich, ich will nicht wieder in die Aargauer Provinz. Da hat der Schweizer Zweig meiner Familie in den letzten zwei Jahrhunderten gelebt. Vielen dieser Hurra-Patrioten scheint nicht bewusst zu sein, dass es Gegenden gibt, in denen Vater und Mutter verschiedene Stammbäume aufweisen und nicht aus derselben Familie stammen.

Die Schweizer Identität

Zur Zeit ist dieser abwertende und ausgrenzende Nationalismus gerade wieder in Mode. Lange war es in der Schweiz verpönt, zu patriotisch aufzutreten. Eine Schweizer Fahne zu schwingen war für viele ein Unding, selbst an Fussballmeisterschaften. Inzwischen hat sich das zum Glück geändert. Heute darf man sein Heimatland wieder loben, ohne gleich als ewiggestriger Nationalist dazustehen. Trotzdem sollte man politischen Patriotismus und Nationalismus nicht einfach mit der Liebe zur Heimat gleichstellen.

Während die Heimatliebe ein positives Gefühl für ein real existierendes Gebilde ausdrückt, ist politischer Patriotismus immer ein Instrument, um andere abzuwerten. Er wird eingesetzt, um die Unterschiede hervorzuheben. Während Patriotismus im letzten Jahrhundert von politischen Kräften hauptsächlich dazu benutzt wurde, um andere Länder als minderwertig darzustellen, wird er heute vor allem instrumentalisiert, um dem politischen Gegner im Inland die Heimatliebe abzusprechen. Man ist nicht mehr Schweizer, man ist «Eidgenoss». Die ethnische Herkunft scheint wichtiger zu sein als die Nationalität.

«Fühlst du dich mehr als Nordafrikaner oder als Schweizer?», fragten mich die Leute früher oft. Für mich war die Antwort wohl einfacher als für viele meiner italienischstämmigen oder türkischen Freunde. Ich verbrachte kaum Zeit im Heimatland meines Vaters, während meine Freunde ihre Schulferien in den Herkunftsländern ihrer Eltern verlebten, die Sprache sprachen und ihr Herz natürlich für den Fussballclub des jeweiligen Landes schlug. Hier fühlten sie sich nicht heimisch, und im Süden waren sie die «Schweizer».

Ich selbst fühlte mich nie zerrissen. Für mich war immer klar, dass ich der westlich-abendländischen Kultur entsprang, Mitteleuropa, der Schweiz. Aber fühlte ich mich als Schweizer? Lange fühlte ich mich als Zürcher, mit einer Identität, die nicht über die Stadtgrenzen hinausreichte. Die Stadt war cool, das Land spiessig.

Erst meine Reisen in andere Länder haben mir gezeigt, wie privilegiert wir Schweizer sind, wie unglaublich grossartig es ist, in einem Land mit direkter Demokratie und funktionierendem Staat zu leben. Erst  nach drei Jahren globetrotten von unheimlichem Heimweh nach meinem Dialekt, pünktlichen Zügen, der Gemächlichkeit, der höflichen Zurückhaltung und dem knurrigen Stolz geplagt, fand ich meine Heimatliebe. Das Reiben an anderen Kulturen – auch europäischen – hat mir gezeigt, wie sehr ich Schweizer bin.

Ab wann ist man Schweizer?

«Du als halber Ausländer kannst nicht stolz sein, ein Schweizer zu sein! Das ist nicht wirklich deine Heimat», höre ich da von selbsternannten Eidgenossen. Dann frage ich mich, worauf diese Patrioten wirklich stolz sind. Dieses Gefühl muss ja irgendwo in der realen Welt verwurzelt sein. In den drei Urkantonen? Und bei den Kriegen zwischen den einzelnen Kantonen, wer waren da die «richtigen» Eidgenossen? Und wie sah es bei den Schweizern aus, die sich auf den Schlachtfeldern Europas als Söldner gegenseitig für Geld und verschiedene Herren abschlachteten? Ab wann darf man sich Schweizer nennen?

