Billag – die Logik des Service Public

Ich mag viele Angebote von SRF nicht. Die Jass-Sendungen zum Beispiel. Andere mag ich theoretisch, schau sie aber nie, weil sie in der Realität zu langweilig sind. Sternstunde irgendwas zum Beispiel. Wahrscheinlich mag ich mehr als 2/3 der SRF-Sendungen im Radio und im Fernsehen nicht. Ich gehöre nicht zum Zielpublikum und wenns nach mir ginge, könnte man sie einstellen.

Nur, es geht nicht nach mir. Service Public bei SRF funktioniert ein wenig wie Meinungsfreiheit: Grundsätzlich muss ich nicht mögen, was du schaust oder was du hörst. Als überzeugter Demokrat muss ich mich aber dafür einsetzen, dass auch deine Interessen in der Medienvielfalt vertreten sind. Das Ziel ist Ausgewogenheit. Extreme Positionen ausgenommen. Natürlich denkt jeder, der es nicht schafft, sein persönliches Bias zu überwinden, er werde dabei ungerecht behandelt.

Bei SRF ist es jedoch so, dass wir öffentlich über jeden kleinen Fehler diskutieren UND auch das Recht dazu haben. SRF reagiert auch darauf. Privaten Medien geht inhaltliche oder qualitative Kritik am Arsch vorbei, solange die Kasse stimmt. Diese Entwicklung sehen wir gerade bei diversen Medienhäusern.

Die Billag garantiert  – nicht nur beim SRF – eine gewinnunabhängige Berichterstattung. Informations – und Unterhaltungsformate, die zwar nur einen Teil der Bevölkerung interessieren, die aber nirgends sonst berücksichtigt würden.

Wenn wir also davon ausgehen, dass alle Schweizer mit rund 2/3 der Inhalte von SRF nicht einverstanden sind, und wenn wir dann schliessen, dass sich diese 2/3 nur teilweise überschneiden, macht SRF einen guten Job. Sie schaffen es, für jeden 1/3 Inhalte zu bringen, die er/sie annehmen kann.

Wenn wir jetzt dem Öffentlichrechtlichen das Geld wegnehmen, kann das nicht mehr gemacht werden. Produziert werden dann nur noch Formate, bei denen das Werbeeinkommen die Sendung rechtfertigt. Keine Jass-Sendungen mehr. Keine Regionaljournale mehr (geringe Reichweite), keine Nischeninteressen mehr. Nur noch blanker Mainstream.

Also alle, die sich gerade über «Mainstreampresse» aufregen, alle, die sich bei SRF nicht genügend vertreten fühlen, alle, die das Schweizer Fernsehen für einseitig halten: Mit der Anti-Billag-Initiative schafft ihr genau das, was ihr jetzt bejammert.

Nur mit einem Billag-finanzierten SRF ist eine Vielfalt abseits von Gewinn garantiert.

Und nur mit einem Billag-finanzierten SRF haben wir Mitspracherecht.

Medienethik: Komplizen des Terrors

Brüssel-Front

Der Newswert eines solchen Bildes ist gleich Null.

Blut, Infoschnipsel und Kurzsch(l)uss-Analysen spritzen im Minutentakt zu den Anschlägen in Barcelona von den Onlineportalen der grossen europäischen Tagesmedien. Seit dem Anschlag auf Charlie Hebdo ist die Berichterstattung im Update-Stil einer Sportreportage–  Ticker – bei Terroranschlägen State of the Art.

Newsteams bereiten den Horror in kleinen Löffeln zu, heizen ihn auf, klopfen gegen die Spritze und injizieren ihn dem Leser alle paar Minuten. Er soll ja nicht auf Entzug kommen, er soll im Klicktaumel bleiben, bis zur Besinnungslosigkeit.

Damit gehen Medien und Terroristen Hand in Hand. Damit potenzieren die Medien die gewollte Wirkung der Anschläge. Das Ziel von Terror ist nicht, Menschen zu töten, sondern Angst und Schrecken zu verbreiten. Und dies geht nicht ohne Medien.

Im Printzeitalter hatte man eine oder zwei Ausgaben, jeweils morgens, voller Blut und Terror. In Online-Zeiten sind es Nonstopp-Pushmeldungen im Minutentakt, die Tweets von Randfiguren, Gerüchte, geleakte, unbelegte Infos und hilflose Statements der Behörden liefern, die der Leser auch ohne irgendwelche Defizite zusammengefasst zwei Mal am Tag bekommen könnte.

Doch die Chefs der Newsrooms sind so auf die Konkurrenz, so auf den Fluss der Droge Blut und auf den Nachschub an Pseudo-Fakten fixiert, dass sie vergessen, was ihre Aufgabe  ist.

So übernehmen sie die Hauptarbeit des Terrorismus: Das Verbreiten von Panik und Hass. Und sie machen es nicht in der gerade eben notwendigen Art der Berichterstattung, sondern im Taumel der Katastrophe. Terroranschläge sind zu 60 Prozent Medienereignisse und zu 40 Massaker. Würde man die 60 Prozent reduzieren, wäre die Wirkung des Terrors um Welten geringer.

Kollegen werden nun aber auf die «Informationspflicht» verweisen. Ja, die ist vorhanden. Nur, ich hab selbst schon in Newsredaktionen gedient. Jeden Tag melden die Agenturen Hunderte von Toten und Dutzende Anschläge. Die meisten davon schaffen es nicht mal als Meldung in eine Spalte oder auf die Homepage.

Natürlich liegen uns Brüssel und Paris emotional näher als Bagdad oder  Pakistan. Aber liegen sie uns näher als Istanbul?

Es ist nicht die Informationspflicht, die diese Blüten treibt. Es ist auch nicht der Newswert. Es ist die reine Sensationsgier, die Blutgeilheit, die man sonst nur dem Boulevard vorwirft, die hier zum Tragen kommt.

«Aber der Leser will das!», hör ich dann.

Ja, der Leser will auch Pornos, wenn man den Online-Statistiken vertrauen will. Und trotzdem sehen sich die Verantwortlichen nicht in der Pflicht, die auf ihren Portalen nonstopp zu zeigen.

Es ist Zeit, dass sich die Online-Chefs wieder auf ihre journalistische Verantwortung besinnen und nicht unbewusst jeden Klick in Werbe-Silberlinge umrechnen.

Seid keine Komplizen des Terrors!

Bremst euch.