Das Dilemma der Pazifisten

Realität bringt Ideale um.

Realität bringt Ideale um.

Dieser Text wurde 2015 im Hinblick auf die Gewalt des IS geschrieben. Durch den Giftgasangriff hat er wieder enorme Aktualität..

Ich bin einer von denen, die den ersten und den zweiten Irakkrieg verurteilt haben, weil man Demokratie selten mit Bomben in ein Land tragen kann, dessen Bevölkerung sich erst zur Demokratie entwickeln muss. Ich bin eigentlich Pazifist. Das «eigentlich» ist mit dem arabischen Frühling dazu gekommen. Weil: Man ist Pazifist oder eben nicht. Halb-Pazifisten gibts nicht.

Die Situation im arabischen Raum hat mich meine idealisierte Weltsicht noch einmal überdenken lassen. Als es gegen Assad ging, als ein Teil des syrischen Volkes gegen seinen Diktator aufstand und ein anderer Teil ihn bis zum letzten Blutstropfen verteidigte, war ich ratlos. Ich dachte, Flugverbotszonen würden die Leute daran hindern, sich mit grösserer Gewalt zu massakrieren. Aber weit gefehlt, es führte nur dazu, dass das Gemetzel am Boden länger und für die Zivilbevölkerung damit schlimmer wurde. Mehr Flüchtlinge, mehr Elend.

Dann dachte ich, dass unbedingt Waffen an die «Freiheitskämpfer» geliefert werden müssten, was meine pazifistsche Ausrichtung schon ziemlich strapazierte. Und mit welchem Ergebnis? Der IS massakriert jetzt Leute mit genau den Waffen, für die ich mich vor einigen Monaten ausgesprochen habe. Assad vergiftet sein Volk mit Giftgas und die Russen halten schützend seine Hand über ihn.

Inzwischen diskutieren die Vereinten Nationen mit der uns bekannten Effizienz wahrscheinlich noch Monate über ein mögliches Vorgehen, oder zumindest eine Note, die das Geschehen verurteilt. Was übrigbleibt, ist der Ruf nach dem Weltpolizisten USA.

Ich bin kein Freund der amerikanischen Aussenpolitik. Normalerweise stehen irgendwelche geopolitischen Interessen – sprich Öl – an vorderster Front neben den US-Einsatzkräften und diktieren das Vorgehen. Aber für einmal wüsste ich nicht, wer sonst eingreifen könnte. Die EU? Die überlegen sich, wie sie sich wieder mit Waffenlieferungen in die Region freikaufen könnten. Die Franzosen, im arabischen Frühling noch grossartig dabei beim Tauschen von Waffen gegen Ölförderungsrechte, sind jetzt still. Die Deutschen, eigentlich ethisches Vorzeigekind Europas, sehen hilflos zu, wie die Barbarei weit ab um sich greift. Reiben betroffen die Hände bei öffentlichen Verurteilungen der Morde der verblendeten Schlächter. Also, wer soll da eingreifen? Die Türken? Die können sich gerade nicht entscheiden, ob sie auf die Kämpfer der IS schiessen oder die Gelegenheit wahrnehmen sollen, endlich die verhassten Kurden abzumurksen.

Natürlich wäre ein UN-Einsatz ethisch viel wünschenswerter als ein Einsatz von US-Truppen. Die Luftangriffe sind zwar ein Anfang, aber sie werden die Fanatiker des «Islamischen Staates» und  den Schlächter Assad nicht stoppen. Und sie müssen gestoppt werden. Nicht nur, um ihre unschuldigen Opfer zu schützen, sondern um zu zeigen, dass wir im 21. Jahrhundert keinen Barbaren mehr gestatten, Völkermorde zu begehen. Wir, das sind wir alle. Muslime, Christen, Atheisten.

Natürlich könnte man warten, bis die Weltgemeinschaft sich auf ein Vorgehen geeinigt hat. Dann würde man bei der Befreiung der Region, wie am Ende des zweiten Weltkriegs, die Greuel aufdecken, die man selbst mitverschuldet hat, weil man zu spät eingriff. Und was kann die Schweiz tun? Sie kann ihre Neutralität gegenüber der Barbarei aufgeben. Da gibts keine Verhandlungen, da gibts keine «guten Dienste». Da gibts nur klare Verurteilung. Und natürlich wärs schon ein erster Schritt, wenn wir die Leute nicht «Flüchtlinge» nennen, solange sie da unten sind, aber «Asylanten», wenn sie hier ankommen.

So stehe ich also da, als Pazifist, und bin zutiefst überzeugt, dass meine gehassten Lieblingsimperialisten, die USA, mit Truppen und Gerät in die Krisenregion gehen und aufräumen sollen. Der verhasste Weltpolizist soll Gewalt anwenden, um schlimmere Gewalt zu stoppen und ein Zeichen gegen das Mittelalter, das in der Region aufzieht, zu setzen.

Es ist immer bitter, wenn man zugeben muss, dass man mit den eigenen Theorien, Idealen und Weltsichten an einem Punkt angekommen ist, an dem sie nicht mehr weiterhelfen.

