Besser als in der analogen Welt.

Filterbubble? Hör doch auf mit dem Scheiss …

Nach den Abstimmungen vom letzten Wochenende hört man wieder zahlreiche Polit-Experten über die digitalen Filterblasen jammern. «Echo-Kammer» ist ein anderer Begriff dafür.

Es soll bedeuten, dass man sich virtuell nur mit Leuten umgibt, welche die gleiche Meinung teilen und so das eigene Weltbild immerzu stärken, anstatt es auch ab und an zu hinterfragen. Man komme nicht mit anderen Weltsichten in Berührung.

Das ist Bullshit.

Die «Filterbubble» ist kein digitales Phänomen, sondern ein soziales. Vor dem Web 2.0 hatte man sich in seiner Region, Gemeinde, in seiner Peergroup, seinem Stammtisch, seinem Szenelokal, in seiner Partei eine Filterbubble eingerichtet und kam eigentlich kaum mit wirklich widersprechenden Weltanschauungen in Kontakt. Vielleicht mal in einer Zeitung oder in einem Fernsehbeitrag.

Die zum Teil harten und stellenweise abstrusen Streitereien in den Kommentarspalten und in den sozialen Medien kommen daher, dass sich verschiedene analoge Filterblasen digital endlich zum ersten Mal auf der Basisebene wirklich begegnen. Und dann knallt es halt erstmal, bevor sich Gewöhnung einstellt.

Wo sich früher schöngeistige Leitartikler zwischen Berglern und Unterländern, zwischen Liberalen und Sozialen, zwische Rechten und Linken hübsch formulierte, aber elitäre Artikel um die Ohren knallten, steht jetzt die Basis direkt im Kontakt mit Andersdenkenden. Das erschreckt und führt zu den erwähnten Kommentarexzessen.

Die direkte digitale Kommunikation erweitert den Horizont, ob man das nun will oder nicht. Selbst wenn man sich noch so abzuschotten versucht, es taucht immer ein Blink der restlichen Welt in der eigenen Bubble auf. Viel häufiger, als dass früher ein Szene-Hipster sich in einem Landspunten an den Stammtisch setzt oder dass ein SVPler sich nach dem Buurezmorge in einen linksalternativen Club begibt.

Die 3 wichtigsten Gründe gegen #NoBillag

1. Es geht nicht um Geld

Der Titel „No Billag“ ist irreführend. Bei der Intitiative geht es nicht um die 365 Franken, die ein Haushalt jährlich bezahlen muss. Es geht um die Abschaffung des Service Public. So der Initiativtext:
„Er (der Bund) subventioniert keine Radio- und Fernsehstationen. Er kann Zahlungen zur Ausstrahlung von dringlichen amtlichen Mitteilungen tätigen.
Der Bund betreibt in Friedenszeiten keine eigenen Radio- und Fernsehstationen.“
Die Initiative macht die SRG nicht schlanker, sie macht das Angebot nicht besser. Die Initiative verbietet in der Verfassung den Service Public grundsätzlich. Kein Schweizer Radio und Fernsehen mehr. Gar keins.

2. Kein Plan B

Die Initianten weichen immer aus, wenn man sie nach den Konsequenzen der „No Billag“-Initiative fragt. Es gäbe einen Plan B, der dann doch noch Service Public ermögliche. Das ist nicht wahr. Der Initiativtext ist klar und eindeutig. Es gibt auch keine anderen Player, die den Service Public leisten könnten.
Für die Kantone ist das finanziell und organisatorisch nicht zu stemmen. Wer die Initiative annimmt, schafft den Service Public ab. Die SRG wird kein Schweizer Fernsehen mehr sein, sondern ein Privatsender, der sich über Werbung finanzieren muss. In einem kleinen Werbemarkt wie der Schweiz würde eine private SRG, ohne die Verpflichtung zum Service Public, ohne Beschränkungen in Werbezeit und Online-Angeboten den Werbemarkt sofort austrocknen und alle anderen an die Wand drücken.