Man ist Schweizer durch Kultur. Die gesellschaftliche Mentalität hat wenig mit dem genetischen Erbe zu tun. Ich hab hier gelernt, dass man bei Streitigkeiten so lange diskutiert, bis beide gelangweilt und genervt einem Kompromiss zustimmen. Man macht die Dinge hier nicht «halbpatzig», man ist Teil der Gemeinschaft, und nimmt Verantwortung wahr. Man jammert über Steuern, aber entscheidet gemeinsam, wofür sie ausgegeben werden. Hier in der Sicherheit und im Wohlstand der Schweiz wurde mir mitgegeben, dass eine Gesellschaft daran gemessen wird, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht. Hier habe ich meine grundsätzlichen ethischen Werte und mein soziales Verantwortungsgefühl verinnerlicht.

Vielleicht sollte ich hier erwähnen, dass die ersten dokumentierten Stocker – so hiess meine Mutter vor der Heirat – aus meinem Familienzweig 1386 das erste Mal erwähnt wurden. Sie kämpften und fielen in der Schlacht von Sempach. Ich bin kein Historiker, deshalb ist mir nicht ganz klar, ob sie auf der richtigen Seite standen. Aber egal, damals kämpften eh noch alle heutigen Kantone kreuz und quer durcheinander. Also, nach jedem irgendwie denkbarem Massstab bin ich dann wohl Urschweizer.

Meine Schweiz, deine Schweiz

Das Verhältnis zwischen Patriotismus und Geschichte ist sowieso immer etwas zerrüttet. So fand vor ein paar Monaten eine mediale Auseinandersetzung um die Deutung der Schlacht bei Marignano statt. Als ob eine primitives Gemetzel zwischen mittelalterlichen Schlächtern im Jahre 1515 irgendetwas mit der Identität als Schweizer zu tun hätte. Als ob «DIE FREIHEIT» damals mit blutigem Schwert und organisiertem Morden erkämpft worden wäre. Das Blutvergiessen scheint vielen Patrioten denn auch wichtiger als elementare Meilensteine der Schweizer Geschichte. Zum Beispiel kennt kaum einer die von einem Freimaurer mitentworfene Verfassung von 1848, die auf die Sonderbundskriege – sich gegenseitig umbringenden «Eidgenossen» – folgte und erst die heutige Schweiz mit ihrer Vielfalt und ihrem Reichtum möglich machte. Danach gabs keinen Krieg mehr auf Schweizer Boden. Das wär doch mal ein Grund, stolz zu sein.

Aber auch in der jüngeren Geschichte pflegen die selbsternannten Patrioten eine selektive Wahrnehmung. So wärmen sie sich heute nostalgisch an der Reduit-Romantik der Kriegsjahre und ignorieren gleichzeitig, dass wir damals auch die Juden an der Grenze wieder in die Lager der Deutschen zurückschickten und in Nazi-Gold badeten. Das Bild der Schweizer Geschichte, die blutige Romantik, ist nicht natürlich entstanden, sondern wurde vor dem 2. Weltkrieg sorgfältig konstruiert, um aus einem Land, das aus den verschiedensten regionalen Identitäten besteht, eine Einheit zu schmieden. Patriotischer Theaterdonner.

Ironischerweise kommt aber die stärkste Abwertung der heute real existierenden Schweiz aus den Reihen der rechten Patrioten. Durch die Angst, ihr konstruiertes Bild der Schweiz könne widerlegt werden, fokussiert sich die Ablehnung auf alles in der realen Schweiz, das nicht ihrem Bild entspricht. In erster Linie ist das der Staat, der ihnen Sicherheit und Wohlstand garantiert, danach kommen die anderen politischen Kräfte, die in den letzten 150 Jahren die Schweiz mitgestaltet haben. Man sieht selten soviel Hass gegenüber der altehrwürdigen Schweizer Institutionen wie aus den Reihen der selbsternannten Patrioten. Offenbar liebt man nur kleine Teile der Schweizer Identität und spricht den anderen das Schweizerische ab.