Aber noch bitterer wär es, an ihnen um jeden Preis festzuhalten. Die Realität hat die Angewohnheit, Ideale zu zerstören.

«Sollen sie doch da bleiben und kämpfen …»

Hinter jedem Gesicht steckt eine Geschichte.

Hinter jedem Gesicht steckt eine Geschichte.

Ich kann den Scheiss nicht mehr hören. In jedem Kommentarfeed zum Thema Flüchtlinge kommt mindestens ein aufrechter Schweizer Vollidiot, der lakonisch und in völliger Ignoranz der Kriegsrealität einwirft: «Diese jungen Männer sind Feiglinge! Sollen sie doch da ihre Familien und ihr Land verteidigen!»

Diese martialischen Freizeit-Rambos und Tastaturhelden kennen den Tod nur aus «Tatort», haben noch nie einem sterbenden Menschen in die Augen geschaut, halten sich aber für die letzte Bastion der Männlichkeit. Helden der Waffenmagazine auf dem Klo. Es gab sie immer. Früher hiess es mit Blick aufs Sturmgewehr im Wohnzimmer: «Wenn der Russe kommt! Ha, dem werde ichs schon zeigen.» Ihr Kriegsverständnis stammt aus den Hollywoodfilmen der 80er, in denen irgendein Ex-Soldat stellvertretend für die USA den Vietnamkrieg im Nachhinein ganz alleine gewinnt.

Also, kurz und vereinfachend, zum Verständnis der Art von Krieg, wie er in Syrien stattfindet:

Nehmen wir an, lieber Hansruedi Rambo, dein Dorf wird von sechs verschiedenen Kriegsfraktionen umkämpft. Du kennst keine dieser Fraktionen, die Soldaten kommen aus Gegenden, in denen du noch nie warst, haben Ziele, die du nicht verstehst. Alle Gruppen interessieren sich einen Scheissdreck für dein Dorf. Sie wollen nur alle den Hügel, von dem ihre Mörser die Stellungen der Feinde besser massakrieren können.

Ok, soweit, so klar. Nun ist es aber so, dass jedes Mal, wenn eine Fraktion etwas vorrückt, alle anderen Fraktionen dein Dorf mit Bomben und Kugeln einstampfen, damit keiner einen Vorteil hat. Du, und natürlich deine Familie, sind Kollateralschäden. Dein Haus ist jeden Tag Deckung für eine andere bewaffnete Gruppe.

Welcher Fraktion würdest du dich anschliessen?

Was diese Männer machen, ist, dass sie ihre Familien in möglichst sichere Gefilde bringen, vielleicht nur ins Nachbardorf, vielleicht aber auch ins nächste Flüchtlingslager. Da es meist Bauern, Handwerker und kleine Leute sind, können sie sich nicht vorstellen, dass der Krieg sich über hunderte Kilometer in alle Richtungen erstreckt. Und dass alle paar Kilometer ein anderer kleiner Kommandant mit anderen Prioritäten seine Ziele verfolgt, in denen Flüchtlinge und Dorfbewohner wenig Platz einnehmen.

Die jungen Männer sammeln dann alles Geld der Familie und machen sich auf den Weg nach Norden, um dort einen sicheren Platz für ihre Angehörigen zu suchen. Die, die es bis zu uns schaffen, sind meist die besser Gebildeten. Was in diesem Setting heisst, dass sie mehr als 5 Jahre die Schule besucht haben und eine Karte lesen können. Vielleicht hatten sie sogar ein eigenes kleines Geschäft, da hinten, in den Bombentrümmern.

Nun, die Frage: Warum gehen die jungen Männer und nicht die jungen Frauen mit den Kindern?

Ganz einfach: Der Weg durch aktives Kriegsgebiet ist nicht gerade das, was man seinen Kindern und seiner Frau zumuten will. Der Mann hat die Verantwortung, kann sich am besten wehren und hat die grössten Chancen, den Weg zu überleben.

Hier angekommen, traumatisiert, einsam, wütend, verloren, sollen sie sich grad vom ersten Tag an wie Europäer verhalten, um ein Anrecht auf Hilfe zu bekommen. Natürlich gibts bei einzelnen dieser jungen Männern Schwierigkeiten bei der anfänglichen Anpassung. Natürlich wollen sie nach ein paar Wochen ihre Familien nachholen. Das ist ja der Grund, warum sie sich überhaupt auf den Weg gemacht haben. Oder würdet ihr, grosse Helden der dummen Kommentare, eure Familien im Kriegsgebiet lassen wollen?

Also, liebe Sofahelden, haltet einfach mal die Fresse. Während ihr euch bei «Bauer sucht Frau» an den Eiern kratzt und darüber jammert, dass ihr euch keinen Zweitwagen leisten könnt, haben diese jungen Männer mehr Tod, Verzweiflung und Angst gesehen, als ihr bei all euren Fernsehkrimis, Kriegsfilmen und Russia Today gemeinsam.

Falls ihr mir nicht glaubt, spendiere ich euch gerne die Reise nach Homs, Aleppo oder einer der anderen Destinationen, in denen ein Menschenleben gerade mal eine Kugel wert ist.