3. Die Demokratie

Die SRG gehört uns, der Bevölkerung. Sie handelt nicht mit Information, sondern sie stellt sie zur Verfügung. Information ist kein normales Handelsgut. In einer Demokratie ist Information das Fundament, auf dem unsere Abstimmungen und Wahlen stattfinden. Schafft man die Kontrolle über die SRG ab, gibts keine Medien mehr, die ausgeglichen Berichten müssen.
Die Lizenzen für Fernseh und Radio würden nach Annahme an den Meistbietenden versteigert. So würden die finanzkräftigen Deutschen Privatsender und vielleicht noch private Milliardäre bestimmen, was bei uns im Radio und im Fernsehen an Informationen verbreitet wird.
Wir können die Informationshoheit nicht nur wirtschaftlichen Interessen und politischen Playern überlassen, ohne unserer Demokratie nachhaltig Schaden zuzufügen.

Deshalb Nein zu NoBillag, weil wir unser eigenes Schweizer Fernsehen behalten wollen.
Deshalb Nein zu NoBillag, weil wir eine Kontrolle über unsere Medien in den Händen der Bevölkerung behalten wollen.
Deshalb Nein zu NoBillag, weil wir als Demokratie dafür schauen, dass alle Zugang zu neutraler Information erhalten.

Jetzt Facebook-Profilbild ändern und #NeinzuNoBillag sagen

Wie Fakenews funzen …

«Fakenews» ist wohl einer der meistgebrauchten Begriffe des letzten Jahres. Inzwischen wird einfach alles, was einem nicht passt, als «Fakenews» bezeichnet, dabei gibts da durchaus Unterschiede. Oft wissen nicht einmal meine Kollegen Medienprofis, was genau wie funktioniert. Ich hab deshalb hier kurz die Lügenmechaniken und Fakenewssysteme aufgelistet, denen ich in meiner Funktion als Journalist, Blogger und Campaigner am häufigsten begegne.

Die blanke Lüge

Diese Art der Fehlinformation kommt eigentlich erstaunlich selten vor. Sie setzt voraus, dass der Absender die Fakten kennt und absichtlich lügt. Politiker und Medien hüten sich, solch einfach zu widerlegende Storys zu erzählen. Man findet die blanke Lüge aber oft in den Sozialen Medien, wo sie meist von anonymen Usern in politischen Foren und Gruppen verbreitet werden. Daher beziehen sie auch ihre Kraft, da andere User sie teilen und so verbreiten. Und eine blanke Lüge kann Gewicht bekommen, wenn man ihr immer wieder begegnet, ohne dass sie von öffentlicher Seite klar widerlegt wurde. Tipp: Checkt die ursprüngliche Quelle der Information auf Glaubwürdigkeit

Die Bullshitter

Bullshit ist wohl die häufigste Form von «Fakenews». Bullshit entsteht aus einer Mischung aus Halbwissen, Falschinterpretation, Hörensagen und Bauchgefühl. Trump spielt die Klaviatur des Bullshits virtuos. Er verwertet halb verstandene Fakten aus dem Bauchgefühl und interpretiert Superlativen im eigenen Interesse daraus. Die meiste Zeit ist sich ein Bullshitter nicht mal bewusst, dass er Bullshit verbreitet. Das Problem mit dieser Art der Fehlinformation ist, dass sie die Lieblingsbeschäftigung von Politikern ist. So finden Halbwahrheiten grosse Verbreitung auch in seriösen Medien. Und auch hier: Bei grosser Verbreitung entwickelt der Bullshit mehr Kraft als die Richtigstellung durch Fakten. Tipp: Unterzieht jede Äusserung eines Politikers einem Faktencheck. Jede. Ausnahmslos.