Patriotismus und Heimatliebe unterscheiden sich wie Verliebtsein und Liebe. Während das Eine auf Projektion der eigenen Vorstellungen auf das Objekt der Zuneigung beruht, benötigt das Andere die volle Kenntnis des Geliebten. Man kann nur lieben, was man auch wirklich kennt.

Die Nestbeschmutzer

Viele meiner linken Kollegen in meinem Alter haben Mühe damit, zu ihrem Heimatland zu stehen. Es ist für viele noch immer anrüchig, die Schweiz als Staat und als Heimat zu lieben und zu loben. Gerade in intellektuellen Kreisen und unter Kulturschaffenden fokussiert man sich gerne auf die Dinge, die in der Schweiz schieflaufen.

Es ist das Kreuz der Idealisten, dass sie das Beste erreichen wollen, und nicht das Bestmögliche. Auch linke Utopien sind mit den Menschen, die wir nun mal sind, selbst in der Schweiz nicht umzusetzen.

Geistige Landesverteidigung 2016

Natürlich werde ich wegen meines arabischen Namens (ich bin Ex-Katholik und sowas wie ein atheistischer Lifestyle-Buddhist) in letzter Zeit auch auf die Terrorattacken und den sogenannten «Kampf der Kulturen» angesprochen.

Und natürlich gibt es nur eine Schweizerische Antwort darauf: Der Kampf findet zwischen antidemokratischen Kräften und der freiheitlichen Demokratie statt, nicht zwischen Kulturen. Wer immer demokratische Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Trennung von Kirche und Staat, Menschenrechte und Mitbestimmungsrecht des Bürgers in Frage stellt, ist ein Feind der Schweiz. Egal, an was er glaubt, wie überlegen oder wie demokratisch legitimiert er sich fühlt.

Die Schweiz ist keine romantische Ansammlung von Geschichten, die durch einen Grenzzaun zusammengehalten werden. Die Schweiz ist eine funktionierende Idee. Sie kann nur dann sterben, wenn die Menschen nicht mehr in sie vertrauen.

(Dieser Text wurde vom zuständigen Redaktor wieder aus der Sonntagszeitung geworfen, weil er seiner Ansicht nach zu links war, die Pointen zu komplex für seine Leser und ich zu wenig unterwürfig in meiner Antwort auf seine Kritik.)

Der Glaubenskrieg

Terrormilizen können unsere Art zu leben nicht umbringen.

Terrormilizen können unsere Art zu leben nicht umbringen.


Viele Europäer und Schweizer wähnen sich in diesem blutgetränkten Sommer in einem ausgewachsenen Glaubenskrieg. Am Beginn des vielerseits herbeifabulierten «Clash of the Cultures», des Showdowns zwischen dem Islam und der christlich-abendländischen Welt.

Das ist totaler Bullshit. Die paar Terroristen sind schon mal nicht «der Islam». Der IS bekämpft in erster Linie seine Glaubensbrüder. Über 90 Prozent der Opfer der Islamisten sind Muslime. Und die vereinzelten Terroristen hier in Europa können zwar immer wieder grausam Menschen töten, aber sie können unsere Demokratien nicht gefährden.

Die Einzigen, die unsere Demokratien wirklich kaputt machen können, sind unsere eigenen Leute in der Reaktion auf die Terroranschläge. Wenn wir anfangen, unsere eigenen freiheitlich-demokratischen Werte abzuschaffen, haben wir verloren.

Wenn ein Teil der Bevölkerung reagiert, indem sie ganze Völkergruppen für die Taten einiger Extremisten verurteilt und hasst, ist das verständlich und hat mit fehlendem Reflexionsvermögen zu tun. Damit würden unsere demokratischen Systeme fertig, gelten doch Rechtsgleichheit, Völker- und Menschenrecht als Grundlage unserer westlichen Zivilisation.