Alternative Fakten

Alternative Fakten gehören seit jeher zu den Instrumenten der Propaganda. Sie werden eingesetzt, wenn sich eine (tatsächliche) Version einer Geschichte nicht mehr unterdrücken lässt. Propagandamedien bringen dann alternative, oft frei erfundene Erklärungen für einen Sachverhalt, die sie gleichwertig neben dem verifizierten Ablauf eines Ereignisses publizieren. So ist die Realität nur noch eine von vielen «Theorien» und verliert an Kraft und Relevanz. Am deutlichsten wurde dies in den letzten Jahren von den russischen und russisch kontrollierten Medien beim Abschuss der MH17 über der Ukraine gemacht. Tipp: Auch hier die ursprüngliche Quelle und deren Glaubwürdigkeit verifizieren. Dazu Fakten von Schlussfolgerungen und Schlussfolgerungen von Vermutungen trennen. Benutzt dazu Ockhams Razor.

Der implizierte Bullshit

Der implizierte Bullshit wird oft von Verschwörungstheoretikern und Propagandamedien wie KenFM und RT benutzt. Es ist eine clevere Art der Manipulation. Dabei werden verifizierte, echte Fakten benutzt.  Der Absender wählt aber nur die Fakten, die er braucht, um eine kausale Kette von Ursache und Wirkung in seinem Sinne aufzubauen. Er reiht diese ausgewählten Fakten so auf, dass sie für das Gegenüber nur eine mögliche Schlussfolgerung implizieren. Widersprechende Fakten werden weggelassen. Die Lücken in der Argumentation werden mit Vermutungen und Unterstellungen in Frageform gefüllt. Der Absender tritt dann zurück und fordert auf «Zieh deine eigenen Schlussfolgerungen!». In einer intensiveren Version wird schon bei der Einführung eine Behauptung als Frage formuliert («War Berlin eine  False-Flag-Operation????»), um bei klarem Widerspruch «Fragen darf man doch» oder «Man muss doch auch kritisch hinterfragen!» zu phrasieren. Tipp: Greift nicht die Argumentationskette oder die Schlussfolgerung an. Zeigt auf, wie das Gegenüber die Fakten manipuliert. Lasst euch nicht auf Diskussionen ein.

Die Bullshit-Studie

Die ist wohl die hinterhältigste Version von Fehlinformation und kann oft nur mit akribischer Aufarbeitung widerlegt werden. Und sie kommt sowohl absichtlich wie unabsichtlich vor.
Absichtlich: Eine Studie wird von einem Institut gegen Bezahlung einer Interessengruppe erstellt. Die Studie geht an die Presse, wo sie ohne Überprüfung der Quelle, der Methodik, der Finanzierung und der Absicht zitiert wird. Das passiert ziemlich häufig, da Journalisten gleich Wissenschaftlichkeit voraussetzen, wenn «Studie» draufsteht. Dabei werden richtungsgebende Interessen und unwissenschaftliche Methodik gar nicht erst erkannt.
Unabsichtlich: Viele «Studien» werden von Instituten direkt nach Erstellung publiziert. Das heisst, ohne Peer-Review, ohne Überprüfung von Methodik oder zB Grösse der Datensamples, Auswahlverfahren der Probanden (freiwillig, online, ausgesucht) etc.. Je geiler die Schlussfolgerungen aus der Studie, um so schneller wandert sie an die Presse. Dort werden wiederum die Aussagen zugespitzt und vereinfacht, so dass die letzendliche Publikation nichts mehr mit der Realität zu tun haben muss.
Tipp: Bei jeder Studie Quelle, Finanzierung, Ausrichtung des Absenders und des Auftraggebers kontrollieren. Bei jeder Studie mindestens einen nichtbeteiligten Wissenschaftler zum Gegenchecken aufbieten. Oder noch besser: Nur Studien aus anerkannten wissenschaftlichen Publikationen mit Peer-Review und Science Impact verwenden.

Der Idioten-Umkehrschluss

Diese Kapriole des Bullshits findet sich oft in politischer Kommunikation, ist aber auch in Alltagsgesprächen häufig auszumachen. Sie ist ziemlich einfach und soll Pauschalisierungen rechtfertigen. Zum Beispiel: «Die Täter waren Ausländer.» -> Idioten-Umkehrschluss: Ausländer sind Täter. Oder: «99 Prozent der Sexualstraftätern sind Männer. Männer sind alle grundsätzlich Sexualstraftäter! 99 Prozent!». Hier reicht es, einfach die Frage umzukehren und für 5 Sekunden nachzudenken, um den Bullshit zu widerlegen.

Die klassische Ente

Die klassische Zeitungsente entsteht aus schlampiger, redaktioneller Arbeit. Falschmeldungen dieser Art werden aber meist innert Stunden entdeckt und mit einer Richtigstellung korrigiert.

Der Mix

In der politischen Kommunikation sind Fakenews keine isolierten Ereignisse, sondern folgen oft einer absichtlichen oder unbewussten Agenda. Verwendet werden alle Formen der Manipulation und der Fehlinformation, oft so intensiv, dass der Absender selbst an die Realität seiner Argumentation zu glauben beginnt. Um sich vor dieser Art der Manipulation zu schützen, hilft es, Medienkompetenz zu entwickeln und sich aus möglichst vielen Quellen zu informieren. Um die Glaubwürdigkeit der Quellen einzuordnen, hilft es, seinen gesunden Menschenverstand einzusetzen. Dazu kann man kurz die älteren Geschichten anschauen und sehen, wie viel Tatsachen inzwischen dazu ermittelt wurden und wie die Berichterstattung der Quelle davon abweicht. Verifiziere Fakten, indem du Medien mit unterschiedlicher politischer Ausrichtung wählst und schaust, in welchen Bereichen sich die Berichterstattung gegenseitig bestätigt.

Ansonsten halte dich an Fachleute, denen du vertraust. Fragen hilft immer.

Das #NoBillag-Marktparadox

Viele meiner liberalen und libertären Bekannten sind Unterstützer der #NoBillag-Initiative. Ihr Hauptargument ist, dass sich ein Medienangebot am Markt orientieren und da bestehen müsse.

Ignorieren wir einmal, dass Information keine normale Handelsware, sondern der Treibstoff einer funktionierenden, freien Demokratie ist, und schauen uns das Szenario einer SRG auf dem freien Markt an. Ich zeichne hier ein Bild, wie ich als Medienprofi das Unternehmen weiterführen würde.

Die SRG ist das grösste Medienhaus der Schweiz. Zur Zeit ist ihre Hauptaufgabe der Service Public und sie ist beschränkt, was Werbeinhalte und Online angeht. Sie liefert uns – quasi wie ein Haustier – was wir benötigen und wird kontrolliert und hat nur eine bestimmte Weide, die sie abgrasen darf.

Was passiert bei Annahme der Initiative? Die SRG würde von einem Tag auf den anderen das grösste private Medienhaus der Schweiz, mit grösster Reichweite und bester Infrastruktur auf dem Markt. Und ihre Hauptaufgabe wäre plötzlich, unternehmerische Gewinne einzufahren. Es wäre dann kein „Schweizer Fernsehen & Radio“ mehr, sondern eine Art RTL oder Pro7.

Natürlich würde sie den kostenintensiven und nicht profitablen Teil des Service Public abwerfen. Sie würde sich vielleicht personell redimensionieren. Und dann würde sie die Werbeinhalte erhöhen, weil da das Geld liegt. Sie würde ohne Beschränkung den Werbemarkt aufrollen, ganz einfach, weil sie mit der Marktmacht alle kleineren Player an die Wand fahren könnte. Die Inhalte würden so gewählt oder produziert, dass sie höchstmögliche Werbereichweite generieren. Die SRG könnte die Preise für Werbung und Reichweite wohl mehr oder weniger bestimmen und den anderen nur noch Brosamen übriglassen.

Als nächster Schritt käme die Diversifizierung im publizistischen Bereich. Zuerst der Ausbau der Online-Angebote in einem Verhältnis von mindestens 1:10, ohne dass das einen Franken Investition kosten würde. Einer privaten SRG könnte niemand mehr Vorschriften machen, wie viel ihrer Angebote sie wann online stellt. Sie würde jetzt führende Informationsplattformen aussehen lassen wie private Gschpürschmi-Blogs.