Dass sich aber Politiker verhalten, als ob wir uns noch in einem Krieg zwischen Nationalstaaten im 19. Jahrhundert befänden und Feindbilder von ganzen Volksgruppen und Religionen aufbauen, gegen die sie dann untaugliche Massnahmen empfehlen, ist fahrlässig und gefährlich.

Die hysterischen Politiker, die als Reaktion auf die Attacken der Terroristen unseren Staat in einen Überwachungsstaat umbauen wollen, unsere rechtsstaatlichen Prinzipien über Bord werfen, und die Terroristen haben etwas gemeinsam: Sie halten unsere Lebensweise für zu schwach, um mit solchen feigen Angriffen fertig zu werden. Sie denken, wir seien zu weich.

Zu einer freiheitlichen Demokratie zu stehen braucht Mut. Wir sind angreifbar. Es gibt nicht Sicherheit UND Freiheit im Doppelpack. Wer immer sowas verkaufen will, ist ein Lügner oder ein Vollidiot. Wir können Radikale nicht mit mehr Waffen und mehr Überwachung, mit unmenschlichen Gesetzen bekämpfen. Damit bekämpfen wir nur unsere eigenen Werte. Man kann Ideologien nicht erschiessen oder einsperren. Wir haben bereits rechtsstaatliche Mittel, mit denen wir der Gefahr begegnen können. Sie werden uns nicht total schützen. Aber totaler Schutz ist nur in einem totalitären System durchsetzbar.

Wir können zu unseren Überzeugungen stehen. Wir können auch bereit sein, für unsere Werte zu sterben. Wir können unsere Werte nur verteidigen, indem wir an sie glauben und sie leben, auch wenn das ein Risiko für uns ganz persönlich bedeutet. Aber wir werden sicher nicht unsere Grundsätze verraten, weil ein paar Wahnsinnige sich in die Luft sprengen oder Leute erschiessen.

Wir stehen wirklich in einem Glaubenskrieg. Aber nicht zwischen Religionen oder Kulturen, sondern zwischen denen, die an unsere Grundwerte glauben und denen, die den Glauben verloren haben oder unser Verständnis von Zivilisation hassen.

Wir stehen von beiden Seiten unter Beschuss. Die Einen töten Leute, die Anderen töten in der Reaktion darauf unsere Art, frei zu leben.

Aber, keine Panik, wir sind stärker. Jeden Tag, an dem wir unsere Ängste überwinden, uns nicht vom Hass leiten lassen und stolz und offen unsere Werte leben, werden wir gewinnen.

Eine Plattform für Populismus?

Man geht ihnen nicht aus dem Weg. Man stellt sich vor sie hin und brüllt: «Stopp, so nicht!»

Man geht ihnen nicht aus dem Weg. Man stellt sich vor sie hin und brüllt: «Stopp, so nicht!»

«Man darf diesen kranken Typen nicht auch noch eine Plattform bieten», hörte ich die letzten Tage in der Auseinandersetzung um das unsäglich frauenfeindliche Verhalten und das Verbreiten von Falschinformationen des SVP-Nationalrats Andreas Glarner. Man solle Hetzern und Trollen dieses Kalibers die Öffentlichkeit entziehen und sie so ins Leere laufen lassen. Die Medien sollen sie totschweigen, weil diese Persönlichkeiten mit narzisstischer Störung und ohne jegliche Ethik im Rampenlicht nur aufblühten. Man gebe ihnen eine Bühne, die sie nicht verdienen.

Nun, 1980 hätte das vielleicht noch funktioniert. 2016 sind die herkömmlichen Medien nur noch die Mittagsvorstellung solcher Auftritte von Lügnern, Hetzern und Antidemokraten. Die Premiere und Hauptvorstellung finden in den sozialen Medien statt. Das widerliche Verhalten dieses speziellen Volksvertreters begann auf Twitter und spielt sich jetzt auf Facebook weiter ab. Die Medien sind geduldete Zuschauer, wie der Rest der Öffentlichkeit.