Dann käme wohl die Investition in Print. Der qualitativ gute Content könnte ohne grossen Aufwand nochmals vertieft für Magazine oder Wochenezeitungen aufbereitet werden, ohne dass die Infratsruktur dafür gross erweitert werden müsste. Sie könnte die Inhalte nebst über Radio, TV und Online noch ein viertes Mal verkaufen.

Und zum Schluss würde die SRG natürlich Agenturen zur Produktion von Werbeinhalten und zur Platzierung derselben gründen. Sie würde massgeschneiderte Angebote für alle Kanäle produzieren und auch gleich platzieren. Der Schweizer Markt wär per se Eigentum der SRG.

In allen Bereichen hätten die bisherigen Player kaum eine Chance. Zudem wärs für eine private SRG nicht besonders schwer, Investoren zu finden, bzw. von anderen Projekten abzuziehen.

Aus dem Haustier, das wir zur Zeit kontrollieren, würde ein Raubtier, das man in dem kleinen Medien- und Werbehühnerstall Schweiz unkontrolliert jagen lassen würde.

Ich persönlich bevorzuge eine SRG, die den Schweizern gehört, und deren Hauptaufgabe nicht Gewinn sondern Service Public ist.

Ansonsten haben wir einen Monopolisten, der die kleineren Player mit einer Hand auf dem Rücken in den Dreck schmeissen kann. Es gäbe keinen „freien Markt“ mehr.

Billag – die Logik des Service Public

Ich mag viele Angebote von SRF nicht. Die Jass-Sendungen zum Beispiel. Andere mag ich theoretisch, schau sie aber nie, weil sie in der Realität zu langweilig sind. Sternstunde irgendwas zum Beispiel. Wahrscheinlich mag ich mehr als 2/3 der SRF-Sendungen im Radio und im Fernsehen nicht. Ich gehöre nicht zum Zielpublikum und wenns nach mir ginge, könnte man sie einstellen.

Nur, es geht nicht nach mir. Service Public bei SRF funktioniert ein wenig wie Meinungsfreiheit: Grundsätzlich muss ich nicht mögen, was du schaust oder was du hörst. Als überzeugter Demokrat muss ich mich aber dafür einsetzen, dass auch deine Interessen in der Medienvielfalt vertreten sind. Das Ziel ist Ausgewogenheit. Extreme Positionen ausgenommen. Natürlich denkt jeder, der es nicht schafft, sein persönliches Bias zu überwinden, er werde dabei ungerecht behandelt.

Bei SRF ist es jedoch so, dass wir öffentlich über jeden kleinen Fehler diskutieren UND auch das Recht dazu haben. SRF reagiert auch darauf. Privaten Medien geht inhaltliche oder qualitative Kritik am Arsch vorbei, solange die Kasse stimmt. Diese Entwicklung sehen wir gerade bei diversen Medienhäusern.

Die Billag garantiert  – nicht nur beim SRF – eine gewinnunabhängige Berichterstattung. Informations – und Unterhaltungsformate, die zwar nur einen Teil der Bevölkerung interessieren, die aber nirgends sonst berücksichtigt würden.

Wenn wir also davon ausgehen, dass alle Schweizer mit rund 2/3 der Inhalte von SRF nicht einverstanden sind, und wenn wir dann schliessen, dass sich diese 2/3 nur teilweise überschneiden, macht SRF einen guten Job. Sie schaffen es, für jeden 1/3 Inhalte zu bringen, die er/sie annehmen kann.

Wenn wir jetzt dem Öffentlichrechtlichen das Geld wegnehmen, kann das nicht mehr gemacht werden. Produziert werden dann nur noch Formate, bei denen das Werbeeinkommen die Sendung rechtfertigt. Keine Jass-Sendungen mehr. Keine Regionaljournale mehr (geringe Reichweite), keine Nischeninteressen mehr. Nur noch blanker Mainstream.

Also alle, die sich gerade über «Mainstreampresse» aufregen, alle, die sich bei SRF nicht genügend vertreten fühlen, alle, die das Schweizer Fernsehen für einseitig halten: Mit der Anti-Billag-Initiative schafft ihr genau das, was ihr jetzt bejammert.

Nur mit einem Billag-finanzierten SRF ist eine Vielfalt abseits von Gewinn garantiert.

Und nur mit einem Billag-finanzierten SRF haben wir Mitspracherecht.

Medienethik: Komplizen des Terrors

Brüssel-Front

Der Newswert eines solchen Bildes ist gleich Null.

Blut, Infoschnipsel und Kurzsch(l)uss-Analysen spritzen im Minutentakt zu den Anschlägen in Barcelona von den Onlineportalen der grossen europäischen Tagesmedien. Seit dem Anschlag auf Charlie Hebdo ist die Berichterstattung im Update-Stil einer Sportreportage–  Ticker – bei Terroranschlägen State of the Art.

Newsteams bereiten den Horror in kleinen Löffeln zu, heizen ihn auf, klopfen gegen die Spritze und injizieren ihn dem Leser alle paar Minuten. Er soll ja nicht auf Entzug kommen, er soll im Klicktaumel bleiben, bis zur Besinnungslosigkeit.

Damit gehen Medien und Terroristen Hand in Hand. Damit potenzieren die Medien die gewollte Wirkung der Anschläge. Das Ziel von Terror ist nicht, Menschen zu töten, sondern Angst und Schrecken zu verbreiten. Und dies geht nicht ohne Medien.

Im Printzeitalter hatte man eine oder zwei Ausgaben, jeweils morgens, voller Blut und Terror. In Online-Zeiten sind es Nonstopp-Pushmeldungen im Minutentakt, die Tweets von Randfiguren, Gerüchte, geleakte, unbelegte Infos und hilflose Statements der Behörden liefern, die der Leser auch ohne irgendwelche Defizite zusammengefasst zwei Mal am Tag bekommen könnte.

Doch die Chefs der Newsrooms sind so auf die Konkurrenz, so auf den Fluss der Droge Blut und auf den Nachschub an Pseudo-Fakten fixiert, dass sie vergessen, was ihre Aufgabe  ist.

So übernehmen sie die Hauptarbeit des Terrorismus: Das Verbreiten von Panik und Hass. Und sie machen es nicht in der gerade eben notwendigen Art der Berichterstattung, sondern im Taumel der Katastrophe. Terroranschläge sind zu 60 Prozent Medienereignisse und zu 40 Massaker. Würde man die 60 Prozent reduzieren, wäre die Wirkung des Terrors um Welten geringer.

Kollegen werden nun aber auf die «Informationspflicht» verweisen. Ja, die ist vorhanden. Nur, ich hab selbst schon in Newsredaktionen gedient. Jeden Tag melden die Agenturen Hunderte von Toten und Dutzende Anschläge. Die meisten davon schaffen es nicht mal als Meldung in eine Spalte oder auf die Homepage.

Natürlich liegen uns Brüssel und Paris emotional näher als Bagdad oder  Pakistan. Aber liegen sie uns näher als Istanbul?

Es ist nicht die Informationspflicht, die diese Blüten treibt. Es ist auch nicht der Newswert. Es ist die reine Sensationsgier, die Blutgeilheit, die man sonst nur dem Boulevard vorwirft, die hier zum Tragen kommt.

«Aber der Leser will das!», hör ich dann.

Ja, der Leser will auch Pornos, wenn man den Online-Statistiken vertrauen will. Und trotzdem sehen sich die Verantwortlichen nicht in der Pflicht, die auf ihren Portalen nonstopp zu zeigen.

Es ist Zeit, dass sich die Online-Chefs wieder auf ihre journalistische Verantwortung besinnen und nicht unbewusst jeden Klick in Werbe-Silberlinge umrechnen.

Seid keine Komplizen des Terrors!

Bremst euch.