Die Akteure sprechen mit den Journalisten, nachdem sie  bereits auf der Bühne waren. Man kann niemanden totschweigen, der seine eigenen Medienkanäle hat. Im Gegenteil, man muss die Lügen und die Hetze sichtbar machen, damit anständige Menschen aus allen politischen Richtungen sich davor ekeln und auf Distanz gehen können. Bei Glarner scheint das langsam zu fruchten. Nicht einmal seine Parteikollegen wollen sich noch vor ihn stellen. Was bei einer Partei wie der SVP schon viel bedeutet.

«Man muss diesen Typen auf sachlicher Ebene begegnen, nicht die Person zusätzlich ins Rampenlicht stellen», war ein Argument, das aus dem Pulk meiner Journalistenkollegen fiel. Nun ja, wenn Populismus die Vernunft ansprechen würde, gäbs ihn nicht.

Populismus funktioniert charismatisch, nicht rational. Wäre Politik Musik, dann spielten die Vernünftigen die netten Melodien, die man mitsummt. Die Populisten aber klopfen den Bass, nachdem die Menge stampft. Populisten mit Vernunft begegnen zu wollen ist, wie mit einem Buttermesser in eine Artillerieschlacht zu ziehen.

Man soll diese Typen auch nicht als DAS BÖSE stigmatisieren, denn  das wäre kontraproduktiv. Sie versuchen sowieso schon, bei jedem Angriff die Opferrolle zu besetzen. (Man darf sie aber durchaus «Opfer» nennen, das hören sie nicht so gerne :D) Aber das sind sie nicht. Sie sind meist eklig, lächerlich, dumm, verlogen und ungeheuer von sich selbst eingenommen. An jedem dieser Punkte sind sie angreifbar.  Nicht, dass sie dadurch ihre treuen Anhänger verlieren. Aber die sind sowieso verloren.

Aber die unpolitischen Mitläufer, die bei oberflächlichem Hinhören auf den Dreck und die Lügen der Populisten hereinfallen,  informieren sich genauer, wenn die Scheisse rund um eine Persönlichkeit richtig am Dampfen ist. Sie plappern den Hetzern nicht mehr einfach nur nach, weil sie sich fürchten, die Scheisse könnte auf sie überspritzen. Sie werden achtsam. Und achtsame, vorsichtige Wähler sind Wähler, die für den Populismus verloren sind.

«Nur keine Publicity ist schlechte Publicity», versuchen die Campaigner und die Kommunikationsverantwortlichen ihren Kunden einzureden, wenn sie ihren Job Scheisse gemacht haben. Das stimmt nicht. Unreflektierte Narzissten trifft man mit einer öffentlichen Demontage tausendmal mehr als mit einer vernünftigen Diskussion. Nach aussen hin lassen sie die Angriffe an sich abprallen, aber schmerzhaft getroffen sind sie trotzdem, wie die Löschung des Twitteraccounts von Andy Glarner zeigt.

Wenn der Klügere immer nachgibt, steht er irgendwann am Abgrund oder mit dem Rücken zur Wand. Es ist in der Geschichte noch niemals ein Demagoge totgeschwiegen worden. Auch wurde noch kein Rechtspopulist durch ignorieren von seiner Mission abgehalten.

Wenn die radikalen Hetzer aufstehen, bleibt man nicht sitzen, man geht ihnen nicht aus dem Weg. Man stellt sich ihnen entgegen – auf allen Kanälen – und brüllt laut: «So nicht, Arschloch!». Alles andere ist zwar kultivierter, aber tödlich für eine freiheitliche Demokratie.

Und bei Leuten, die nur die Menschen als «Volk» oder «Schweizer» betrachten, die sie oder ihre Partei wählen oder in ihrem Sinne abstimmen, gehts wirklich um die Substanz unserer freiheitlichen Demokratie.